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Bombenangriff

Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel

19.10.2012 | 14:00 Uhr
Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
Die Kriegsgedänkstätte an der Gerlingstraße mit dem Bronzerelief des Künstlers Peter WeissFoto: Sebastian Konopka

Essen.  Tausende Essener haben im denkmalgeschützten Luftschutzbunker an der Eisernen Hand im Ostviertel während der Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges Schutz gefunden. 99 russische Zwangsarbeiter und ein deutscher Unteroffizier jedoch starben einen elenden Tod, weil sie kein Recht auf einen Bunkerplatz hatten.

Die Bezirksregierung Düsseldorf hat den Luftschutzbunker an der Eisernen Hand im Ostviertel unter Denkmalschutz gestellt. Tausende Essener haben dort während der Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges Schutz gefunden. Auch 99 russischen Zwangsarbeitern und einem deutschen Unteroffizier hätte der Bunker das Leben retten können. Weil aber Zwangsarbeiter kein Recht auf einen Bunkerplatz hatten, starben sie am 12. Dezember 1944 einen Steinwurf vom rettenden Bau entfernt eines elenden Todes in einem verschütteten Stollen.

Kaum einer kennt das Denkmal, das die Stadt 1964 den Verschütteten setzte. Ein schmaler Weg führt von der Gerlingstraße in eine kleine Grünanlage zu einem Bronzerelief. Über der Darstellung eines Verschütteten steht in deutscher und kyrillischer Schrift: „Hier ruhen 99 russische Kriegsgefangene, verschüttet durch Fliegerbomben am 12. Dezember 1944.“

Bombensicherer Aufenthalt

Sie hätten nicht sterben müssen, denn nur 100 Meter vom Grabdenkmal entfernt steht der 1940/41 im Rahmen des „Führer-Sofortprogramms für den Luftschutz“ hoch gezogene Luftschutzbunker, der 430 Menschen mit seiner 1,40 Meter dicken Eisenbeton-Schutzdecke einen im Wortsinn bombensicheren Aufenthalt ermöglichte. Doch den russischen Kriegsgefangenen, die auf der Zeche Graf Beust Zwangsarbeit leisten mussten, war der Zutritt verwehrt. Sie hatten sich selbst einen zwischen sieben und neun Meter tiefen Schutzstollen auf dem Zechengelände gebaut, das damals noch zum RWE-Konzern gehörte.

Als am Abend die alliierten Bomberstaffeln über die Stadt zogen, trafen sechs Bomben den rund 100 Meter langen Stollen, der teilweise einstürzte und die Schutzsuchenden verschüttete. In seinem Buch „Essen erinnert“ ließ der 2009 verstorbene Stadthistoriker Ernst Schmidt 2002 einen der Bergleute erzählen, der an den Bergungsversuchen der Opfer beteiligt war.

"Es wurden 20 bis 30 Verschüttete geborgen."

Bergmann Franz Marx erinnert sich: „Steiger Spitz und ich versuchten, zu den Verschütteten vorzudringen. Nach vier Stunden trafen wir auf etwa 30 tote Russen und den deutschen Unteroffizier. Sie hatten sich fest in einander verkrallt und waren höchstwahrscheinlich erstickt. Wir legten den Toten Gummischläuche um ihre Körper und zogen einzelne heraus. Nachdem ich auf diese Weise fünf tote Russen und den deutschen Unteroffizier geborgen hatte, wurde mir übel.“

Andere Kumpel und russische Zwangsarbeiter setzten die Bergung fort. Marx: „Es wurden 20 bis 30 Verschüttete geborgen, mit Kalk bestreut und in den Maschinenraum der Zeche gebracht.“ Ein Versuch, einen neuen Schacht für die Bergung zu graben, blieb vergeblich. Marx: „Danach legte man die geborgenen Leichen wieder dorthin, wo man sie gefunden hatte. Dann wurde der Stolleneingang zugemauert. Nur den deutschen Unteroffizier hat man beerdigt.“ Die Gebeine der toten Russen liegen bis heute unter dem Bronzerelief, das ihr anonymes Grab markiert.

Ein tragisch eindrucksvolles historisches Ensemble

Die Grabplatte an der Gerling-straße steht seit 2009 unter Denkmalschutz, auf Beschluss der Bezirksvertretung Innenstadt. Der Hochbunker, im Besitz des Bundes und 1983 für Zwecke des Zivilschutzes umgebaut und unter anderem mit einer ABC-Schutzbelüftung ausgestattet, komplettiert jetzt auf Verfügung der Bezirksregierung das „tragisch eindrucksvolle historische Ensemble“. Es soll nicht nur an die 99 Russen und den Deutschen erinnern. Es soll auch ein Denkmal setzen den 1415 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie Kriegsgefangenen, die während des Krieges bei Bombenangriffen in Essen umgekommen sind. Jedes fünfte Essener Bombenopfer war Gefangener oder Zwangsarbeiter.

Kai Süselbeck



Kommentare
19.10.2012
21:19
Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
von Musashi | #5

Tja, beim sterben ist sich jeder selbst der Nächste!!!

19.10.2012
20:07
Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
von BauerKleppe | #4

Wer offenen Auges durch die Republik geht oder fährt, findet zahlreiche Gedenkstellen, und sie alle sind des Gedenkens wert. Sie alle stehen auch stellvertretend für die vielen Unerwähnten. Ich meine, das sollte selbstverständlich sein.

19.10.2012
18:15
Und was ist mit der deutschen Zivilbevölkerung und deren Opfer?
von industriee | #3

Meine Großmutter mütterlicherseits verbrannte mit anderen in einem getroffenen Gladbecker Schutzraum durch Phosporbomben. Im Gebiet Horst/Karnap wurde ein Haldenstollen getroffen und zerstört mit vielen Toten. Und, und.... Erst werden deutsche Zivilopferzahlen runter gerechnet und jetzt nicht mehr erwähnt? Die 480 Bunkerplätze waren sicher nicht Übersoll, es gab längst nicht genug von den Hochbunkern. Und was ist zB mit den 25.000 getöteten Zivilisten in den Berliner Flagbunkern über die Spiegel-TV einst berichtete? Ein Kommentar vom totkranken Rudolf Augstein selbst gesprochen. Später dann wieder revidiert. Ich will auch die hunderte von getöteten Zwangsarbeitern, darunter viele Frauen auf der Horster Raffinerie erwähnen die bei der Bombardierung der Kohleverflüssigungsanlage starben. Eine unbestätigte Geschichte die in der Gelsenkirchen Neustadt erzählt wurde erzählte von ermordeten Zwangsarbeitern in den vergossenen Kellern des Gußstahlwerkes. Wer weiß.

19.10.2012
17:31
Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
von BauerKleppe | #2

Der wird wohl nicht aus purer Solidarität mit da drin gewesen sein, sondern um die Flucht der Zwangsarbeiter zu unterbinden. Ob das so lobens- und erwähnenswert ist, sei dahingestellt.

19.10.2012
16:36
Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
von gardeducorps | #1

„Hier ruhen 99 russische Kriegsgefangene, verschüttet durch Fliegerbomben am 12. Dezember 1944.“

Der deutsche Unteroffizier ist keine Erwähnung wert ?

3 Antworten
Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
von f.densborn | #1-1

Als Nick einen preussischen Traditionsverband und nicht fähig zu lesen !!!

Der Unteroffizier wurde als einziges Opfer regulär bestattet und nicht eingemauert , wer lesen kann ist klar im Vorteil.

Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
von erzhase | #1-2

Mal sehen......
1.) der Unteroffizier liegt (im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen) nicht in dem Grab das durch die Platte markiert wird.
2.) Ist die "besondere Sauerei" der Erignisse an die diese Tafel erinnert die Menschenverachtung die sich nicht nur in der Tatsache ausdrückt das die Gefangenen verschleppt wurden als Folge eines Angriffskrieges, und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden, sondern auch und vor allem die Tatsache das die (wahrscheinlich) rettenden Bunker ihnen verschlossen blieben. Und diese Ereignisse schliessen den Unteroffizier nicht ein. Im Gegensatz zu Zivilisten und Kriegsgefangenen ( die unter dem Schutz der Genfer Konventionen stehen) musste er als Soldat ja wohl im Krieg mit seinem Ableben rechnen.
Auch wenn der folgende Satz zynisch klingt ; Im Prinzip waren Kriegsgefangene die durch allierte Bomben sterben Opfer - deutsche Soldaten Erfolge.....

Kein Recht auf Bunkerplatz - 100 Menschen starben durch Bomben in Essener Ostviertel
von Stukkadierta | #1-3

Nee, weil er woanders beerdigt wurde. Vielleicht sollten Sie den Artikel erst richtig lesen und dann schreiben.

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