Bollerwagen zogen durch Werden

Der Werdener Rathausplatz war definitiv zu klein für die vielen Teilnehmer des Bollerwagenumzugs.
Der Werdener Rathausplatz war definitiv zu klein für die vielen Teilnehmer des Bollerwagenumzugs.
Foto: Funke Foto Services

Die Glocke der Evangelischen Kirche schlägt elf Mal. Karnevalssonntag in Werden. Das heißt: Warten auf die Bollerwagen. In Höhe Dückerstraße haben sich die Teilnehmer aufgestellt. Bestens gelaunt. Und das närrische Volk verstopft schon die Hufergasse und die Grafenstraße. Nur noch elf Minuten. Der Countdown läuft.

Vor dem „Alt Werden“ wird bereits geschunkelt, die Sonne scheint. Selbstverständlich. Monika Reich-Püttmann, die sich gemeinsam mit Peter Gabka um die Organisation kümmert, weiß, „dass wir in den vergangenen zwölf Jahren immer gutes Wetter gehabt haben. Nur ein einziges Mal musste ich den Regenschirm aufspannen - nach wenigen Metern konnte ich ihn dann wieder schließen.“ An diesem Sonntag hat sie ihn gar nicht erst mitgenommen.

Peter Gabka zeigt seine Harlekin-Kappe. Die macht Musik. Karneval halt. Vor dem Bollerwagen der „Gärtner des Gartenhaus Dingerkus“ wird auf der Stelle getanzt. Vorsitzender Peter Bankmann, Rolf Sachtleben und Bezirksbürgermeister Michael Bonmann sind bester Laune. Statt Kamelle verteilen sie Samentütchen. Gartenkresse, Studentenblume... Nachhaltige Geschenke.

Die riesige Truppe der KG Gesichts11 singt lautstark kölsche Lieder. Die „Bollerwagen-Jecken“ der Kneipe „Apfelbaum“ haben Unterstützung bekommen. Sie nehmen gemeinsam einer großen Abordnung vom Betreuten Wohnen an der Urbachstraße am Bollerwagenumzug teil. Die netten Flower-Power-Hippies verteilen Blumen, und ich frage mich, ob sich hinter den Pappmasché-Masken der „Aulen Wiewer“ nur Frauen verbergen?

Das Tambour Corps „Ruhrperle“ spielt „Und dann die Hände zum Himmel...“ Wie schön kann Karneval sein, wenn er nichts mit Kommerz zu tun hat...

Ich hab’s heute mal mit einem Clownskostüm probiert. Mittendrin statt nur dabei. Block und Bleistift in der Hand. Beim nächsten Mal muss ich mir unbedingt ein Schild umhängen: Nein, ich komme nicht vom Ordnungsamt und schreibe auch keine Falschparker auf.

Der Zug setzt sich in Bewegung, quetscht sich durch die schmalen Straßen und Gassen. Die Stimmung ist prächtig. Auffällig: Die meisten Kostüme sind selbst gemacht, mit viel Fantasie. Und die Themen der kleinen Motivwagen sind politischer Natur. Klare Worte zu Pediga, zu Charly Hebdo.

Gegen 11.45 Uhr ein Zwischenfall. Ein Rettungswagen muss in die Heckstraße. Die Narren machen Platz, alles verläuft reibungslos.

Aus dem „Alt Werden“ dröhnt jetzt „Mit alle Mann am Ballermann“. Mittlerweile ist der Platz vor dem Rathaus schon gut gefüllt. Abseits am Ludgerusbrunnen stehen Menschen mit dem typischen Ich-möchte-auch-gern-trau-mich-aber-nicht-Blick.

Der Bollerwagenumzugist ein Familienfest

Der Bollerwagenumzug ist ein Familienfest. Viele Kinder sind dabei, das Motto „Bürger für Bürger“ wird ernst genommen. Der Wagen des Prinzenpaares kommt, Wolfgang I. und Nicole II. gehen durch den Hintereingang ins Rathaus. Auf dem Balkon stehen die Fotografen. Und Peter Gabka. Gleich wird seine Frau Margarete - als Schlumpf verkleidet - mit der Spendendose sammeln gehen. Den Erlös bekommt der Kinderschutz. Wie in jedem Jahr. Was man hat, teilen. Das klappt gut in Werden. Auch an diesem Karnevalssonntag.

Die ersten Teilnehmer zwängen sich mit ihren Bollerwagen vors Rathaus. Die Frau im Chinesinnen-Kostüm verteilt kleine Frikadellen. Sehr lecker. Wer mag, greift zu. Der Mann in der Mönchskutte gönnt sich ein Gläschen Sekt. Seine Nachbarin: „Denk dran - du bist im Zölibat.“ Die Motorradtruppe, die wahrscheinlich von ihrem Ausflug zu Haus Scheppen zurückkommt, verpasst an der Ampel nebenan die Grünphase. Karneval kann faszinierend sein.

Die Werdener Spielleute sorgen für Stimmung, und Peter Gabka greift zum Mikrofon. Er bedankt sich bei den Helfern, der Polizei, dem DRK. Und der Metzgerei Mirbach, die für Fleischwurst und Flönz sorgt, bei Frank Hahn von den „Domstuben“ für eine Bierspende. Mittlerweile wird auch auf dem Platz am Ludgerusbrunnen geschunkelt. Irgendwann kriegt der Karneval sie alle. Gleich wird Dr. Dino Brosch, Präsident des Essener Karnevals-Vereins, noch ein Lied singen. „Extra für die Kinder“, so Peter Gabka. Die Sonne zieht weiter, auf dem Platz vor dem Rathaus wird es kühl. Die ersten Bollerwagen werden nach Hause gezogen. In den Werdener Kneipen geht’s weiter. „Gehse gleich mit im Schwarzen?“ „Ja, sicher.“ Der Karnevalssonntag ist noch lange nicht zu Ende...