Kita-Ausbau geht in Essen zu Lasten älterer Kinder

Immer mehr Kinder unter zwei Jahren besuchen die Kita.
Immer mehr Kinder unter zwei Jahren besuchen die Kita.
Foto: WAZ Fotopool
Was wir bereits wissen
Um den Rechtsanspruch für Kinder unter drei Jahren zu erfüllen, baut die Stadt Essen das  Angebot massiv aus.  Doch das hat auch seine Tücken.

Essen.. Es war ein „Riesen-Kraftakt“, auf den die Stadt stolz sein könne, findet Jugendamtsleiterin Annette Berg: Seit 2008 wurden in Essen 5000 Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren (U3) geschaffen; die Betreuungsquote für diese Altersgruppe stieg damit von unter drei Prozent auf heute 34,7 Prozent. Doch der forcierte Ausbau für die Kleinsten ging bisweilen zulasten jener Kinder, die bereits drei Jahre und älter sind (Ü3): In manchen Einrichtungen hat sich die Zahl der Ü3-Plätze verringert.

So machte ein Ehepaar aus Kupferdreh, das für seine dann dreijährige Tochter zum August 2015 einen Kita-Platz sucht, dieser Tage ernüchternde Erfahrungen. „In unseren Wunsch-Kitas gibt es pro Gruppe nur noch zehn Plätze für Kinder über drei Jahren, die anderen zehn sind für Zweijährige reserviert.“ Bei der Suche sei ihnen signalisiert worden, dass es zu Engpässen kommen könnte – und ihre Chancen womöglich besser gewesen wären, wenn sie die Kleine schon mit zwei in die Kita geschickt hätten.

Anderer Betreuungsschlüssel

Ein Phänomen, das Annette Berg nicht bestreitet: Sobald in einer Kita-Gruppe Kinder unter drei Jahren betreut werden, muss diese von 25 auf 20 Plätze verkleinert werden, um den Betreuungsschlüssel zu verbessern. „Wenn dann die Hälfte der Plätze an Kinder unter drei vergeben wird, bedeutet das einen Platzabbau für die älteren.“ Allerdings geschehe das nur an wenigen Standorten: „In der Regel werden die Plätze für die jüngeren Kinder ja nicht durch bloße Umgestaltung der Gruppen gewonnen, sondern durch neue Kitas sowie durch Ausbau bestehender Einrichtungen.“ Nur wo ein Umbau nicht möglich sei, könne es zu den beschriebenen Engpässen für die größeren Kinder kommen.

Stadtweit werden derzeit übrigens mehr Plätze für Zweijährige gesucht: 213 Familien haben den Rechtsanspruch für einen U 3-Platz angemeldet, bei den Kindern über drei gibt es 91 offene Rechtsansprüche. „Wir haben 99 der Kinder unter drei und 35 Ü 3-Kindern schon ein Platzangebot gemacht“, sagt Berg. Jedem Kind solle innerhalb von sechs Monaten ein Betreuungsplatz angeboten werden, „jedoch nicht immer wohnortnah“. Meist liege die Entfernung zwischen Wohnung und Kita zwischen einem und fünf Kilometern, mitunter aber darüber. Für viele Eltern ist das ein Grund, einen Kita-Platz abzulehnen; und auch die Stadt hatte noch vor zwei Jahren erklärt, dass Kitas möglichst nur 1000 Meter vom Zuhause entfernt sein sollten.

Doch die Devise „Kurze Beine, kurze Wege“ lässt sich angesichts des ungebremsten Andrangs auf die Kitas nicht immer umsetzen: „Der Rechtsanspruch ist eben auch abgedeckt, wenn jemand fünf Kilometer zur Einrichtung fahren muss“, sagt Annette Berg. Wer bei der Lage flexibel sei, bekomme auf jeden Fall rechtzeitig einen Kita-Platz. Deren Gesamtzahl soll übrigens in Essen im kommenden Jahr weiter auf 19.229 steigen, derzeit sind es rund 18.900.