Studentinnen helfen bei den Hausaufgaben

Franziska Kloos (l.) und ihre Freundin Rachel Löwentraut (3.v.l.) betreuen regelmäßig Kinder in der Übergangsunterkunft im Löwental in Essen-Werden.
Franziska Kloos (l.) und ihre Freundin Rachel Löwentraut (3.v.l.) betreuen regelmäßig Kinder in der Übergangsunterkunft im Löwental in Essen-Werden.
Foto: WAZ

Essen-Werden..  Sind Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, nicht automatisch Fremde? Für mich nicht mehr. Als Fremder ist man anders, neu, unbekannt. Und Fremdheit ist auch in Werden kein neues Thema. Doch über welche Menschen sprechen wir, wenn wir von Asylbewerbern reden? Gegen wen und gegen welche Zustände in Unterkünften protestiert seit Monaten die Pegida-Bewegung in Dresden, die eine Verschärfung des Asylrechts fordert? Vielleicht kann ein Einblick in die Situation serbischer und mazedonischer Asylbewerber im Löwental zum Verständnis beitragen.

Eine Frau mittleren Alters öffnet mir die Tür, bittet mich in gebrochenem Deutsch herein. Ich erkläre, warum ich eigentlich hier bin. Seit September kommen Rahel Löwentraut und ich fast jede Woche ins Löwental, um den Kindern eine Hausaufgabenbetreuung anzubieten.

Kommunikation ohne gemeinsame Sprache ist schwierig. So verständigen wir uns auf Deutsch, Englisch, nicht zuletzt auch mit Händen und Füßen. Die mazedonische Familie und ich, wir bemühen uns sichtlich, in der Hoffnung, nicht aneinander vorbei zu reden. Auf meine Frage, ob sie einen Deutschkurs besuchen, heißt es: Wir wurden auf „frühestens Januar“ vertröstet. Für die Familie bedeutet das zwei weitere Monate unfreiwillig untätigen Wartens…

Ich bekomme Tee angeboten. Warum sie nach Deutschland gekommen sind, möchte ich wissen. Die Lage in Mazedonien sei schwierig. Die Albaner würden das Land und die mazedonische Bevölkerung nicht anerkennen, so die Antwort. Die Tochter der Familie zeigt mir Videos, die Demonstrationen im Juli 2014 dokumentieren. Teils gewaltsame Ausschreitungen sind zu sehen, Schüsse zu hören. Schweres Gerät der Polizei auf der einen, randalierende Demonstranten auf der anderen Seite. Friedlicher Protest und freie, demokratische Meinungsäußerung stellt man sich anders vor. Was die Familie mir berichtet, sind aber vor allem Repressionen im Alltag - es gebe keine Gleichberechtigung der Volksgruppen.

Zwei Ziele gilt es im Löwental zu verfolgen: Die Deutschkenntnisse der Kinder zu verbessern, ist das eine. Darüber hinaus sollen sie im gemeinsamen Erleben eine Wertschätzung ihrer Person erfahren. Mit Glück können daraus Selbstbewusstsein und eine positive Grundeinstellung dieser Gesellschaft gegenüber entstehen.

Mit persönlicher Dankbarkeit lässt sich oft mehr erreichen als mit gegenseitigen Vorbehalten und Ängsten. Man kennt sich und weiß einander zu schätzen.

Man kennt sich und weiß einander zu schätzen

Verschieden wie die einzelnen familiären Hintergründe sind die Altersgruppen der Kinder. Die vierjährige Medina kommt montags und dienstags häufig mit ihren Geschwistern mit zur Hausaufgabenbetreuung. Während die anderen Aufgaben machen oder ein Spiel spielen, malt sie. Einzige Unterbrechung ist das Quietschen, mit dem sie stolz neue Werke präsentiert.

Obwohl sie Serbisch spricht, und wir Deutsch sprechen, ist Medina mitteilungsfreudig, anhänglich sogar. Ein besonders schönes Erlebnis war der Moment, in dem Medina begann, deutsche Wörter nachzusprechen. Innerhalb von nur wenigen Wochen hat sie ohne Anstrengung eine große Hürde überwunden – den Übergang zu einer ihr völlig fremden Sprache.

Wie dagegen die Unterbringung im neuen Erstaufnahmelager auf dem ehemaligen Kutel-Gelände in Fischlaken aussehen wird, muss sich zeigen. Die Baupläne gibt es bereits, die Ausschreibungen laufen noch. Man darf gespannt sein, ob es bis dahin festgelegte Standards und auch eine regelmäßige Überprüfung derselben geben wird. Auch wird sich zeigen müssen, welche Aufgaben dem Betreiber der Einrichtung zufallen werden.

Verfahrensberatung, Seelsorge, Basis-Sprachkurse – diese Bereiche wird zu Teilen die Stadt delegieren. Alles Übrige versucht das überaus erfolgreich gestartete Netzwerk „Werden hilft“ ehrenamtlich zu organisieren. In der jetzigen Planungsphase haben sich bereits Arbeitskreise gebildet - von einer Kleiderkammer nach Essener Vorbild über Kurse zu Beruf und Alltag bis hin zu Patenschaften gibt es zahlreiche Ideen, wie man Flüchtlingen den Einstieg in Deutschland erleichtern kann.

Franziska Kloos und Rahel Löwentraut engagieren sich auch in der Aktionsgruppe Werden hilft. Dort haben sich im November Menschen zusammengefunden, die den Flüchtlingen, die voraussichtlich ab Herbst 2015 auf dem ehemaligen Kutel-Gelände in Fischlaken untergebracht werden, willkommen sagen wollen.

Das nächste Treffen der Gruppe ist am Montag, 19. Januar, in den Werdener Domstuben an der Brückstraße. Unterstützer sind willkommen. Weiter Infos unter werdenhilft.de.