Karrierestart in der Manege

Paul Jonen ist mit der NRZ untrennbar verbunden. Heute feiert er seinen 100. Geburtstag.
Paul Jonen ist mit der NRZ untrennbar verbunden. Heute feiert er seinen 100. Geburtstag.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Einst überzeugte Paul Jonen NRZ-Gründer Dietrich Oppenberg von seinem Verkaufstalent bei einer Zirkusvorstellung. Heute wird der Wahlessener 100 Jahre alt.

Essen.. Wenn Selbstbewusstsein und Humor lebenserhaltend sind, hat der liebe Gott Paul Jonen von beidem eine gehörige Portion geschenkt: „Seien Se mal ehrlich, für hundert sehe ich doch noch gut aus!“ sagt das Geburtstagskind ohne falsche Bescheidenheit. Und was Gott betrifft – mit dem hat der lebensfrohe Rentner eine klare Absprache getroffen: „Der Herrgott hat mir zehn Jahre meines Lebens gestohlen, da war ich im Militärdienst und in amerikanischer Gefangenschaft. Da könnte er mir doch wenigstens noch zehn Jahre zurückgeben!“ sagt er schelmisch. Und weil der 100. Geburtstag nicht irgendeiner ist, will er diesen auch in vollen Zügen genießen: „Es gibt eine große Feier und ich freue mich schon riesig darauf.“

Die NRZ als Morgenlektüre darf auch heute keinesfalls fehlen, denn mit seiner Zeitung ist Paul Jonen schon sein ganzes Leben lang untrennbar verbunden. Früher hat er die Geschäftsstelle in Duisburg geleitet und den Anzeigenverkauf koordiniert, die letzten drei Jahre seines Berufslebens arbeitete der gebürtige Duisburger im Verlagshaus in Essen. Doch war es nicht der Job, der ihn am Ende dazu bewegte, seine geliebte Hafenstadt zu verlassen und mit seiner zweiten Frau Anneliese, eine Ur-Essenerin, in eine Seniorenwohnung der Evangelischen Kirche in Altendorf zu ziehen – es war die Liebe . „Wir fühlen uns hier pudelwohl. Sogar die Eichhörnchen kommen uns immer auf unserem Balkon besuchen.“

Begegnung mit NRZ-Gründer Dietrich Oppenberg

Paul Jonen kann Geschichten erzählen wie ein von Abenteuern heimgekehrter Seemann. Zum Beispiel, wie er in amerikanischer Gefangenschaft in den Rocky Mountains mit einigen Leidensgenossen Schlangen und Skorpione fing: „Wir haben das freiwillig gemacht und die Amerikaner haben uns das auch erlaubt“, versichert er. „Wir haben die toten Tiere zu Lehrzwecken an Schulen in Deutschland geschickt. Trotz der Gefangenschaft denke ich gerne an diese Zeit zurück.“

Doch geblieben war ihm nicht viel, als er nach dem Krieg aus Colorado in die Heimat zurückkehrte – ein Job musste her: „Die NRZ suchte damals jemanden, der die Zeitungen für die Boten abzählt“, erinnert er sich. „Das wird heute alles maschinell gemacht.“ Jonen bekam den Job und konnte sich mit dem Geld erstmal über Wasser halten. Später arbeitete er in der Geschäftsstelle Duisburg in der Verwaltung.

Und dabei wäre es auch wohl geblieben, hätte nicht eines Tages ein Wanderzirkus in Duisburg gastiert. „Ich habe dem Zirkusdirektor ein Geschäft vorgeschlagen: Sie bekommen kostenlos eine Anzeige in der Zeitung und ich darf dafür vor der Vorstellung eine Rede halten, um mehr Leser zu gewinnen.“ Nun wurde Jonen neben seinem entwaffnenden Humor nun auch ein gewisses rhetorisches Talent in die Wiege gelegt. Da war es sein Glück, dass an jenem Tag ein ganz besonderer Gast in der Loge saß: Niemand Geringeres als NRZ-Gründer und Verleger Dietrich Oppenberg. Und der war von dem Verkaufstalent des Redners in der Manege so angetan, dass er ihn zum Leiter der Geschäftsstelle Duisburg beförderte. „Da habe ich natürlich nicht lange gezögert.“

Trauriger Schicksalsschlag

Doch hielt das Schicksal für Paul Jonen nicht nur Erfreuliches bereit – vor einigen Jahren musste der Vater zweier Töchter einen herben Schicksalsschlag hinnehmen: Seine jüngerere Tochter Karin erlag nach langer Krankheit einem Krebsleiden. Auch heute fällt es Jonen schwer, darüber zu sprechen: „Ich saß an ihrem Bett, als sie ihren letzten Atemzug gemacht hat“, bringt er unter Tränen hervor. „Aber meine Kleine ist immer bei mir.“ Seine erste Frau war ebenfalls auf tragische Weise verstorben, doch hat Paul Jonen in der 76-jährigen Anneliese eine neue Liebe gefunden. „Nur Dank ihr bin ich noch so fit, nicht wahr, Schätzchen?“ sagt er mit einem liebevollen Seitenblick.

Selbst wenn Paul Jonen heute nicht mehr viel vor die Tür kommt, kann er doch eines im Rückblick guten Gewissens sagen: Er hat etwas von der Welt gesehen. Als leidenschaftlicher Hobbyfilmer hat er seine Reisen stets sorgfältig dokumentiert und auf Video gebannt: Schottland, Rumänien, die Türkei, Frankreich oder das norwegische Nordkap – mit Anneliese ist er schon viel herumgekommen. Die letzte Reise ging nach Moskau. So zieren Ölbilder eines russischen Malers, den das Paar auf seiner Reise getroffen hatte, die gemeinsame Wohnung.

Und welches Geheimnis hat Paul Jonen, um hundert Jahre alt zu werden? „Wenn ich abends im Bett liege, sage ich dem lieben Gott immer, wie schön es wäre, noch einmal wach werden zu dürfen. Und wenn ich dann morgens in die Sonne blinzle, freue ich mich auf den neuen Tag.“