Klassik soll Jugendliche vom Handelshof in Essen vergraulen

Wenn man nicht genau hinsieht, dann fallen die Lautsprecher am Balkon des Mövenpick Hotels unter den Blumenkästen in der ersten Etage kaum auf. Seit Dienstag beschallen sie den Heinrich-Reisner-Platz und sollen dafür sorgen, dass sich trinkende und urinierende Jugendliche fern halten.
Wenn man nicht genau hinsieht, dann fallen die Lautsprecher am Balkon des Mövenpick Hotels unter den Blumenkästen in der ersten Etage kaum auf. Seit Dienstag beschallen sie den Heinrich-Reisner-Platz und sollen dafür sorgen, dass sich trinkende und urinierende Jugendliche fern halten.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Seit Dienstag ertönen Mozart, Brahms und Co. aus Lautsprechern am Handelshof, um die Szene zu vergraulen. Die meisten Passanten glauben nicht an einen Erfolg.

Essen.. Ob seichte Töne oder Pauken und Trompeten – auf dem Heinrich-Reisner-Platz sorgen seit Dienstag Mozart, Beethoven und Kollegen der Klassik Musik für eine Atmosphäre zum Verweilen. Zur gemafreien Musik mit einem Eis in der Hand auf den Stufen ausruhen und dabei ein paar Sonnenstrahlen tanken, das klingt toll. Zu verdanken haben die Passanten das Ambiente dem Direktor des Mövenpick Hotels, Thomas Campe.

Doch die Intention, diese 3000 Euro teure, nahezu unsichtbare Anlage unterhalb der Blumenkübel auf der ersten Etage anzubringen, war nicht etwa ein neues Extra für seine Hotelgäste. Lärmende Jugendliche, die in ihrem Fachjargon „vorglühen“, bevor es abends in die umliegenden Diskotheken geht und den getankten Flüssigkeiten nicht erst auf Toiletten freien Lauf lassen, sollen von den Stufen ferngehalten werden. Jetzt sollen es die Komponisten richten und für eine alkohol- und pinkelfreie Zone sorgen.

„Die Aktion wird nicht viel bringen“

Friedhelm Schwall hat nichts gegen die klassische Beschallung zwischen dem Haus der Technik und dem Handelshof. Doch wagt er zu bezweifeln, dass diese Aktion Früchte trägt. „Ich finde den Zweck äußerst fragwürdig und kann es nicht gutheißen, Menschen mit Musik zu separieren“, so der Essener. Und dann noch mit so schöner, wie er sagt. Für Manfred Tenten ist das Thema ein alter Hut. „Ich halte nichts davon und kann mir einfach nicht vorstellen, dass sich diese Szene durch Musik vertreiben lässt.“

Gar nicht begeistert dagegen ist Jürgen Kunkel, wie man schon aus der Ferne seinem Gesichtsausdruck entnehmen kann. „Die Musik ist nicht so toll“, sagt er genervt. Dennoch gelinge es ihm, die Geigen und Flöten auszublenden. „Das werden auch die anderen so machen. Ich glaube nicht, dass das jemanden großartig interessiert. Irgendwann nimmt man das Gedudel nicht mehr wahr.“

Die klassische Musik soll nur die Jugendlichen vertreiben

Carla Fischer hingegen findet die Aktion gut. „Nur wird der Direktor dadurch nicht viel erreichen. Die Menschen werden weiterhin Drogen konsumieren. Außerdem gibt es bestimmt auch Ältere in der Szene, die Klassik mögen“, ist sich die Passantin sicher. Mit dieser Szene sind laut des Hoteldirektors aber nicht die Alkohol- und Drogensüchtigen vom Willy-Brandt-Platz gemeint, auch wenn es ihm oft unterstellt werde. Er folge nicht dem Beispiel anderer Städte, die bestimmte Frequenzen einsetzen, auf die Suchtkranke sensibel reagieren sollen und dann das Weite suchen. „Der Szene kann man nur mit Angeboten, aber nicht mit Ablehnung helfen“, sagt Campe. Ihm alleine ginge es um den Abzug der Jugendlichen und Heranwachsenden.

Fast alle Passanten sind sich einig: Schöne Musik, aber das Problem beheben kann sie nicht, zumal einige Sinfonien oft vom Straßenlärm übertönt werden. Doch hagelt es nicht nur negative Kritik, sondern auch Vorschläge. „Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert. Vielleicht klappt es ja doch. Und wenn die klassische Musik nicht wirkt, dann kann man es ja mal mit aktueller Musik aus den Charts versuchen“, so Jürgen Heep, der sich auch vorstellen könne, ein paar Dixitoiletten aufzustellen, um dem Urinalgestank Herr zu werden. „Ich würde AC/DC spielen“, ruft ein Taxifahrer, der vor dem Hotel auf seine nächsten Gäste wartet.

Gesetz verbietet Beschallung nach 22 Uhr

Und dann kommen sie doch noch – zwei Jugendliche, die sich lautstark gegen die Einlage Mozarts wehren und ihren Weg schnellen Schrittes fortsetzen. Vielleicht können Mendelssohn, Brahms oder Schubert doch noch etwas bewirken. Wenn, ja wenn die Lautsprecher nicht um 22 Uhr verstummen müssten – so wie es die Stadt per Gesetz vorschreibt. Und die jungen Leute erst um Mitternacht die Korken knallen lassen.