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Blindgänger

Kampfmittel-Experte: „Blindgänger wird’s noch hunderte Jahre geben“

03.03.2016 | 19:28 Uhr
Die dritte Bombe vom Europacenter in Essen-Holsterhausen: eine 2,5-Zentner-Bombe mit tückischem Säurezünder. Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.   Nach den vielen Bombenentschärfungen in den letzten Wochen in Essen beantworten wir Fragen rund um die Blindgänger aus dem Weltkrieg.

Essen staunt: Eine Bombenentschärfung folgt der nächsten. Allein am Europacenter haben sie dieses Jahr schon drei Blindgänger unschädlich machen müssen. Sicherheit, die ihren Preis hat: A 40 dicht, Stillstand auf zentralen Bahnstrecken, Evakuierungen, Verkehrschaos und reichlich Verspätungen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Entschärfung ausgerechnet zur Hauptverkehrszeit – muss das sein?

Leider ja. Der seit 2014 gültige Rund-Erlass der Bezirksregierung Düsseldorf schreibt die „unverzügliche“ Entschärfung eines Blindgängers vor. „Früher konnten wir uns ein bis zwei Tage Zeit nehmen“, sagt Ordnungsdezernent Christian Kromberg. Man habe die Bombe bewacht, betroffene Menschen informiert und die Entschärfung in eine „angenehme“ Zeit legen können, etwa 10 Uhr morgens.

Bedeutet „unverzügliche Entschärfung“ weniger Aufwand?

Nein, im Gegenteil. Der Aufwand ist bedeutend höher. Der Krisenstab muss mitunter bis zu 270 Kräfte mobilisieren: Feuerwehrleute, Polizisten, städtische Ordnungskräfte, Katastrophenhelfer, Ehrenamtler der DLRG, Malteser, DRK usw. Mittwoch kamen 220 zum Einsatz. Trotzdem hält Kromberg fest: „Wir haben den Rund-Erlass professionell umgesetzt und sind in der Lage, das Prozedere der Entschärfung in nur vier Stunden abzuwickeln. Das ist sehr schnell.“

Foto aus einem US-Flugzeug vom 11. April 1945, dem Tag, an dem Essen besetzt wurde. Es zeigt den zerstörten Kern von Holsterhausen. Die etwas breitere Straße rechts ist die Gemarkenstraße mit der Kirche St. Mariä Empfängnis. Der Fundort der Bomben des Europacenters befindet sich knapp hinter dem Bildrand links oben.

Schon dreimal war die Baustelle Europacenter betroffen. Ist nicht gründlich genug gesucht worden?

Keineswegs. Nach dem ersten Bombenfund am 12. Januar sei die gesamte Baustelle akribisch sondiert worden, betont Stadtsprecherin Silke Lenz. Früher stand dort das Finanzamt Essen-Nord. Übrig geblieben sind Kellerwände und das Fundament. Dieses wird jetzt freigelegt und aufwändig zerkleinert. Sondierungen seien deshalb zunächst nur im Außenbereich möglich gewesen. Schlummert ein Blindgänger unter einem Schuttberg, haben die so genannten „Magnetometer“ des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Probleme, Blindgänger etwa von Altmetall zu unterscheiden.

Wie tief bohren sich Blindgänger eigentlich in die Erde?

Bis zu acht Meter. Wenn die Oberflächen-Detektion keine Verdachtspunkte ermittelt, können die Trupps Tiefensondierungen bis zu einer Tiefe von 7,50 Meter durchführen.

Essen in Trümmern

Ist Essen häufiger betroffen als die Nachbarstädte?

Nicht unbedingt. „Die gesamte Ruhrschiene Essen-Oberhausen-Duisburg ist im Krieg schwer bombardiert worden“, sagt Rolf Vogelbacher, Dezernent für Kampfmittelbeseitigung der Bezirksregierung.

Der „Feuersturm“ liegt mehr als 70 Jahre hinter uns. Ist ein Ende der Blindgängerfunde absehbar?

Leider nein. „Die Fundzahlen sind weiterhin konstant“, betont Vogelbacher. Selbst wenn nicht punktuell auf Baustellen, sondern flächendeckend in ganz NRW gesucht würde, würde man „einige hundert Jahre“ benötigen, um das Land „blindgängerfrei“ zu machen. Wie „verseucht“ Essen immer noch ist, deutet die nebenstehende Blindgänger-Grafik für die letzten drei Jahre an.

Video
Noch immer liegen viele Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg mitten im Rhein-Ruhrgebiet. Mit moderner Technik versucht der Kampfmittelräumdienst der Bezirksregierung Düsseldorf seit 1948 diese auf alten Luftbildern zu finden.

Kampfmittelbeseitigung ist...

...Aufgabe der Kommune – im Fall Essen die des Ordnungsdezernats. Allerdings werten die Düsseldorfer Experten die Luftbilder aus, die die Piloten der Royal Air Force 1945 aufgenommen haben. Suche und Bergung der Blindgänger sei ebenfalls Sache der Düsseldorfer, die Kosten trägt das Land. Für Evakuierungen ist jedoch Essen zuständig.

Können die Kriegsluftbilder von jedermann eingesehen werden?

Nein. Die Briten haben ihre Luftbilder den deutschen Behörden nur zur Verfügung gestellt, damit sie behilflich sind, Kampfmittel zu beseitigen. „Bitte sehen Sie daher von jeglicher, die Luftbilder betreffenden Kontaktaufnahme ab“, heißt es.

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Kommentare
04.03.2016
11:01
Kampfmittel-Experte: „Blindgänger wird’s noch Hunderte Jahre geben“
von Querulantist | #3

Zitat :
Können die Kriegsluftbilder von jedermann eingesehen werden?

"Nein. Die Briten haben ihre Luftbilder den deutschen Behörden nur zur Verfügung...
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2 Antworten
Kampfmittel-Experte: „Blindgänger wird’s noch hunderte Jahre geben“
von shayne | #3-1

@nomen est omen:
Der mündige Bürger sollte in der Lage sein, sich die existieren Urteile dazu zu besorgen! Dann bleibt uns so eine Dummschwätzerei erspart!

Kampfmittel-Experte: „Blindgänger wird’s noch hunderte Jahre geben“
von aerwin | #3-2

Und was tun sie, wenn sich herausstellt dass sich unter "ihrem" Haus so ein Blindgänger verbirgt?

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Kampfmittel-Experte: „Blindgänger wird’s noch hunderte Jahre geben“
Kampfmittel-Experte: „Blindgänger wird’s noch hunderte Jahre geben“
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http://www.derwesten.de/staedte/essen/kampfmittel-experte-blindgaenger-wird-s-noch-hunderte-jahre-geben-id11619737.html
2016-03-03 19:28
Bombe, Weltkrieg, Blindgänger, Essen, Stadtgeschichte
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