Abschiebung ohne Ankündigung

Das Übergangsheim im Werden Löwental - hier lebte die Familie Imeri-Ibrahimi.
Das Übergangsheim im Werden Löwental - hier lebte die Familie Imeri-Ibrahimi.
Foto: WAZ FotoPool

Essen-Werden..  Eine serbische Familie beantragt Asyl in Deutschland und verliert das Verfahren. Die Ausreise steht bevor. Doch zur Planung kommt es nicht mehr. Noch im Morgengrauen wird die Familie unerwartet von der Polizei aus dem Übergangsheim im Löwental abgeholt.

An dieser Stelle sollte ein Artikel stehen, der Familie Imeri-Ibrahimi portraitiert, um von ihrer verfahrenen Situation zu erzählen. Der geplante Aufruf an die Behörden, eine erneute Einzelfallprüfung vorzunehmen, erübrigt sich jetzt - die Familie wurde am Dienstag in einer Nacht- und Nebelaktion abgeholt. Obwohl ein behördliches Schreiben vorlag, nachdem erst zwei Tage später, also heute, ein letzter Termin in der Ausländerbehörde hätte stattfinden sollen, kam die Polizei unangekündigt.

Keine Verlängerung der Duldung

Seit knapp zwei Jahren lebte Familie Imeri-Ibrahimi in Deutschland. Die ursprüngliche Hoffnung, hier auf Dauer Asyl und Arbeit zu finden, entpuppte sich jedoch schnell als Utopie. So bekam die Roma-Familie keine Verlängerung ihrer Duldung und sollte nach Serbien abgeschoben werden. Zum Sommer, also mit einer Verlängerung um zwei Monate, hätten die Kinder ihr Schuljahr in Deutschland zu Ende bringen können – wäre da nicht die Abschiebung in ein vermeintlich sicheres Land.

Renata und Silvia besuchten die Ludgerusschule und das dortige Förderangebot für Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, Kristian und Dzemka die Hauptschule an der Wächtlerstraße. In kurzer Zeit entwickelten alle vier Kinder einen bemerkenswerten Sprachstand. Dzemka, die mit 15 Jahren älteste Tochter, übte in der Schule, Bewerbungen zu schreiben. Mit dem Erfolg, dass sie ab dem nächsten Schuljahr ein Berufskolleg hätte besuchen dürfen. Kristians Lehrerin sagte im Gespräch über ihren Schüler, er sei ein wahrer „Sonnenschein“ für die Klasse, der sich immer aktiv und engagiert zeige. Weil er erstaunlich gut Deutsch spricht, konnte sie erwirken, dass der 14-Jährige seit Mitte März nicht mehr die Sprachförderklasse, sondern eine Regelklasse besuchte.

Darüber hinaus ermöglichte ihm eine Patenschaft, zweimal in der Woche am Fußballtraining des SC Werden-Heidhausen teilzunehmen. Eine tolle Gelegenheit für den Jungen, der von Anfang an begeistert war und nach den Osterferien mit Trikot und Schuhen ausgestattet richtig loslegen wollte.

Engagiert zeigten sich auch Silvia (11) und Renata (8), die mit Elan den Deutsch-Förderunterricht in der Grundschule besuchten.

Zu Hause erwartete die Kinder eine auf das Grundlegende reduzierte Realität. Zu Hause - das war in den letzten zwei Jahren das Übergangsheim im Löwental. Die sechsköpfige Familie lebte auf 27 Quadratmetern, in zwei Zimmern mit integrierter Küchenzeile und Bad. Penibel achtete die Familie auf Ordnung und Sauberkeit inmitten des beengten Alltags.

Nun hat dieser Übergang, das ewige Warten auf Verlängerung der Duldung oder aber Abschiebung, ein Ende. Doch es ist ein jähes Ende, eines, das den Menschen nicht einmal die Chance lässt, ihre Ausreise – wie amtlich vorgesehen und dokumentiert – selbst zu planen und sich darauf vorzubereiten. Sie wurden ohne das Wissen der Heimleitung – in diesem Fall der Hausverwalter –, ohne Wissen der Security oder des Sozialarbeiters in den frühen Morgenstunden abgeholt.

Den Eltern graute es vor der Rückkehr in ihre Heimat

Vor der Rückkehr in die Heimat nahe Belgrad graute es den Eltern im Vorfeld. Grund für ihre Flucht war nach eigener Angabe die Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Roma. Serbien ist laut geändertem Asylrecht seit 2014 als „Sicheres Herkunftsland“ eingestuft.

Die Eltern Imeri-Ibrahimi beschreiben sich selbst als bildungsnah. Zur Schule sei er bis zum Abschluss der Oberstufe gegangen, sagte der Vater. Er hatte sich erhofft, in Deutschland möglichst schnell eine Stelle anzunehmen, als Kfz-Mechaniker vielleicht oder anderswo. Seine Frau hätte gerne als Putz- oder Pflegekraft gearbeitet. Auf keinen Fall wollten die beiden auf Sozialgelder des Staates angewiesen sein. Die Chance zur Verwirklichung hat es nicht gegeben.

Laut ProAsyl sollen in den kommenden Monaten 99 Prozent der Asylbewerber aus Serbien und Mazedonien im Eilverfahren abgeschoben werden.

Kein grundsätzlich falscher Gedanke, gerade wenn keine Hoffnung auf dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland besteht. Äußerst zweifelhaft ist allerdings die geschilderte Praxis.

Die Familie wohnte in der Vergangenheit zusammen mit dem Großvater in einem Haus nahe Belgrad. 2014 fiel das Haus schließlich einem Feuer zum Opfer, der Großvater kam kurzfristig bei Verwandten unter. Auf dem Handy-Video, das ein Verwandter gedreht haben soll, sieht man die Überreste – Fundamente und Spülbecken, einige undefinierbare Aschehaufen. In ihr Haus kann die serbische Familie also nicht zurückkehren.

Ohne Job und ohne Sozialhilfe vom Staat ist vollkommen ungeklärt, wo sie wohnen werden. Laut Berichten von Amnesty International kündigt die serbische Regierung seit Jahren Umsiedlungsprogramme für Roma an. Im Zuge der Umsiedlungen sollen auch bessere, humanitären Richtlinien entsprechende Wohnverhältnisse geschaffen werden – das Ganze unterstützt durch EU-Gelder. Passiert ist bislang wenig.

Der Familie fehlt jede Grundlage für ein menschenwürdiges Leben. Ein Wohnsitz ist nicht mehr gegeben. Die Familie zieht buchstäblich auf die Straße. Obwohl keine Jobaussichten bestehen, gibt es keine soziale Absicherung wie in Deutschland. Das Bildungsniveau der Kinder wird auf den Elementarbereich zurückgestuft werden. Ein Ausweg aus Armut und aus sozialer Ausgrenzung ist nicht abzusehen.

Auf ihre Kinder sehen die Eltern bittere Enttäuschungen in Sachen Schule zukommen. Es gebe in Serbien „Spezialschulen“... Bei der Recherche stellte sich heraus, dass es in Serbien tatsächlich Schulen gibt, an denen nur Roma unterrichtet werden. Unabhängig vom vorhandenen Bildungsstand der Kinder werden viele in niedrigere Klassenstufen geschickt.