Krankenstand im Essener Rathaus auf Rekordhöhe
17.08.2010 | 07:54 Uhr 2010-08-17T07:54:00+0200
Essen.Jeder fünfte Rathausangestellte fehlt sechs Wochen und mehr im Jahr. Von 8500 Mitarbeitern der Kernverwaltung, so heißt es in einem Papier, haben 1750 im vergangenen Jahr sechs Wochen und mehr krank „gefeiert“.
Jeder fünfte Rathausangestellte fehlt sechs Wochen und mehr im Jahr. Gemeinsam mit einer ebenfalls überdurchschnittlich hohen Zahl von Kurzzeiterkrankten bis zu drei Tagen ergibt sich danach in der Essener Stadtverwaltung eine Krankenquote von 7,63 Prozent.
Für diese Alarmmeldung mussten sie im Rathaus am Porscheplatz ausnahmsweise mal nicht vor die Tür: Sie fand sich vor ein paar Wochen zwischen den Zeilen eines Verwaltungspapiers und lässt seitdem Politiker, Verwaltungsleute und selbst Gewerkschafter erschrocken, beinahe entsetzt zurück: Von 8500 Mitarbeitern der Kernverwaltung, so heißt es da, haben nicht weniger als 1750 im vergangenen Jahr sechs Wochen und mehr krank „gefeiert“.
Gemeinsam mit einer ebenfalls überdurchschnittlich hohen Zahl von Kurzzeiterkrankten bis zu drei Tagen ergibt sich danach in der Essener Stadtverwaltung eine Krankenquote von 7,63 Prozent. Und durch die Bank eine allgemeine Ratlosigkeit, woher das wohl kommen könnte.
„Es gibt nicht den einen Grund“, glaubt Christian Hülsmann, Stadtdirektor und Personalchef der 8500 städtisch Bediensteten, zu denen die üblichen Ämter genauso wie Grün und Gruga oder die Sport- und Bäderbetriebe zählen, die in GmbHs ausgegliederten Entsorgungsbetriebe aber und ein Großteil der bei der städtischen RGE angestellten Putzfrauen nicht.
Erschrocken und enttäuscht
Das relativiert manchen Hinweis, die gewerblichen Mitarbeiter könnten die Statistik allzu sehr nach unten gezogen haben. Ist es also der Arbeitsdruck in den Behörden unter dem Dauerdruck laufender Einsparungen?
„Das sicher auch“, sagt Hülsmann, wobei der gefühlte Leistungsdruck durchaus unterschiedlich ausgeprägt sei: „Es gibt eine ganze Reihe Betriebsstellen, bei denen ist ordentlich Dampf in der Bude“, aber dort finden sich nicht unbedingt die Ausreißer der Statistik.“
Hülsmann bekennt, dass ihn die Statistik der Kranken jenseits der Sechs-Wochen-Grenze nicht nur erschreckt, sondern auch ein bisschen „enttäuscht“ hat: „Weil wir doch so viel in vorbeugende Maßnahmen investieren.“
In der Tat: Es gibt Rathaus-eigene Gesundheitstage und Angebote bei „Kur vor Ort“, ärztliche „Hausbesuche“ in der Verwaltung sowie Suchtberatung – und selbst Ansprechpartner bei zwischenmenschlichen Konflikten. „Das funktioniert alles bis zu einem gewissen Punkt“ sagt Personalratschef Kai-Uwe Gaida, aber eben nicht über diesen Punkt hinaus. Gaidas Analyse weicht nicht allzu sehr von der des Stadtdirektors ab: „Es ist wohl ein Konglomerat von einzelnen Gründen, das zu diesen erschreckenden Zahlen führt.“
Wo es um körperliche Belange gehe, sei ja auch Abhilfe möglich, man muss sich halt kümmern. Aber vielfach lägen den Erkrankungen wohl psychische Ursachen zugrunde. Obwohl der erklärte Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen in der Stadtverwaltung eigentlich die größten Zukunftsängste nehmen müsste?
„Ich glaube nicht, dass da existenzielle Ängste eine Rolle spielen“, wendet der Personalratschef ein – und nennt den Druck durch Arbeitsverdichtung, den auch durch Technikeinsatz komplexeren Arbeitsalltag in den Ämtern, das demotivierende Moment durch fehlende Entwicklungsmöglichkeiten in einem „Konzern Stadt“, der sich Personalabbau auf die Fahnen geschrieben hat. Nicht zuletzt: das mit 46 Jahren recht hohe Durchschnittsalter der Belegschaft, das in den technischen Ämtern des Deutschlandhauses gar bei 54 Jahren liegt. „Wir sind schlicht überaltert.“
Nicht mit der Angst der Beschäftigten arbeiten
Besonders extrem scheint der von der Belegschaft empfundene Druck im Job-Center ausgeprägt: Von rund 500 städtischen Mitarbeitern, so Personalratschef Kai-Uwe Gaida, hätten dort 170 eine erforderliche Versetzung ärztlich bescheinigt bekommen. Ein blutiger tätlicher Angriff, wie er vor ein paar Wochen durch einen Kunden des Job-Centers erfolgte, mag nicht die einzige Ursache sein, trägt aber sicher nicht zur Entspannung der Lage bei.
Gaida wie auch Stadtdirektor Christian Hülsmann schwant, dass der Krankenstand „unter dem Druck des anstehenden Personalabbaus sicher nicht automatisch sinken“ wird. Man sinniert über ein ganzheitliches Gesundheits-Management und nimmt auch die jeweiligen Vorgesetzten ins Blickfeld. Denn ein hoher Krankenstand, so Hülsmann, „hat auch was mit Führung zu tun“.
„Es gibt eben Strukturen, die krank machen“, formuliert es Gaida und warnt davor, den Druck auf die Beschäftigten aufzubauen – auch wenn im Zweifel in Einzelfällen mancher sich angesichts des Kündigungsverzichts eine gewisse Sorglosigkeit und Großzügigkeit mit Krankmeldungen angewöhnt haben möge: „Wir arbeiten nicht mit der Angst der Beschäftigten, und das ist auch gut so.“
Dass der öffentliche Dienst mehr Krankheitsfälle meldet als die Wirtschaft, ist eh altbekannt, die AOK Rheinland-Hamburg meldet einen Jahresschnitt von 5,66 Prozent Kranken unter ihren Versicherten. 1,77 Prozent seien dabei im Krankengeldbezug, also mehr als sechs Wochen krank und damit außerhalb der Entgeltfortzahlung.
Man will mehr tun als bisher, hat Gespräche angeboten, die aber im ersten Jahr nur von 488 der 1750 länger kranken Mitarbeiter angenommen wurden – nahezu durchgehend mit positiven Reaktionen. Neue Zahlen deuten auf ein größeres Echo, es wird mühsam, das wissen alle. Und rechnen sich aus, um wie geringer der Personalabbau ausfallen könnte, wenn nur der Krankenstand halb so problematisch wäre.
19:38
Für die Leute im Rathaus ist das Wort Arbeit doch ein Fremdwort. Hoffentlich wird sich dort bald was ändern. Die Zustände in diesem Kindergarten sind ja nicht tragbar.
13:13
Leider kenne ich einige aus dem Rathaus, die sehr gerne mal krank sind, um dann anderen lukrativen Tätigkeiten nachzugehen. In der Privatwirtschaft würde das sehr schnell auffliegen. Aber da im Rathaus ja alle gerne länger krank sind, überprüft das niemand. Und so bleibt alles beim alten. Letztendlich zahlt der Bürger. Wie immer.
17:43
Insgesamt muss mehr intergenerative Gerechtigkeit ins Spiel:
Warum sollte ein 70-jähriger mitentscheiden dürfen, dass die Stadt für ein neues Theater einen Kredit aufnehmen soll, den selbst seine Urenkel über irgendwelche Steuern abbezahlen dürfen, während er selbst schön den ganzen Nutzen über subventionierte Preise daraus gezogen hat und längst tot ist? Jetzt kommt doch sicherlich irgendwann das Wir-haben-doch-alles-wieder-aufgebaut-Argument! - Wisst ihr was - einen Schei*** habt ihr - einzig aus der Angst vor dem Kommunismus gings euch so gut, hattet ihr Geld, wurdet ihr von den Eliten beteiligt. Die heutige Generation hat nichts mehr von diesen Priviliegien. Und glaubt nicht, dass eure Pensionen sicher sind, welche euch von irgendeinem Klüngel damals zugeschoben. Nichts ist sicher. Viel Spaß.
12:26
@#59eulenspiegel
Einspruch: der oberste Chef einer Stadtverwaltung kann jede Woche ausgewechselt werden. Das merken die MA gar nicht. Ganz oben in den Rathäusern hat keiner wirklich eine Ahnung, unter welchen Voraussetzungen ganz unten an der Basis gearbeitet wird, und sie wollen das da auch gar nicht so genau wissen. Könnte man ihnen dieses Wissen nämlich nachweisen, wären sie persönlich für die Erkrankung der MA haftbar zu machen.
10:45
#57 / #58
Wenn eine Verwaltung nach jeder Wahlperiode mit einem neuen Chef rechnen muss, der je nach Parteizugehörigkeit Pöstchen und Stellen vergeben bzw. befürworten MUSS, kann diese Karre nicht aus dem Dreck kommen. Frustration und Klüngel sind die Krankmacher vor Ort. Eine Verwaltung braucht einen dauerhaften, überparteilichen Querdenker zum Chef, der auf Wählergunst und Parteizugehörigkeit pfeift. Der seine Nase in jede Abteilung steckt um dort Erkenntnisse zusammenzutragen und dem entsprechend, unbeeinflusst, handelt.
10:21
Ich habe vor einiger Zeit die Zulassungstelle aufsuchen müssen um einen PKW umzumelden.
Ich habe gedacht, ich wäre so wie zu Zeiten der 60,er u.70,er, beim Sommerschlussverkauf.
Massen an Menschen und völlig fertige Mitarbeiter.
Ich habe die Dame mittleren Alters freundlich gefragt, wie diese beim dem Stress nach Feierabend abschaltet. Antwort : Ich kaufe noch ein, esse etwas und lege mich ins Bett, so fertig bin ich.........
Ich möchte dort keinen Arbeitsplatz haben, darum meinen vollen Respekt!
09:53
@# Larmojant
Es ist schon verwunderlich, wie Sie sich vor den Karren spannen lassen und jetzt beim Spiel Beamte gegen TVöD-Beschäftigte mitmachen. Sicher fällt einigen Beamten auch ein, welche Nachteile sie gegenüber den TVöD-Beschäftigten haben. Z.B. keine leistungsorientierte Prämienzahlung am Jahresende, mehr Arbeitszeit, Kürzungen über Kürzungen in den Gehaltsrunden der letzten 15 Jahre.....
Fakt ist hier doch in Zusammenhang mit diesem Artikel vielmehr, dass das Gesamtpaket nicht stimmt. Wenn ich Personal wirklich reduzieren will, muss ich auch Aufgaben wirklich wegrationalisieren. Ich muss es auch den Bürger spüren lassen wollen, dass ich mir als Stadt nicht mehr alles leisten kann. Irgendjemand muss es spüren und wenn es so läuft, wie jetzt noch schlimmer zu befürchten, dass es nur die Mitarbeiter/innen sind, werden die Kranken-Zahlen noch deutlich weiter ansteigen. Sie können bei der Autoproduktion auch nur Personalkosten senken, wenn Sie entweder weniger Autos bauen oder schlechtere Autos produzieren oder den Menschen durch billigere Maschinen ersetzen. Alles andere geht nach hinten los.
Der Unterschied zur Verwaltung ist nur, dass der Autobauer das weiß und entsprechend handelt, die Personalverantwortlichen bei der Stadt das zwar auch wissen, aber den falschen Weg blind weiter gehen.
09:29
Mich verwundert wenig, dass ein Hauptgrund für den hohen Krankenstand nicht benannt wird: die sich in den letzten 15 Jahren enorm entwickelnde Gehaltskluft zwischen Beamten und Angestellten bei gleicher Tätigkeit. Schließlich hat Verdi diese mit dem Verzicht auf den BAT und der Einführung des wesentlich schlechteren TVöD eingeführt.
In der Öffentlichkeit ist leider überhaupt nicht bekannt (wer sollte sie auch schon informieren? Verdi bestimmt nicht), daß der Öffentliche Dienst zu einer 2-Klassengesellschaft degeneriert ist: die bestens versorgten Beamten in der Kommunalverwaltung - und die Angestellten, denen in den letzten 15 Jahren im Zusammenspiel von Verdi und Arbeitgeber fast alle Privilegien des Öffentlichen Dienstes gestrichen wurden (v.a.Demontage der betrieblichen Altersversorgeung, Lohnfortzahlung; enorme Verschlechterungen durch Einführung des TVöD). Das dies natürlich zu Verbitterung, Resignation und schlechter Stimmung bei den städtischen Angestellten führt ist doch logisch.
Also: es gebt nicht mehr den öffentlichen Dienst , sondern es gibt Beamte mit glänzender Versorgung - und eher schlecht bezahlte städtische Angestellte, deren einziges verbliebene Privileg ist, schwer gekündigt werden zu können.Absurderweise sind Angestellte auch häufiger durchaus Vorgesetzte von weit besser gestellten Beamten.
08:37
Wenn ich auch Beamter (oder Angestellter bei der Stadt) waere, wuerde ich mir gleich ein ABO-Krankenschein besorgen. Sollen doch die doofen Steuerzahler schöööön fuer die Beamten (Angestellten) zahlen.
22:40
und dabei sind noch gar nicht die mitgerechnet die freigestellt sind und einer zweiten tätigkeit nachgehen