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Der Wanderer ist angekommen

21.10.2012 | 14:05 Uhr
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Der Wanderer ist angekommen
Der Kettwiger Fotograf Ralf Schultheiß rauscht seit Jahrzehnten durch den deutschen Blätterwald.Foto: Remo Bodo Tietz

Essen-Kettwig. Der Termin beginnt für mich mit leichter Verzögerung. Zuerst muss mein Gesprächspartner Ralf Schultheiß fotografiert werden. Er ist selbst Fotograf. Für den Kollegen Remo Bodo Tietz eine Herausforderungen. Beide wissen, worum es geht. Darum, den Menschen zu zeigen. So gut wie möglich, auf nur einem Bild.

Sympathisch sei der Herr Schulheiß, findet Kollege Tietz. Und dann müssen sie noch ganz kurz über UV-Filter reden und über damals, als man Filme im Dunkeln entwickelte und das in der Not schon mal im Kleiderschrank tat. Und über Staubsäckchen für Objektive. Ralf Schultheiß hat die Kleidersäcke benutzt, die es in Hotels gab, Remo Bodo Tietz bekam noble Ledersäckchen. Von seiner Oma genäht...

Ein bisschen in Kettwig verliebt

Meine Antworten bekomme ich anschließend. Von einem Mann, der sich ein bisschen in Kettwig verliebt hat. Der eigentlich ein Wanderer ist. Aber vielleicht ist er auch angekommen - „ich lebe nicht mehr so gern aus dem Koffer.“

60 Jahre ist er alt und in Borbeck geboren. Fotografie und Grafikdesign hat er an der Folkwang Schule studiert und rauschte in den folgenden Jahrzehnten mit Können durch den Blätterwald. Menschen waren und sind sein Thema - „aber man darf ihnen beim Fotografieren nicht die Seele klauen.“

Durch eine Semesterarbeit wurden die Verantwortlichen des FAZ-Magazins auf ihn aufmerksam. Damals der Maßstab für Fotografen und Art-Direktoren. Das war 1980. Titelbilder für den „Stern“ folgten. In seiner damaligen Wohnung in Bredeney „hatte ich gutes Nordlicht“ - also ließ er Models aus Paris einfliegen, spannte ein weißes Tuch - und fotografierte. Mode, Lifestyle, Sport. Reisen wollte er immer gern und wenn nicht Fotograf, dann Konzernchef oder Hoteldirektor werden. Fotograf ist er geblieben. In den 1990er Jahren begann er für das ADAC-Reisemagazin zu arbeiten. Überall. Gern in Kapstadt, denn „das ist ein Paradies für Fotografen. Es ist unkompliziert, preiswert, Models aus aller Welt kommen dort zusammen, und man hat immer gutes Wetter“.

Vor 14 Jahren ist er mal in Kettwig spazieren gegangen. Ein Wohnung in Ruhrnähe war zu vermieten. „Eigentlich kannte ich das Dorf gar nicht richtig“, sagt er und lacht. Nun wohnt er hier. Mit einem Paddelboot direkt neben dem Haus. „Freunden habe ich schon die Eisvögel gezeigt, die am Ruhrufer nisten.“ Und nur eine Wohnung weiter, lebt seine Freundin. Die Düsseldorfer Rechtsanwältin hat „halt einen anderen Geschmack und einen anderen Lebensrhythmus. So passt das.“

Es läuft gut bei Ralf Schultheiß. Er war nie fest angestellt, hatte immer seine Freiheit, „und jetzt mache ich das, was ich studiert habe.“ Er entwickelt Magazine. Als Blattmacher, als Layouter, als Fotograf.

Und er kocht gern, liebt vermeintlich einfache Dinge wie Königsberger Klopse und eine gute Hühnersuppe. Er schaut durchs Fenster auf die Ruhr. „Ich kann mich aufs Kochen einlassen. Das ist ein handwerklicher, aber auch kreativer Prozess.“

Ein bisschen wie das Fotografieren. Immer mit einem Ziel. Nie einfach nur so. Gut muss es werden. Wie das Foto, das Kollege Tietz gemacht hat. Finde ich.

Sabine Moseler-Worm

Kommentare
21.10.2012
17:15
Der Wanderer ist angekommen
von davida | #1

Was für ein interessantes Portrait über ein spannendes, ereignisreiches Leben.
Von Herrn Schultheiß würde ich gerne mal ein paar Fototipps bekommen. ;-))
VG davida

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