Premiere von „Das Bergwerk“ - Kraft der Verlierer
20.05.2011 | 12:26 Uhr 2011-05-20T12:26:00+0200
Essen.Regisseur Tilman Gersch bringt die deutschsprachige Erstaufführung von Michal Walczaks Drama „Das Bergwerk“ auf die Bühne des Grillo-Theaters. Das Stück, das den Niedergang der polnischen Bergbau-Stadt Walbrzych behandelt, passt zum Revier.
Das Gefühl ist noch vertraut: In Zeiten ohnehin schon knapper „Kohle“ verlieren mehr als tausend Menschen ihre Arbeit, und eine Ära wird beendet. Vor 25 Jahren, im Dezember 1986, schloss mit Zollverein die letzte Zeche in Essen. Ein schmerzhaftes Ereignis. In den 1990-er Jahren erging es der kleinen polnischen Bergbaustadt Walbrzych/Waldenburg in Niederschlesien nicht anders. Ihren Niedergang nahm der in seiner Heimat bekannte Autor Michal Walczak 2004 zum Anlass für ein Drama über Arbeitslosigkeit. Die deutschsprachige Erstaufführung von „Das Bergwerk“ ist ab morgen in Essen zu sehen.
„Das Stück passt schon gut hierhin“, sagt Regisseur Tilman Gersch, „weil es mit dem vergangenen Glanz der Kohleindustrie zu tun hat und die Stadt immer noch etwas Arbeiterhaftes hat - trotz der Umstrukturierung zur Dienstleistungsstadt. In Wiesbaden würde es nicht so gut passen.“
Am dortigen Staatstheater gehört Gersch zum künstlerischen Leitungsteam. Bis zu dieser Station seiner Karriere hat er vorwiegend am Schauspiel Leipzig bei Wolfgang Engel, am Staatstheater Hannover und am Thalia Theater Hamburg bei Ulrich Khuon sowie am Deutschen Theater in Göttingen bei Mark Zurmühle inszeniert. „Ich habe auch an vielen anderen Theatern gearbeitet. Aber da hat es besonders gut funktioniert mit der Zusammenarbeit“, erzählt Gersch. Ästhetisch an einem Strang zu ziehen und engagiertes Theater zu machen, ist für den 46-Jährigen, der in den 1980-er Jahren von der Berliner Theaterszene geprägt wurde, ganz wesentlich.
„Es gibt heute viel mehr zeitgenössische Stücke“
Während der Proben zu „Das Bergwerk“ erkrankte Hauptdarsteller Jörg Malchow. Die Rolle des Adzio übernimmt Sebastian Tessenow bis zum Sommer. In weiteren Rollen u.a. Silvia Weiskopf, Gerhard Hermann, Tom Gerber, Holger Kunkel, Ingrid Domann und Jan Pröhl. Bühne und Kostüme: Henrike Engel. Musik: Bernd Jestram. Chorleitung: Barbara Morgenstern. Für die Premiere am Samstag, 21.5., gibt es Restkarten. Termine und Tickets: 81 22 200
Mag sein, dass er früher mehr Klassiker auf die Bühne gebracht hat, inzwischen ist es anders. „Das hat damit zu tun, dass es heute viel mehr zeitgenössische Stücke gibt“, bemerkt er. Elfriede Jelinek findet er großartig. Und auch den 33-jährigen Michal Walczak schätzt er. „Er hat ein Gespür für soziale Ohnmacht. Er zeigt Menschen in wirtschaftlicher Depression mit großer theatralischer Lebendigkeit und die Kraft der Verlierer, wenn die sich am Schopfe packen und aus der Misere ziehen.“
Doch zunächst geht es mitten hinein. Nach der Schließung eines Bergwerks fliehen sie in Obsessionen. Der eine greift zur Eifersucht, der andere fängt an zu stehlen, und wieder ein anderer macht sich so klein wie ein Hund. „Reaktionen auf eine Krise, der der Mensch ausgesetzt ist“, stellt Gersch fest, nennt sie „Ohnmachtsverhältnisse“. „Und niemand kann sie retten, weder Kommunismus noch Kirche noch Marktwirtschaft.“ Auf den krassen Realismus lässt der Autor surreale Momente treffen, aus den einfachen Worten seiner Figuren macht er eine Kunstsprache. „Er sucht die Überhöhung, will keinen platten Naturalismus. Er bietet die Möglichkeit, pralles, emotional bewegendes Theater zu machen.“ Und die ergreift Gersch nur zu gern.
Elendsmalerei liegt ihm fern. Das geschlossene Bergwerk wird nur angedeutet. Lieber greift er „das Zirzensische“ des Stücks und den skurrilen Humor auf. „Wir kamen auf die Idee, dass es in einer Geisterbahn spielt“, berichtet der Regisseur. Seine Bühne, die Henrike Engel eingerichtet hat, ist ein altes Fahrgeschäft, das für die gestrandeten Figuren zum Lebensraum wird. Hier werden Geschichten erzählt und Lieder im Chor gesungen. Je nachdem stimmen sie ein Bergarbeiterlied, ein Kirchenlied, ein Schlaflied oder ein Trauerlied an. Hier findet Trost auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner statt. „Das“, meint Tilman Gersch, „hat etwas sehr Aufbauendes“.
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