Kampf um die Freiheit
01.02.2012 | 19:46 Uhr 2012-02-01T19:46:00+0100
Essen. Bekannte regisseurin bringt Graf Öderland auf die Bühne des Grillo-Theaters.
Ihre Inszenierungen gelten als politisch, körperbezogen und bildreich – bequem sind sie nicht. Da erscheint Konstanze Lauterbach nur folgerichtig als Regisseurin mit Ecken und Kanten. Mit Max Frischs „Graf Öderland“ widmet sie sich am Grillo-Theater dem Thema Widerstand – was kein Zufall ist. Es hat mit ihrem ganz persönlichen Zugriff auf das Theater zu tun.
Frisch habe sie zu Schulzeiten gelesen, Graf Öderland kurz danach, erzählt die in Thüringen geborene Konstanze Lauterbach. Der Schweizer Autor gehörte mit seinen Werken auch in der ehemaligen DDR zur Pflichtlektüre. Doch „irgendwann ist er völlig in Vergessenheit geraten“.
Lauterbachs geistiger Vater war Heiner Müller. Damals an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, wo sie Germanistik und Literaturwissenschaften studierte und ihre ersten Arbeiten an der Studentenbühne entstanden.
Angepasst war sie nicht – trotz aller Vorgaben und Verbote. „Was ich gemacht habe, war mehr als provokant“, sagt sie. Die reiche Körpersprache, die ihren Stil prägte, kam später hinzu. Als sie 1987 ein Videoband der Choreographin Pina Bausch sah, beeinflusste sie das nachhaltig: „Eine Pina Bausch geht niemals verloren.“ Weder in Leipzig noch in Berlin, Bremen, Wien, München, Düsseldorf, Dresden, Braunschweig und wo immer Konstanze Lauterbach engagiert war.
Ob Schauspiel oder Oper, die sie früh für sich als „ganz große Bereicherung“ entdeckte – ihre Werkauswahl gestaltete sich zumeist ungewöhnlich. „All die Traviatas habe ich abgelehnt“, berichtet sie, und all die Shakespeares offenbar auch. „Ich habe immer versucht, an einem Autor oder an Themen dranzubleiben. Ich habe fast alle Stücke von García Lorca gemacht und Hans Henny Jahnn“, so die 57-Jährige. Als sie einen Stoff in der Nachfolge zu „Michael Kohlhaas“ in Wiesbaden suchte, stieß sie auf Graf Öderland in Essen. „Obwohl mehr als 100 Jahre dazwischen liegen, gibt es Gemeinsamkeiten“, erklärt sie. „Die zentralen Figuren brechen beide aus der bürgerlichen Ordnung aus und beide zetteln wegen der Unrechtmäßigkeiten des Lebens eine individuelle Revolte an.“
Max Frischs „Moritat in zwölf Bildern“ kam zwischen 1951 und 1961 in drei Fassungen heraus und war ein großer Misserfolg. „Das hängt vielleicht mit der politischen Angst nach dem Krieg zusammen. Da stellt einer das Sicherheitsdenken der Schweizer infrage“, meint Konstanze Lauterbach. Erzählt Frisch doch von einem Mörder, der mit seiner scheinbar motivlosen Tat einen Staatsanwalt aus der Bahn wirft. Gleich dem Mythos des Graf Öderland setzt der nun seinen Freiheitsdrang mit der Axt durch und kämpft gegen Gewohnheit und Fremdbestimmung. Er hat keine politischen Beweggründe. Dennoch wird er den Unzufriedenen im Land zur Leitfigur für eine Revolte.
„Das Stück ist ein Wurf“, betont die heute in Berlin lebende Regisseurin. Es gebe dramaturgische Lücken. Aber wenn man versuche, sie zu füllen, merke man, Frisch schreibe mit Absicht nur von den Spitzen des Eisbergs. Lauterbach hält das Stück für aktueller denn je. „Bei Frisch gerät die Gesellschaft außerhalb des Taktes. Bei uns gibt es ebenso Krisen. Aufruhr entsteht immer aus einer sozialen Ungerechtigkeit – wenn sich Gesetze gegen einen richten, wenn es Hunger gibt oder Denkverbote“, weiß sie nur zu gut.
Für ihre Inszenierung greift Konstanze Lauterbach auf die dritte Version zurück. Sie verdichtet sie mit Texten aus der Prosafassung, bringt sie mit den Körpern der Schauspieler in Bewegung, lässt sie auf der Bühne in Sinnbilder von Eis und Feuer verpacken. „Graf Öderland legt die Flamme zur Destruktion, damit etwas Neues möglich ist“, sagt sie und kostet es aus, mit dieser Utopie zu spielen. Wenn das provokant wirkt, dann nicht aus reinem Selbstzweck. „Ich stelle kritische Fragen. Ich kann gar nicht anders, als mich zum Widerstand zu erheben und Sachen aufzudecken.“
Karten: www.theater-essen.de
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