Das aktuelle Wetter Essen 18°C
Kultur

Schräge Töne im Essener Hauptbahnhof

01.09.2010 | 06:10 Uhr
Schräge Töne im Essener Hauptbahnhof
Klatschen kann auch Musik sein: die Gruppe „Splash“ in der Bahnhofshalle. Foto Alexandra Umbach / Waz FotoPool

Essen.Mit dem Sonderzug „Sounding D“ warb das Netzwerk Neue Musik am Essener Hauptbahnhof für zeitgenössische Musik. Folkwang-Studenten trugen die Klänge zudem zwei Stunden lang in die Bahnhofshalle.

„Heute schon gehört?“ Unter diesem Motto wollen das Netzwerk und die Kulturstiftung des Bundes die Ohren öffnen nicht nur für zeitgenössische Musik, sondern fürs Hören überhaupt. So konnten sich die Pendler am Bahnsteig vor dem Einsteigen in die Regionalbahn nach Münster in Klänge aus Berlin, Dresden oder Saarbrücken vertiefen.

Der Klang der Kantine

So lernten sie etwa, dass es am St. Johanner Markt in Saarbrücken klingt wie in einer Kantine nach dem Mittagsansturm: Besteck klappert, dahinter dröhnt dumpf eine Kehrmaschine. „Sehr interessant, da die Sinne für Alltägliches geschärft werden“, sagt René Dedaj (27)vor der Heimfahrt nach Haltern. In der Bahnhofshalle überhören Instrumentalschüler der Folkwang-Uni derweil souverän die gängigen Witzchen: „Stimmen die noch oder spielen die schon?“ Das Percussion-Team von „Splash“ hat rhythmisch klatschend nach der „Clapping Music“ von Steve Reich das Foyer-Konzert eröffnet.

Hornist Tobias Salinga holt sich von Koordinatorin Lesley Olson seine Einsatzzeit für Bernhard Krols „Laudatio“. Eigentlich hätte er am Nordeingang stehen sollen. Doch da bereiten die Bagger lärmend den Boden für den neuen Bahnhofsvorplatz. Mitten im Bahnhof kommt er selbst laut rüber: Obwohl er sein Instrument dämpft, halten sich Passanten die Ohren zu. Das passiert auch Shigetoshi Ampo, der gegenüber vom Asien-Imbiss mit seiner Posaune Folke Rabes „Basta“ anstimmt: Warum das Stück so heißt, erklärt sich aus seinem Spiel sofort. Deutliche geneigtere Zuschauer umstehen dagegen Stela Bekirova, die ihrer Oboe zahllose Obertöne entlockt für Heinz Holligers „Studie über Mehrklänge“.

Kann man, soll man sich das anhören? Auf jeden Fall, sagt der Essener Michael Buchmüller (52). Schränkt allerdings ein: „In ein Konzert gehen und dafür Geld bezahlen würde ich nicht.“ Er betrachtet den Event eher als soziales Experiment: „Es ist weniger die Musik, die mich hier stehen lässt. Es ist viel interessanter, die Reaktion der Menschen zu beobachten.“

„Das hier ist bestimmt nichts für ältere Menschen“

Musik fährt ein

Von eben diesen Reaktionen ist die Düsseldorfer Musikerin Julia Arbeiter (26) nicht angetan. „Ich bin sehr enttäusch über die Leute. Keiner hört zu, alle laufen nur weiter.“ Diesen Eindruck teilt Lesley Olson nicht. „Viele Leute bleiben stehen. Viele gehen auch weiter, aber damit haben wir gerechnet, das ist okay.“ Zuhörerin Irene Walter fällt ein diplomatisches Urteil: „Das hier ist bestimmt nichts für ältere Menschen. Aber bei Jungen könnte das ankommen.“

Zum Finale im Foyer formieren sich 16 Instrumentalschüler und Studierende zu Günter Steinkes „Was ihr wollt“. Zwischendurch klingt es, als würden die Musiker genau dieser Devise beim Spielen folgen. Doch im Gegenteil ist die Musik sekundengenau synchronisiert: 16 Stoppuhren ersetzen einen Dirigenten und lassen die Musik in Oktav-Akkorde einmünden.

Musik? „Ich würde es nicht Musik nennen“, sagt der Essener Oliver Kolks (25). „Die Musik spiegelt die Hektik des Bahnhofes wider“, findet Julia Mörs (17) aus Neuss. Außerhalb des Bahnhofes will sie solche Klänge nicht hören: „Viel zu unharmonisch für mich.“ Nach dem letzten Ton in der Bahnhofshalle und einer Sicherheitspause - kommt da noch was? - brandet im Publikum Beifall auf. Lesley Olson setzt ihre Querflöte ab und strahlt: „Ich finde, das ist toll gelaufen.“ Dann sammelt sie ihre Musiker ein. Denn nach der erste Musikstunde heißt es: da capo al fine; noch einmal alles von vorn.

Kai Süselbeck

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3635018/create

Aktuelle Fotos und Videos
Ice Age Live!
Bildgalerie
Fotostrecke
Krupp im Ruhr Museum
Bildgalerie
Ausstellung
Satirisches Frankreich
Bildgalerie
Ausstellung
Thees Uhlmann in Essen
Bildgalerie
Konzert
Aus dem Ressort
Gipfel der Klassik-Stars Sol Gabetta und Hélène Grimaud
Kultur
Cellistin Sol Gabetta und die Pianistin Hélène Grimaud nehmen in der Essener Philharmonie ihr erstes gemeinsames Album auf.
Text
Eine Geschichtsstunde mit Ekel Alfred
Essen
Kennen Sie ihn noch? Heinz Schubert als Alfred Tetzlaff, das Ekel? Einige der 25 Episoden der Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“ von Wolfgang Menge darunter „Die Silberhochzeit“ und „Der Silvesterpunsch“ sind zu Standards mit festen Sendeplätzen für jährliche Wiederholungen geworden. Diese...