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Ausstellung

Krupp-Stiftung zeigt in der Villa Hügel in Essen ihren Fotoschatz

16.06.2011 | 19:50 Uhr
"Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten" Bildband herausgegeben von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung.

Essen.   400 Aufnahmen aus dem gigantischen Fotoschatz des Historischen Archivs Krupp sind ab Samstag in der Villa Hügel zu sehen: Zum 200. Geburtstag zeigt das Haus „Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten“ - eine Leistungsschau der Schwerindustrie.

Eine Legende auf den Spuren einer ebensolchen: Bevor die Villa Hügel fürs Publikum einen Blick auf gut 400 ausgewählte Stücke seines gigantischen Fotoschatzes erlaubt, machte sich Berthold Beitz zum Rundgang durch die sehenswerte Jubiläums-Ausstellung auf: „Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten“ ist dabei mehr als eine Leistungsschau der Schwerindustrie – nämlich ein teils recht privater Blick in die Krupp’sche Familiengeschichte (wie das Bild des fotografierenden Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zeigt) und zugleich eine Blick auf den Wandel der Fotografie und ihren Gebrauchswert für die (Selbst-)Darstellung eines Unternehmens. Kuratiert wurde die Ausstellung vom Leiter des Historischen Archiv Krupp, Ralf Stremmel, der hier Beitz auf dem Rundgang begleitet.

Und also sprach der Dichter, dass bloß niemand das simple Abbild der Wirklichkeit mit derselben verwechseln sollte: „Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG“, so mahnte Bert Brecht anno 1931, „ergibt beinahe nichts über diese Institute“.

343 Fotografien

Wer diese steile These auf den Prüfstand stellen will, der sollte sich in den kommenden sechs Monaten unbedingt auf den Weg zur Villa Hügel machen. Denn dort könnten 343 Fotografien, 31 Fotoalben und 35 sonstige Objekte sowie 160 Dia-Projektionen und zusätzliche Filmausschnitte den geneigten Betrachter womöglich vom Gegenteil überzeugen.

Zumindest so viel steht fest: Noch nie war man in so komprimierter Form und mit so viel Liebe zum Detail über Krupp buchstäblich im Bilde – von den ersten um 1849 erstellten Fotoporträts eines Alfred Krupp – nach dem Erfinder des Verfahrens „Daguerreotypien“ genannt – bis zum elfteiligen und 7,80 Meter langen 360-Grad-Panorama der Krupp-Stadt; von den selbst geschossenen privaten Dias, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach seinen Alltag vergessen ließen, bis zu historischen Momentaufnahmen mit Kaiser Wilhelm II. in Magdeburg sowie Hitler und Mussolini an der Essener Hauptverwaltung; von der Fabrikarbeit unter Zwang bis zum kleinen privaten Glück in der Familie.

Mut zur Lücke

Einige Leihgaben suchte und fand Ralf Stremmel bei Fotografen landauf landab, doch die meisten Exponate – Originale, wo’s eben ging, statt neu erstellter Abzüge – entnahm der Leiter des

NRZ-Service
400 Bilder, ein Band

Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten
Informationen zur
Ausstellung unter 61629-0
www.villahuegel.de

Öffnungszeiten: 18. Juni – 11. Dezember 2011,
Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr

Eintrittspreise: Villa Hügel inklusive Park, Historische Ausstellung Krupp, Fotografie-Ausstellung Erwachsene € 3,- Kinder bis zum 14. Lebensjahr frei, Schulklassen in Lehrerbegleitung frei

Führungen: 61629-17, Fax: 61629-11, info@villahuegel.de maximal 20 Personen pro Gruppe 60 / 90 Min.
Deutsch€ 50,- / € 60,-
Fremdsprachlich (engl., franz., niederl.) € 60,- / € 70,-
Schulklassen auf Anfrage

Kombi-Führung: Ausstellung und Villa Hügel, ca. 90 Minuten Deutsch€ 60,-
Audio-Guide€ 4,-

Begleitband: Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten, 232 Seiten, rund 200 Abbildungen, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin (ISBN 978-3-422-02308-6), 24,90 €

Historischen Archivs Krupp mit seinem Team eigenen Beständen. Es war eine Arbeit mit unverkennbarem Mut zur Lücke: „Quantität wäre reine Angeberei“, sagt Stremmel, der auf rund zwei Millionen Fotos im Archiv zurückgreifen konnte, gerade mal 15.000 davon sind bereits digitalisiert, nur 400 bis Mitte Dezember zu sehen: 0,02 Prozent.

Video
Eine Schau in der Villa Hügel Essen zeigt Fotografien aus zwei Jahrhunderten.

Dass man bei Krupp – trotz kriegsbedingter Verluste – aus dem vollen Fotoarchiv schöpfen konnte, rührt nicht zuletzt daher, dass Alfred Krupp schon früh die Bedeutung dieser Kulturtechnik auch in wirtschaftlicher Hinsicht erkannte: Seinen Mitarbeiter Hugo van Werden, 1954 als technischen Zeichner eingestellt, ließ er bereits 1861 zum Fotografen ausbilden. Er gründete die „Photografische Anstalt“ und dokumentierte fortan den Aufstieg des Unternehmens genauso wie manchen Rückschlag, etwa einen Großbrand in der Mechanischen Werkstatt.

Bilddokument unternehmerischer Potenz

Und so lässt sich in der Ausstellung wunderbar besichtigen, wie auch der kostspielige Blick durchs Objektiv den Krupp-Mythos mehrte: Wer bei der Internationalen Kunst- und Gewerbeausstellung in Dublin 1865 Krupp’sche Kanonen bestaunte, sah darüber hängend ein Panoramabild des Werksgeländes: ein Bilddokument unternehmerischer Potenz, das seine Wirkung – so belegen es Zeitdokumente – nicht verfehlte.

200 Jahre Krupp

 

Dass derlei Bilder im Brecht’schen Sinne auch eine Scheinwirklichkeit zeigten, versteht sich von selbst: Krupp ließ die Fotos machen, „wenn Alles grünt und der Wind stille ist“, und er riet zur Sonntagsaufnahme, „weil die Werktage zu viel Rauch, Dampf und Unruhe mit sich führen, auch der Verlust zu groß wäre“. Entstanden sind auf diese Weise Panoramen einer industriellen Revolution, die den Menschen – erst recht im Angesicht der gewaltigen Maschinen – als Winzling erscheinen ließen.

Das ist mehr als „beinahe nichts“

Aber dann ist da auch der andere, der private Strang der Ausstellung, etwa wenn die Krupps ihre Familienalben bestückten: Pfingsten 1892, Dreirad-Studien und Tochter Barbara mit reichlich mürrischer Miene beim Haarschneiden – so spießig wie jedermanns Bildersammlung, die früher angelegentlich zur Dia-Vortrags-Folter und heute zu einer schier unbeherrschbaren digitalen Bilderflut führt.

Berthold Beitz, Kuratoriumsvorsitzender der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, in der Villa Hügel . Foto: Matthias Graben

Wie sie bei Krupp mit dem neuen Bilderwust von heute und morgen umgehen werden, ist noch nicht raus, „Die Frage, die uns umtreibt ist: Wie erhält man das, was schon das ist?“, betont Stremmel, der immerhin auf ein neues klimatisiertes Fotoarchiv verweisen kann und darauf, dass man nach Kräften konserviert.

Einer breiten Öffentlichkeit mehr als die 400 auf Villa Hügel gezeigten Exponate zugänglich zu machen – im Internet oder per DVD – gilt als denkbar, konkrete Pläne aber gibt es (noch) nicht. Aber es gibt die Ausstellung, den Bildband und mehr. Auch Brecht müsste zugeben: Das ist mehr als „beinahe nichts“.

Wolfgang Kintscher



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