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Wandel im Revier gibt Essen-Kettwig Auftrieb

28.05.2012 | 15:08 Uhr
Wandel im Revier gibt Essen-Kettwig Auftrieb
Zauberhaft: Die Sicht von der Brücke Ringstraße auf die ehemalige Tuchhalle Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool

Essen-Kettwig.   Kettwig mausert sich durch den Umbau zu einer der ersten Adressen Essens. Doch die 1a-Lage zwischen altem Fachwerk und luxurösem Loft leidet unter dem Flugverkehr. Ein Idyll mit Schönheitsfehlern. Dennoch ist das Dorf im Aufwind.

Von diesem Flecken Land an der Biegung des Flusses schwärmte manch einer schon zu Goethes Zeiten. Die Jahrhunderte rundherum jedoch prägte harte Arbeit: Spinnen und Weben, anfangs in Manufakturen, später in Fabriken, wo Kinder und Frauen sich plagten. Kettwig an der Ruhr war nie reich, und lange galt das Fachwerk-Idyll auch als ziemlich spießig. Doch jetzt, wo sich alte Industrie in Lofts wandelt, wo der Stadtteil das Wohnen an der Seepromenade entdeckt, da mausert er sich zu einer der ersten Adressen Essens.

Hans-Gerd Engelhardt bewegt sich hier im ersten Stock des Kettwiger Rathauses wie im eigenen Wohnzimmer. Jahre haben er und seine Freunde an diesem lokalen Museum gearbeitet, haben Materialien zusammengetragen, Werkzeuge, Tuche, Bücher und Karten, die sie nun liebevoll in Vitrinen präsentieren. 78 Jahre ist der Hobbyhistoriker inzwischen, ein promovierter Geograph und Lehrer, der Kettwig kennt wie kein anderer.

Er führt die Namen der alteingesessenen Kettwiger bis in mittelalterliche Melderegister zurück, er weiß, wann der Fabrikant Scheidt seine erste Spinnmaschine erfand und warum die Kettwiger etwas zugeknöpfter, eben calvinistischer sind als die Kettwiger vor der Brücke. Auch die neueste Entwicklung seines Ortes beobachtet, beurteilt er mit hörbarem Stolz. Dass der Stadtteil, der vielen noch vor kurzem zu weit entfernt von der A 52 lag, von der Autobahn nach Düsseldorf, plötzlich sehr angesagt ist.

„Kettwig ist inzwischen eine der Top-Adressen schlechthin. Die Altstadt mit ihrem Fachwerk und das Wohnen am Wasser locken eine vermögende Klientel in diesen Teil des Essener Südens“, sagt auch Gabriele Laven vom Immobilien-Makler Engel und Völkers.

Mit der Tuchfabrik fing es an

Begonnen hat alles, mal wieder, mit der Scheidtschen Tuchfabrik. Jahrzehnte lag sie brach, kaum mehr noch als eine Ruine an der Ruhr. Pläne gab es genug, doch alle verloren sich. Bis vor etwa fünf Jahren damit begonnen wurde, den turmbewehrten Backstein-Bau zu entkernen und seine Hülle mit luxuriösen Lofts zu füllen.

Edles Wohnen für eine zahlungskräftige Klientel. Es kamen junge Paare ohne Kinder, aber mit um so mehr Einkommen. Es kamen ältere Leute, die sich nach langem Berufsleben kleiner setzen wollten, ihre aufwändigen Häuser dafür verkauften. Kettwigs Altstadt spreizte sich, die Geschäfte an den gepflasterten Straßen stellten sich auf die neue Klientel ein.

Und das ist erst der Anfang. Südöstlich der Altstadt Kettwigs liegt am Ufer der Ruhr das Gelände der früheren Scheidtschen Hallen. Zigtausende Quadratmeter, auf denen inzwischen viel abgerissen und Erhaltenswertes renoviert wird. Bis Ende 2014 sollen hier, direkt an der Ruhr, Wohnungen entstehen. Stadt- und Doppelhäuser sowie moderne Stadtvillen zum Kaufen und Mieten. „Es wird eine Seepromenade entstehen, auf die der ganze Essener Süden neidisch sein wird“, sagt Heinz Schnetger, der Geschäftsführer der Grundstücksgesellschaft Kettwig.

Ein Kreativ-Quartier

Seine Gesellschaft ist nichts anderes als Nachfolger der Scheidtschen Tuchfabriken. Was davon übrig blieb, nachdem diese in den 60er und 70er Jahren schlossen, wird von ihr verwaltet. 26 000 Quadratmeter davon gingen nun für das Seepromenaden-Projekt an die Berliner Kondor Wessels Holding, weitere 12 000 mit der historischen Verwaltung, dem Kessel- und dem Turbinenhaus will die Gesellschaft selbst zum ein Kreativ-Quartier entwickeln.

Wohnen und Arbeiten in einem Fachwerk-Idyll am Wasser. 1 a-Lagen nennt man so etwas normalerweise. Dass Kettwig hinter diesem 1 a ein kleines Minus stehen hat, liegt im Himmel über dem Ort begründet. 250 bis 350 Flugzeuge durchziehen den im Laufe eines Tages, und das bei einer Höhe von etwa 700 Metern. 2004 gründete sich deshalb auch in Kettwig der Ableger einer Fluglärm-Gegner-Intitiative. Und das Urteil der „Bürger gegen Fluglärm“ fällt drastisch aus: Die Gärten Kettwigs seien ab 21 Uhr abends nicht mehr zu nutzen. Zu laut würde es, wenn alle Flieger noch ganz schnell auf dem Düsseldorfer Flughafen landen wollten.

Ein Idyll mit Schönheits-Fehlern also. Doch Kettwig scheint das nicht aufzuhalten.

Hayke Lanwert

Kommentare
02.06.2012
14:15
Wandel im Revier gibt Essen-Kettwig Auftrieb
von aulfes | #9

Jeder der hier hinzieht kennt die Einflugschneise. Niemand wird während einer Besichtigung die Flugzeuge überhören. Ebenso in gewissen Bereichen die...
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http://www.derwesten.de/staedte/essen/kettwig-und-werden/wandel-im-revier-gibt-essen-kettwig-auftrieb-id6700880.html
2012-05-28 15:08
Revier, Ruhrgebiet, Essen-Kettwig, Strukturwandel, Infrastruktur
Kettwig und Werden