„Kolonnen halbverhungerter Menschen“ zogen durch Essen

Unterhalb des City-Centers erinnert ein vergitterter Gedenkraum an die Außenstelle „Schwarze  Poth“ des KZ Buchenwald.
Unterhalb des City-Centers erinnert ein vergitterter Gedenkraum an die Außenstelle „Schwarze Poth“ des KZ Buchenwald.
Foto: Kerstin Kokoska WAZ/FotoPool
Was wir bereits wissen
Eine Gedenkstätte und eine Gedenktafel erinnern an die zwei Essener Außenlager des KZ Buchenwald, die vor 70 Jahren errichtet wurden und heute fast vergessen sind. Für eine Ausstellung im Haus der Essener Geschichte zum Thema Zweiter Weltkrieg und Zwangsarbeiter hat die Stadt aber kein Geld.

Essen.. Das Bedauern war in den Gesichtern der Besucher abzulesen, die bis dahin gebannt und gespannt zugehört hatten. Die Alte Synagoge hatte zum Vortrag über die zwei Essener Außenlager des KZ Buchenwald eingeladen. Der Historiker Herbert Naumann zeigte beeindruckende Fotodokumente der Schwarzen Poth in der Innenstadt und der Humboldtstraße in Fulerum. Stadt-Historiker Klaus Wisotzky gewährte tiefe Einblicke in den unmenschlichen Alltag der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs. Dem Vernichtungskrieg sollte mit einem großen Kapitel über die Zwangsarbeiter die zweite Ausstellung im Haus der Essener Geschichte gewidmet werden. Dazu wird es nicht kommen, wie Klaus Wisotzky verkündete: „Leider und endgültig“, sagte er. Der Stadt fehlt das Geld für dieses Gedenken.

So erinnern heute und künftig zwei Orte mit Tafeln an die Lager, die vor 70 Jahren errichtet wurden und heute fast vergessen sind. Herbert Naumann hat die beiden Stätten in Essen, wie 98 andere Außenlager des KZ Buchenwald, besucht und seine Wahrnehmungen und Gefühle an diesen Orten des Schreckens in einem Buch mit beeindruckenden schwarz-weiß Bildern dokumentiert. „Die Aura des Grauens hat sich immer wieder meiner bemächtigt“, berichtete er den Besuchern in der Alten Synagoge. „Erst bedrückt sie dich. Dann erdrückt sie dich.“ Wie am Porscheplatz in der Innenstadt, wo bis zum März 1945 das Außenlager Schwarze Poth war. Die Straße, die so hieß, ist verschwunden.

Kriegsgefangene waren für die Essener sichtbar

Die Fläche des Lagers im Stadtbild verloren gegangen. Oben die Rathaus-Galerie. Vorne das Parkhaus. Dahinter, versteckt, die beeindruckende Gedenkstätte. Ein Raum mit Baumstämmen, im kalten grünen Kunstlicht und hinter schützenden Gitterstäben. Dazu die Gedenktafel.

Stadtgeschichte 150 Kriegsgefangene, vor allem aus Osteuropa, waren hier untergebracht. Sie lebten in zwei Häusern und mussten in harter Zwangsarbeit Bausteine herstellen und Bombentrümmer in der Innenstadt beseitigen. „Sie waren nicht verborgen, sondern in der Stadt sichtbar, mitten unter den Essenern. Mit wenigen Ausnahmen war den Menschen ihr Schicksal gleichgültig“, berichtete Klaus Wisotzky.

520 jüdische Frauen als Zwangsarbeiterinnen in Krupp-Betrieben

Als im März 1945 die totale Niederlage längst nicht mehr abwendbar war, kamen die Zwangsarbeiter zurück nach Buchenwald. „Über ihr Schicksal ist wenig bekannt“, sagte Klaus Wisotzky.

Im März 1945 wurde auch das zweite Essener Außenlager des KZ Buchenwald geräumt. An das „SS-Arbeitskommando Friedr. Krupp, Essen“ in Fulerum erinnert heute eine zugewachsene Gedenktafel an der Straßenecke Humboldtstraße und Regenbogenweg.

Hier lebten etwa 520 jüdische Frauen, fast alle aus Ungarn, die aus Auschwitz zur Zwangsarbeit nach Essen gebracht worden waren. Ihre Baracken waren voller Wanzen und Flöhe. Bombenangriffe richteten nach und nach erhebliche Schäden an den Unterkünften an. Dazu wurden die Frauen mit unmenschlicher Zwangsarbeit in Krupp-Betrieben gequält, zu denen sie täglich marschieren mussten. „Kolonnen halbverhungerter Menschen zogen durch die Stadt“, schrieb ein Chronist, der das Grauen im Winter 1944 beobachtete.

Ihr letzter Marsch führte die Frauen im März 1945 nach Bochum. Von dort wurden sie mit dem Zug nach Buchenwald und Bergen-Belsen deportiert.