Kupferdreh: Ruhr und Natur, alte Industrie und A44

Städtebaulich eine Sünde: Die aufgeständerte Autobahn 44prägt Essen-Kupferdreh wie kein zweites Bauwerk.
Städtebaulich eine Sünde: Die aufgeständerte Autobahn 44prägt Essen-Kupferdreh wie kein zweites Bauwerk.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Nähe zur Ruhr und der hohe Naherholungswert zeichnen Kupferdreh aus. Auch die A 44 prägt Kupferdreh. Der vierte Teil unserer Stadtteil-Serie „60 Minuten in...“.

Essen.. Wir treffen Johannes Rainer Busch auf dem Wochenmarkt in Kupferdreh. Die Blumen blühen, das leben blüht hier auch. „Kupferdreh ist einer der schönsten Stadtteile Essens“, schwärmt der 66-Jährige. „Wir haben einen lebendigen Ortskern, eine wunderschöne Natur. Wir haben hier alles, was das Herz begehrt.“ Johannes Rainer Busch ist heimatverbunden und weiß viel zu erzählen über seinen Stadtteil. Mehr als 20 Jahre hat er den historischen Arbeitskreis der Kupferdreher Bürgerschaft geleitet. Was er nicht auf seiner persönlichen Festplatte gespeichert hat, schlummert im Archiv unter dem Dach eines alten Schulgebäudes. Heute beherbergt der massive Steinbau ein Museum für Mineralien.

Ruhrschiffer sprachen von der Flussbiegung „Kupperdrehe“

Wir erfahren, dass Kupferdreh seinen Namen den Ruhrschiffern verdankt. „An der Kupperdrehe“ nannten diese eine natürliche Erhebung. Dort, wo einst der Deilbach in die Ruhr mündete und wo der Fluss eine besonders enge Schleife schlägt. Im 19. Jahrhundert dampften dort die Schlote der Phönixhütte. Heute wohnt hier exklusiv am Wasser, wer es sich leisten kann.

Kupferdreh hat viele Gesichter. Nicht alle sind so schön wie dieses.

Denn die Industrie mit ihren Hüttenwerken und Zechen an der Ruhr hat auch Kupferdreh geprägt. Ihre Wiege stand nur wenige Gehminuten entfernt im Deilbachtal. Schon im 16. Jahrhundert wurde dort Kupfer hergestellt. Die historischen Hammerschmieden stehen noch und werden langsam wachgeküsst. Sie könnten ein touristisches Pfund werden, mit dem Kupferdreh wuchern kann. Denn Vergleichbares gibt es kein zweites Mal.

Kupferdreh war Hochburg der „Deutschen Christen“

Manche Spuren der jüngeren Geschichte lagen im Verborgenen. Johannes Rainer Busch führt uns zu einem Mahnmal nur ein paar Schritte entfernt vom Marktplatz. Auf Stelen aus Stahl sind die Namen jener Kupferdreher Bürger verewigt, die Opfer des NS-Terrors wurden, darunter die Mitglieder von drei jüdischen Familien. „Da wurde Jahrzehnte nicht drüber gesprochen“, berichtet Busch. Als die Nationalsozialisten herrschten, war Kupferdreh eine Hochburg der Deutschen Christen, einer antisemitischen und rassistischen Strömung in der evangelischen Kirche. Busch hat auch dieses dunkle Kapitel der Kupferdreher Geschichte mit aufgearbeitet hat. Das Mahnmal wurde auf Initiative der Bürgerschaft aufgestellt.

Johannes Rainer Busch führt uns weiter, die Kupferdreher Straße entlang. Die Ladenmeile überrascht mit vielen Inhaber geführten Geschäften. Dabei hatte es der Einzelhandel nicht leicht. „Kupferdreh ist seit 20 Jahren eine Baustelle“, sagt Busch. Im Planungsamt nennen sie es Stadtumbau. Und der ist noch nicht am Ende angekommen. Das gilt für den geplanten Busbahnhof wie für die Offenlegung des Deilbachs.

Autobahn sollte ohne Stützen gebaut werden

Noch verschwindet der Bachlauf zwischen mächtigen Betonpfählen im Untergrund, womit wir bei unserem Rundgang an jenem Bauwerk angekommen wären, das Kupferdreh prägt wie kein zweites: die Trasse der A 44.

Aus der Vogelperspektive sieht es so aus, als habe ein Riese eine Carrera-Bahn auf eine Ansammlung von Miniaturhäuschen gelegt. Eine skurrile Idee und rein städtebaulich betrachtet eine Wahnsinnstat. Es hätte sogar noch schlimmer kommen können, betont Busch. „1970 waren wir froh, dass sie die Trasse aufgeständert haben.“

Andernfalls würde die Autobahn den Stadtteil abschneiden von Ruhr und Baldeneysee. Wer dort Naherholung sucht, muss eben drunter durch unter der A 44 und auch unter dem neuen S-Bahnhof. Denn mit ein paar Jahrzehnten ist die Bahn dem Beispiel der Autobahnbauer gefolgt – auch die Gleise liegen jetzt in Essen-Kupferdreh eine Etage höher.

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