Der Verein mit den treuen Gästen
29.01.2012 | 16:22 Uhr 2012-01-29T16:22:00+0100
Essen-Kettwig. Ist Karneval ein Auslaufmodell? Darüber lässt sich trefflich streiten. Kölner, Mainzer und Düsseldorfer sagen schlichtweg: „Nein“. Und auch die Nachbarn aus Ratingen halten am Brauchtum fest.
In Kettwig, ohnehin keine Hochburg närrischen Frohsinns, bröckelt die flächendeckende Begeisterung allerdings schon seit Jahren. Dem FSV Berleburg geht der Nachwuchs aus, verschärfte Sicherheitsauflagen stehen den großen Narrenumzügen in kleinen Städten und Stadtteilen entgegen...
Doch noch gibt es eindeutige Lebenszeichen. So bei der KG Fidelio Rot-Weiß. Freitag, Samstag, Sonntag - drei jeweils mehr als vierstündige Galasitzungen im Eckhaus. Kein Nachwuchsproblem, und nach zögerlichem Start beim Kartenverkauf dreimal ein volles Haus. Die KG Fidelio habe halt treue Gäste. Findet Präsident Peter Rohde. Und sie hat Aktive, die von 17 Programmpunkten 16 mit Beiträgen aus eigenen Reihen bestreiten können. Das war und ist ein Alleinstellungsmerkmal.
Allerdings kam auch dieses Mal vor dem Bühnenauftritt die Arbeit. Nicht nur das Proben, das Nähen der Kostüme, sondern auch Großreinemachen im Eckhaus. Die Stadt ist arm - und man merkt’s. Nur 300 Euro kostet den Verein die Anmietung des Saals von Donnerstag bis Sonntag. Spottbillig, aber Dreckecken inklusive. Fidelio-Präsident Peter Rohde ist ein besonders umsichtiger Gastgeber und streicht gleich noch den unansehnlichen Heizkörper auf der Herrentoilette.
Am Freitag kamen sie dann, die Gäste. Gutgelaunt, gut verkleidet - und dann auch gut unterhalten.
Lediglich Programmpunkt Nummer eins ist angekauft. Der Show- und Musikzug Blau-Weiß Essen macht Stimmung. Um 20.30 Uhr kann bereits das erste spontane Aufstehen und Mitschunkeln notiert werden. Höchst sympathisch das Ratinger Prinzenpaar Michaela I. und Joachim I. - ein Glücksfall und eine Werbung für den Karneval. Made by Fidelio - dass die Rot-Weißen das Programm durchweg selbst gestalten, nötigt Joachim I. eine Menge Respekt ab. Und die Tatsache, dass sich die Kettwiger in Sachen Narretei gen Ratingen orientieren, denn „was wollt ihr auch in Essen...“. Der Mann bekommt Applaus.
Den bekommt auch Silvia Thom, die mit ihren Mondweisheiten quasi zum roten Faden der Galasitzung wird.
Was ein Luxus: Die KG Fidelio hat drei Tanzmariechen. Zumindest in dieser Session. Neu und gut ist Celine Hielscher. Sie macht ihren Job perfekt. Genau wie Marie-Ann Oesterwind. Tapfer. Drei Tage war sie krank und tanzt trotzdem. Mit Zugabe. Seit zehn Jahren Fidelio-Tanzmariechen ist Sarah Mansfeld. Diese Aufgabe gibt sie jetzt ab, bleibt der Fidelio aber in der Showgarde treu. Kein leichter Entschluss.
„Man schließt sich ein paar Tage ein und lässt die Blöden blöde sein...“ - mit den gereimten Gedanken eines Anti-Karnevalisten feiert Fidelio-Geschäftsführer Ingo Koßmann Premiere als Büttenredner.
Niemals geht man so ganz... Entgegen der Ankündigung stehen sie doch auf der Bühne. Die Paselewskis, die Fidelio- Kultfamilie. Vatter Hermann (Ralf Kuhlmann) hat sich eine Auszeit genommen. Gattin Hilde Paselewski (Petra Jahns) erklärt seine Abwesenheit: „Mann zum Mitreisen gesucht - der Hermann ist mit dem Zirkus unterwegs...“ Und Töchterchen Vicky (Britta Goldbach) ist bei Bauer sucht Frau fündig geworden. Die Omma (Tanja Oesterwind) trainiert derweil die Altherren-Nationalmannschaft und datt Magitt (Silvia Thom) ist mittlerweile anerkanntes Margit Sponheimer-Double... Toll, Zugabe, Ausziehen - die Ruhrtalritter um Annette und Einhart im Brahm zeigen Flagge, bzw. Plakate. Dann gibt’s das Mitmach-Lied und die Erkenntnis, dass diese Ruhrgebietsfamilie ein starkes Stück Fidelio ist.
So wie die Kindergarde, die Jugendgarde und die Showgarde. So wie Jessica Rohde als Touristin, wie Lynn Jahns, die von ihrer Mädelsclique erzählt, wie die Ommas (Petra Jahns und die Fidelio-Vorsitzende Angelika Rohde), wie die drei Tenöre (Petra Jahns, Tanja Oesterwind und Britta Goldbach), die mit Akrobatik überraschen, wie die Möschen und natürlich das Fidelio-Herrenballett. Sechs charmante Männer und Musicalmelodien. Trainiert von der Chefin selbst. Angelika Rohde hat die Jungs im Griff. Das Ergebnis ist sehenswert. Und der Striptease endet, wenn die Oberkörper nackt sind. „Mehr ist im Karneval nicht erlaubt - zumindest bei uns nicht“, sagt Präsident Peter Rohde.
Übrigens: Ab 2013 gibt’s die Fidelio-Gala nur noch im Doppelpack - aus organisatorischen Gründen wird die Sonntagssitzung gestrichen.
0mitdiskutieren