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Bloß nicht zum alten Eisen gehören

07.02.2012 | 18:28 Uhr
Bloß nicht zum alten Eisen gehören
Dieter Rothscheroth arbeitet als Bühnenbildner in einer Werkstatt im Grend in Essen Steele. Foto von Donnerstag, 15.12.2011. Foto Walter Buchholz/WAZ FotoPool

Einfallsreich ist der Mann, geschickt und flexibel. Dennoch drohte mit 65 der Ruhestand. Nach 32 Jahren als Requisiteur an den hiesigen städtischen Bühnen konnte sich Dieter Rothscheroth damit nicht arrangieren. „Manche Leute finden das ja toll. Ich nicht“, sagt er.

Basteln und Blickfänge bauen sind seine Leidenschaft und sein Beruf. Als junger Mann war er Schaufenstergestalter beim Kaufhaus Althoff und bei Karstadt, bevor er 1978 ans Grillo-Theater ging. „Die Voraussetzung war ja, dass man handwerklich was drauf hatte“, erzählt Dieter Rothscheroth. Und das hat er. Am damaligen Dreisparten-Haus beschaffte er die beweglichen Ausstattungsgegenstände für unzählige Inszenierungen, baute nach, was es nicht mehr zu kaufen gab, lernte den Umgang mit Pyrotechnik („was man damals noch durfte“), Schweißgerät und Kreissäge und reichte Schauspielern bei den Vorstellungen die Handrequisiten an.

Er erinnert sich noch gut an den heute gestandenen „Tatort“-Kommissar Miroslav Nemec, dem er als jungem Spund in der Hauptrolle des Musicals „Darling Joe“ so manches mit auf den Weg gab. Er weiß noch genau, dass er für „Wallenstein“ in der Grugahalle extra lange Schichten schob: „Die Trilogie wurde von 10 Uhr bis 24 Uhr aufgeführt. 20 bis 25 Meter lange Tafeln wurden dafür aufgebaut und fertig gedeckt, Nebel gemacht und 200 Kerzenleuchter aufgestellt.“ Und später für den „Faust“ ließ er einen Riesenhund brennen. Intendant Hansgünther Heyme, mit dem es sich „sehr schön arbeiten ließ“, wollte ihn dann 1991 auch gar nicht ins neue Aalto-Theater ziehen lassen.

Er gewöhnte sich an neue Bühnenmaße. Statt 211 Quadratmeter galt es 520 zu bewältigen. „Es gab mehr Requisiten. Die Aufbauten waren größer, die Wege länger. Das war schon eine Umstellung“, berichtet der 66-Jährige. Nun war das Musiktheater sein Metier. „Man hat sich da eingelebt“, sagt er. Mit Regisseur Dietrich Hilsdorf, einst „ein Haudegen“, verstand er sich ebenso gut wie mit Hans Neuenfels. „Die hatten ganz genaue Vorstellungen, machten präzise Angaben für ihre Produktionen. Nicht wie manche, die sagten: Ich habe da ‘ne Vision“, so Dieter Rothscheroth. Auch Opernchef Stefan Soltesz schätzt er sehr: „Der hat uns zu einem der besten Opernhäuser gemacht. Da ist man schon stolz, wenn man dazu gehört.“ Zum Opernfan wurde er trotzdem nicht. Privat bevorzugt er eher leichte Musik: Operette, Musical, Schlager.

2010 schien alles aus und vorbei: Er musste in Rente. „Ich steigerte mich da richtig rein, dass ich nicht mehr arbeiten durfte. Das ging mir auf die Pumpe. Ich hatte hohen Blutdruck. Ich fühlte mich wie auf dem Abstellgleis“, sagt der gebürtige Steeler, der seit über 30 Jahren in Kray lebt. Seine Kinder sind erwachsen. „Und nur in den Garten gehen und mit der Modelleisenbahn spielen, ist doch auch nichts.

Dann kam der Tipp, dass das Theater Freudenhaus Unterstützung braucht. „Jetzt bin ich wieder auf der Hauptstrecke“, freut er sich. Seit letztem Jahr arbeitet er dort zwei Mal die Woche vier Stunden. Weil der Etat der Bühne klein ist und überall gespart werden muss, repariert er, was das Zeug hält, überarbeitet Bühnenbilder oder baut neue. „Geht nicht, gibt’s nicht für einen Requisiteur.“ Einen Förderturm hat er ausgetüftelt, ein Regal zu einer Trinkhalle umfunktioniert, Möbel aufgearbeitet oder eine Glaslampe in eine Plastiklampe verwandelt. „Ich habe für die Schauspieler alles etwas praktischer gemacht. Die bauen ja abends selber um.“

Dass die Bühne nur noch 30 Quadratmeter hat und er die Stücke nicht mehr bei Proben und Vorstellungen begleitet, macht nichts. Er genießt es sichtlich, noch gebraucht zu werden: „Meine Arbeit wird anerkannt. Und es tut gut, nicht zum alten Eisen zu gehören.“

Dagmar Schwalm

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