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Eine Schicht auf der Brücke

25.07.2012 | 16:40 Uhr
Eine Schicht auf der Brücke
Eine Schicht als Gästebetreuerin machte Redakteurin Sabine Moseler-Worm gemeinsam mit Eberhard Heinen.

Essen-Kettwig. Es ist Sonntag. Meine Schicht auf der Brücke des Mühlengrabens beginnt um 11 Uhr. Natürlich pünktlich. Ehrenamtliche Gästebetreuerin beim Heimat- und Verkehrsverein. Das Namensschild baumelt um meinen Hals. Für genau drei Stunden. Dann kommt die Ablösung. Viel davon gehört, viel darüber geschrieben. Der Selbsttest soll das Bild nun vervollständigen.

Der Gästebetreuer an sich ist kein Einzelgänger, sonst tritt immer paarweise auf. Mein Partner an diesem Morgen ist Eberhard Heinen. Und das erweist sich als absoluter Glücksfall, denn er kennt jeden Radweg in Essen quasi beim Vornamen. Mehr und mehr Touristen kommen mit dem Rad.

Vor dem Betreuen kommt aber das Aufbauen. Ober-Gästebetreuer Dieter Lambach sucht mit mir die umfangreiche Ausrüstung zusammen. Für 40 Euro im Monat hat der HVV im Haus Ruhrstraße 49 einen Kellerraum angemietet. Dort lagern unzählige Kartons mit Wanderkarten, Flyern zum Panoramaradweg, zur Route Industriekultur. Unter der Ruhrbrücke, in den Räumen der Schleusenwärter, lagert der nicht unerhebliche Rest. Nach der Software nun die Hardware. Sonnenschirme, Klapptische, das große I-Schild für Information, „damit die Leute uns auch gut sehen“, sagt Lambach und packt den Bollerwagen, den wir anschließend zum Mühlengraben ziehen.

Logistisch ist alles genau durchdacht. Kettwig, Essen, Radeln. Von links nach rechts wird ausgelegt, was wenig später reißenden Absatz finden wird.

Um kurz vor 11 Uhr sind wir fertig. Die bunte Spendendose steht am Platz, das Einnahmebüchlein ist auch da. Nur wenig von dem, was auf dem Tisch liegt, kostet etwas. Doch jeder eingenommene Cent muss ordentlich notiert werden. Vor dem Eiscafé sind die ersten Tische besetzt. Ein Kettwiger, der der Gästebetreuer-Aktion wohlgesonnen ist, hat Geld gespendet, damit sich die ehrenamtlichen Helfer dort versorgen können. Mit einem Eis. Oder - wie Eberhard Heinen und ich - mit Milchkaffee und Cappucchino.

Seit vier Jahren ist mein Schichtpartner pensioniert. Lehrer war er. Jetzt findet er Zeit, ist als Gästebetreuer im Einsatz und fährt Bürgerbus. Dem 65-Jährigen macht „besonders der Kontakt mit den unterschiedlichen Menschen Spaß“.

Aber so ein Gästebetreuer muss sich manchmal auch ärgern. Zwei Euro kostet das dicke Kettwig-Heft. Alle wichtigen Infos sind enthalten. Das wird auch gern gekauft, aber „ein Mann, dem ich den Preis genannt habe, hat es dann auf den Boden geschmissen. War ihm wohl zu teuer“, erzählt Heinen.

Wir werden unterbrochen, weil eine Frau ihrer Freundin unbedingt sagen möchte, wie lang der Kettwiger Stausee ist. Kein Problem. Eberhard Heinen hat die passende Karte. Und immer wieder weist er auf die Kettwig-Rallye hin. Ein Flyer, viele Fragen - und bei den richtigen Antworten gibt es zwei Kugeln Eis. Wird gern genommen. Der Flyer und das Eis.

Wo denn die nächste Toilette sei, das nächste Café. Ein weiteres Schiff der Weißen Flotte hat angelegt - und versorgt uns mit Fragenden. Eberhard Heinen läuft jetzt zur Hochform auf. Eine Frau aus Bredeney ist mit ihrem Rennrad unterwegs. „Die Ruhr ist toll. Ich bin ein Leinpfadfan“, sagt sie. Aber es gibt ja noch viele weitere schöne Radwege. Da wäre der Panoramaradweg. Eberhard Heinen schwärmt und erklärt.

Kettwigs mobiles Touristenbüro ist von März bis September auf der Mühlengrabenbrücke zu finden. Immer sonntags. Immer von 11 bis 17 Uhr. Im Zwei-Schichten-Betrieb. Wieder die Frage nach der Toilette. Eine Öffentliche gibt es nicht. Immer noch nicht.

Unsere Ablösung kommt vor der Zeit. Zuverlässig sind sie auch noch, die Gästebetreuer. Und ihr Einsatz ist nachhaltig. Die ältere Dame, die vorhin nach der Toilette fragte, ist Kettwig nicht gram. Sie will mit ihrer Freundin wiederkommen. Weil Kettwig so schön ist.

Sabine Moseler-Worm

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