Katzenjammer im Essener Tierheim

Zu viele Katzen im Essener Albert Schweitzer Tierheim, viele der Tiere sind krank: In der Quarantäne-Station verarztet Denise Achnitz Riverboy mit Augensalbe.       Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool Essen
Zu viele Katzen im Essener Albert Schweitzer Tierheim, viele der Tiere sind krank: In der Quarantäne-Station verarztet Denise Achnitz Riverboy mit Augensalbe. Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool Essen
Foto: WAZ FotoPool

Essen.. Die Kapazitäten an der Grillostraße sind erschöpft, die Kosten wegen kranker Tiere steigen. Für Katzen gibt es bereits einen Aufnahmestopp. Die Tierschützer hoffen auf Kastrations-Pflicht für Katzen in Essen ab 2012, um den Problemen Herr zu werden.

Guppys Fell ist struppig, ihr Auge trüb. Über den Rippen der Katze wächst ein Tumor. Wahrscheinlich kratzt sie sich wegen einer Futtermittelallergie die Ohren wund. Ob ihr Besitzer sie wegen der Krankheiten nicht mehr haben wollte, erfahren die Mitarbeiter im Tierheim wohl nie. Bei ihnen lebt Guppy zurzeit in Quarantäne und sucht eine Gnadenbrotstelle, nette Menschen, die sie für die Zeit aufnehmen, die ihr bleibt. „Guppy ist munter und frisst gern“, sagt Pflegerin Marzena Medrik.

Fast 200 Katzen warten zurzeit an der Grillostraße auf ein neues Zuhause. Das heißt: Aufnahmestopp. Für Abgabetiere gibt es Wartelisten. Nur Fundtiere dürfen sie nicht abweisen. Die Situation hält seit Wochen an. Von Jahr zu Jahr werde es schlimmer. Die Quarantänestation quillt über, die Krankenstation ist rappelvoll, beschreibt Gaby Rautenberg. In den Katzenzimmern, die mit flauschigen Decken und Kratzbäumen nett aussehen mögen, herrsche für die Katzen purer Stress, weil zu viele auf zu engem Raum hocken.

In der Box gegenüber von Guppy sitzt Riverboy, den sie im Wasser gefunden haben. Sein Mäulchen war voller Wunden. Er wird bestimmt wieder ein stattlicher Main-Coon-Kater werden: „Er fängt an, sich zu putzen“, sagt Denise Achnitz. Vorsichtig verarztet sie seine Augen mit Salbe. Bevor Riverboy ausziehen darf, wird er kastriert. Ließen verantwortliche Halter ihre Tiere kastrieren, würde die Katzenflut wohl um 80 Prozent schrumpfen, schätzt Gaby Rautenberg. Stattdessen kommen nun noch die Herbstwürfe und der ungewollte Katzen-Nachwuchs ins Heim.

Registrierung sinnvoll

Das Thema Kastration landete bereits im Ordnungsausschuss. SPD und Grüne hatten den Antrag auf ein Kastrationsgebot für frei laufende Katzen gestellt. Immerhin gibt es Städte wie Paderborn, in der das seit 2008 gilt. Im Essener Rathaus einigte sich die Politik mangels konkreter Gefahr für den Bürger darauf, landes- oder bundesrechtlichen Regelungen nicht vorzugreifen und auf einen kommunalen Einzelweg zu verzichten.

Das Land habe keine Handhabe, den Kommunen die Kastrations-Pflicht aufzuerlegen, sagt Wilhelm Deitermann, Sprecher des NRW-Umweltministeriums. Das sei nur zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung möglich. Und dabei müsse man die individuelle Situation jeder Stadt betrachten. Es gebe aber den Weg, die Kastrations-Pflicht im bundesweiten Tierschutzgesetz aufzugreifen. Er weist nach Berlin, wo die Gesetzgebungskompetenz für den Bereich des Tierschutzes liege. Vom Land gibt es für Tierheime in diesem Jahr bis zu 2000 Euro Zuschuss aus dem Förderprogramm für die Kastration streunender Katzen.

Den Antrag hat das Essener Heim gestellt. „Aber wir haben 2010 mit dem Katzenschutzbund 12 000 Euro für die Kastration verwildeter Katzen bezahlt“, sagt Tierheimleiterin Bärbel Thomassen. Dazu kommen Katzen, die bei ihnen landen, weil Besitzer die Kosten nicht mehr tragen können. Es gebe mehr Senioren, die mit Tieren leben. Wenn die Menschen ins Pflegeheim müssen, bleiben die Tiere übrig. Andere werden ausgesetzt. Viele Abgabe- oder Fund-Katzen werden erst im Tierheim kastriert. Eine Registrierung wie bei Hunden hält die Leiterin für sinnvoll. Sie hoffe auf die Kastrations-Pflicht für Katzen ab 2012. Selbst dann würden sie die positiven Folgen frühstens 2014 spüren. Daher müsste sich bei den Haltern etwas ändern: „Viele geben heute Verantwortung schneller ab“. Vermehrt landeten so kranke Tiere im Tierheim. Die Kosten für Tierarzt und Medikamente steigen kontinuierlich.

Auch Rettich wird im neuen Zuhause weiterhin Tabletten brauchen. Der Kater kam mit gelben Schleimhäuten und Ohren ins Tierheim, sagt Denise Achnitz. Vielleicht wollte ihn sein Besitzer wegen der Lebererkrankung loswerden.

Pflegestellen gesucht

Das Tierheim sucht dringend Pflegestellen für Katzenmütter und für Notfälle, die den stressigen Tierheim-Alltag nicht verkraften. Zum Adventsbasar lädt das Tierheim am Samstag, 12. November, 11 bis 14 Uhr, ein.


Es öffnet: Di, Mi, Fr: 13-17 Uhr; Do: 13-19 Uhr; Sa: 11-14 Uhr. Info: Tel: 0201 / 32 62 62 oder: tierheim-essen.org