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Jüdisches Leben

Kaufmannsfamilie Grundmann - Flucht mit Fertighaus

12.02.2010 | 15:16 Uhr
Kaufmannsfamilie Grundmann - Flucht mit Fertighaus

Essen. Mit einem Haus im Container floh die Kaufmannsfamilie Grundmann 1933 aus Essen. Das architektonische Kuriosum aus Kupfer, gestaltet von Bauhaus-Gründer Walter Gropius, ermöglichte den Grundmanns in Israel den Neubeginn.

Mit Fertighäusern aus Kupfer wollte der Bauhaus-Gründer Walter Gropius 1930 Architektur in Serie gehen lassen. Villen aus Buntmetall, die – in Kisten verpackt – binnen 24 Stunden aufgebaut werden konnten. Als die Nazis die Macht übernahmen, schifften jüdische Deutsche so ein Stück Heimat ins Exil nach Palästina. Einer von ihnen war Alfred Grundmann, ein Kaufmann aus Essen. Sein Haus „Libanon”, steht bis heute an einem Hang des Karmelgebirges bei Haifa. Überzogen von grüner Patina, in die der Regen dünne Schlieren gefressen hat.

Was ihn damals trieb, schon so früh, 1933, die Flucht zu ergreifen, lässt sich heute kaum noch klären. Vielleicht war es das Training der SA und der SS auf dem Sportplatz gegenüber seiner Villa südlich der Essener Innenstadt. Vielleicht auch die Tatsache, dass sein kleiner Sohn Ernst in der Schule verprügelt worden war. 1933 jedenfalls lässt sich der Prokurist Alfred Grundmann von seinen Brüdern auszahlen, kauft von seinen Anteil am „größten Spezialgeschäft in Deuschland für Damen- und Pelzmoden” eines dieser modernen Kupferhäuser und ergreift die Flucht. Viel Geld dürfen die jüdischen Emigranten damals nicht mitnehmen, das Haus jedoch gilt als Umzugsgut.

Fabriken mussten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ausgelastet werden

Alfred Grundmann, 1955 in Haifa. Repro: Walter Buchholz

„Wie einfach – wie schön!” warben die Brandenburgischen Hirsch Kupfer- und Messingwerke (HKM) damals für ihre Plattenbauten aus Metall. Im Krieg noch waren sie Zulieferer der Waffenindustrie gewesen, jetzt galt es, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Fabriken auszulasten. „Dazu kam, dass sich die Hirschs für die zionistische Idee, für die Gründung eines eigenen jüdischen Staates in Palästina, begeisterten. So entstand der Traum von blühenden Kupferhaus-Siedlungen in Palästina”, erklärt der Historiker Jens-Uwe Fischer. Zusammen mit dem Berliner Architekten Friedrich von Borries entdeckte er die Fertighäuser und ihre Geschichte.

Häuser, in deren Wände Türen, Fenster, ja auch Wasser- und Stromleitungen bereits vorinstalliert waren, diese Idee faszinierte. Auch Walter Gropius, als Architekt Verfechter einer neuen Moderne, begeisterte sich für die Häuser vom Fließband und übernahm die Leitung der Kupferhaus-Abteilung bei HKM. Er verfeinerte die Entwürfe, verhandelte mit Interessenten in Afrika, Argentinien und in den USA.

Die Grundmanns, sie gehören zu dieser Zeit zu den angesehenen Familien Essens. Ihr Kaufhaus am Markt beschäftigt 200 Angestellte und versorgt die gehobene Mittelschicht der Stadt mit aktuellem Chic. Tradition der Firma ist es, jedes Jahr viele bedürftige Kommunionkinder einzukleiden. Die Söhne des Firmengründers haben allesamt im Ersten Weltkrieg gekämpft, Alfred wurde gar verwundet. Nun hat man es zu Wohlstand gebracht, zu beachtlichen Stadtvillen mit Personal.

Ein zweiter Start

Doch die guten Zeiten neigen sich dem Ende zu. In Essen wie im brandenburgischen Eberswalde. Dort macht Hirsch pleite, einzig Schwiegersohn René Schwartz ist so begeistert von dem Experiment, dass er mit der Deutschen Kupferhausgesellschaft einen zweiten Start wagt. Die Zeichen der Zeit erkennend gibt er den Häusern nun Namen, die auf die künftige Heimat verweisen: „Haifa”, „Jerusalem”, „Tel Aviv” oder „Libanon”. Seine guten Kontakte ins Reichswirtschaftsministerium hat er genutzt und ausgehandelt, dass der Wert dieser Häuser nicht auf die limitierte Menge ausführbaren Geldes angerechnet wird.

„Libanon”, das Haus, das der Kaufmann Alfred Grundmann erwirbt, ist das größte der Kupferhäuser. 240 Quadratmeter groß, in zwölf Zimmer oder vier Wohnungen unterteilt. 30 000 Reichsmark hat es den Essener gekostet. In Kisten verpackt tritt es die lange Reise nach Haifa in Palästina an. Auch Alfred Grundmann, damals 32 Jahre alt, Ehefrau Grete und die Söhne Klaus und Ernst werden dort bald ankommen. Was sie noch nicht ahnen, ist, dass dieses Haus einmal ihre Existenz sichern wird.

„Die ersten zwei Jahre wohnten wir in einer Siedlung bei Haifa. Danach zogen wir in eine der Wohnungen in dem Kupferhaus”, erinnert sich Alfreds Sohn Ernst in einem Interview, das er 1999 Mitarbeitern der Gedenkstätte Alte Synagoge in Essen gibt. Die Grundmanns, sie sprechen kein Hebräisch, beruflich Fuß zu fassen gelingt Alfred auch nicht. Bald leben sie allein von der Miete, die ihr Kupferhaus erbringt. Immerhin, sie überleben den Holocaust. Das gelingt nicht allen Mitgliedern ihrer Familie, die sie in Essen zurückgelassen haben.

Sehnsucht nach Heimat

Und auch die Hochzeit der Kupferhäuser, sie währt nur kurz. Schon 1934 verbieten die Nationalsozialisten die Verarbeitung von Kupfer für zivile Zwecke. Etwa 50 der Fertighäuser haben die HKM und Deutsche Kupferhausgesellschaft bis dahin produzieren können. 14 gelangen nach Palästina, vier von ihnen sind noch erhalten. Alfred Grundmann und seine Frau Grete kehren 1957 nach Essen zurück. „Mein Vater hat sich nach Deutschland gesehnt”, erinnert sich sein Sohn Ernst.

Hayke Lanwert

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Kommentare
15.02.2010
10:37
Kaufmannsfamilie Grundmann - Flucht mit Fertighaus
von Quax | #1

Ein herzliches Willkommen in der Heimat. Schade, daß Sie das Haus nicht mitbringen konnten, es haette der Stadt Essen gut zu Gesicht gestanden.

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