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„Brauchen Sie den Kopf des Führers?“

15.06.2011 | 19:17 Uhr
„Brauchen Sie den Kopf des Führers?“
Foto: Ulrich von Born

Essen.Oberbürgermeister Reinhard Paß eröffnete im Stadtarchiv die Dauerausstellung „Essen – Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“, die vier Tage lang für die Öffentlichkeit zugänglich ist – danach immer nur mittwochs. Die NRZ hat sich umgesehen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Dauerausstellung „Essen – Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“, die ab Donnerstag (16. Juni) im Stadtarchiv endlich geöffnet ist, ist absolut sehenswert. Das macht die Sache allerdings nicht besser. Im Gegenteil: Diese wunderbare Schau in den Räumen der für knapp 7 Millionen Euro umgebauten ehemaligen Luisenschule wird nur mittwochs zu sehen sein, von 10 bis 17 Uhr (siehe Infobox). Für berufstätige Bürger wird sie also großteils unsichtbar bleiben.

Zur Erinnerung: Essens Weg in die Moderne als Rückschau im Stadtarchiv, das bekanntlich nicht nur im Namensschriftzug am Hauseingang ein Haus der Essener Geschichte sein möchte, sollte bereits im Sommer des vergangenen Kulturhauptstadtjahres eröffnet werden. Dann hieß es Herbst, dann Ende Januar 2011 und so weiter. Die Eröffnungstermine kamen und verstrichen wieder. Lediglich der Grund für die verschleppte Eröffnung blieb der gleiche: Dem Stadtarchiv am Ernst-Schmidt-Platz fehlt es an Geld und Personal. Und weil das immer noch so ist, bleibt es bei der Schmalspurlösung einmal die Woche – und das auch nur, weil das Museum Folkwang mit Aufsichtskräften aushilft. Angesichts der heutigen Eröffnungsfeier mit geladenen Gästen möchte man fragen: Was gibt’s da eigentlich zu feiern?

Erst das Fest...
...dann die Schmalspur

Am heutigen Mittwoch (15. Juni) eröffnete Oberbürgermeister Reinhard Paß im Stadtarchiv feierlich die Dauerausstellung. Die Festansprache vor den geladenen Gästen hält Mark Roseman, Professor an der US-amerikanischen Indiana Universität. Der Historiker erhielt 2003 den Geschwister-Scholl-Preis für seine Arbeit über das Leben der Essener Jüdin Marianne Ellenbogen „In einem unbewachten Augenblick – Eine Frau überlebt im Untergrund“ (Aufbau Verlag). Anschließend ist die Schau vier Tage lang, also bis einschließlich 19. Juni, zu sehen: Donnerstag, Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr sowie am Freitag von 10 bis 22 Uhr.

Danach ist die Ausstellung am Ernst-Schmidt-Platz nur mittwochs von 10 bis 17 Uhr der Öffentlichkeit zugänglich und an den übrigen Wochentagen allein für angemeldete Gruppen – und das auch nur, wenn sie jenseits des Mittwochs Aufsichtspersonen mitbringen, wie etwa Schulklassen.

Der Eintritt ist frei. Führungen kosten 30 Euro (60 Minuten) und 45 Euro (90 Minuten).
Anmeldung per E-mail unter hdeg@essen.de
Kontakt: 88-41300

Versteckte Schubladen

Der Institutsleiter Klaus Wisotzky ist jedenfalls froh, dass er endlich zeigen kann, was so lange in den Archiven seines Hauses schlummerte. Vieles aus der Zeit, als Essen sich mehr als „Waffenschmiede des Reiches“ denn als Bergbauzentrum präsentierte, ist zu sehen. Noch im Flur, also auf den Weg zu den neun Ausstellungsräumen, begrüßt einen eine große Schwarz-Weiß-Fotografie vom 27. September 1937, dem Tag, als Hitler und Mussolini die Krupp-Werke besuchten. Aber auch eine kleine Postkarte vom zugeschneiten und zugefrorenen Baldeneysee schickt „Frohe Weihnachtsgrüße“ aus der „Waffenschmiede des Reiches“. Das Dritte Reich ist der Schwerpunkt der Ausstellung. Die Ausstellungsmacher Klaus Wisotzky und Monika Josten konnten dabei auf die Ausstellung „Verfolgung und Widerstand“ aus der Alten Synagoge zurückgreifen, wie auf das Ernst-Schmidt-Archiv. Aber auch Essener Bürger bereicherten mit Leihgaben und Schenkungen die Schau. So erhielt Wisotzky die telefonische Anfrage: „Wir haben den Kopf des Führers im Keller. Können Sie den gebrauchen?“

Wisotzky konnte. Und so liegt die steinerne Büste des selbst ernannten „Größten Feldherren aller Zeiten“ quer auf Fußhöhe. Darüber ist der Essener Jude Walter Rohr auf einem Bild zu sehen, wie er ein Porträt des Diktators tritt. Da war der Krieg aber schon vorbei und Rohr als amerikanischer Soldat in seine alte Heimatstadt zurückgekehrt, die nun in Schutt und Asche lag.

Ebenfalls auf Fußhöhe – man könnte regelrecht darüber stolpern – liegt das wertvollste Stück der Ausstellung. Zumindest aber ist es das am höchsten versicherte Exponat: der original Meisterschaftsball aus dem Jahr 1955. Das lederne Stück war Bestandteil der Insolvenzmasse bei Rot-Weiss-Essen, konnte aber vorerst für die Öffentlichkeit gesichert und sichtbar gemacht werden. Überhaupt gilt: Augen auf! In den Wänden sind Schubladen mit historischer Kostbarkeit eingelassen, die es zu öffnen gilt – wenn man sie entdeckt. Unter anderem findet man darin die rote Kordel, mit der das Schild „Ich bin der Hungerleider Hirtsiefer“ am Hals desselbigen befestigt war, als die Nazis den Zentrumspolitiker durch Essen trieben. Gleiches gilt für die dezenten kleinen grauen Pfeilchen-Motive, mit denen man Tondokumente hören oder kurze Filme abspielen kann.

Die Ausstellung beginnt mit der Großstadtwerdung Essens 1896, als der Kaisers anlässlich der Geburt des 100 000. Esseners den Rat besuchte. In der Gegenwart franst sie etwas aus, weshalb der Besucher mit dem Gefühl hinausgehen dürfte: Baut diese Schau weiter aus!

Nikolaos Georgakis

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