Kaltes Licht von LED-Laternen nervt Anwohner

Es gründen sich immer mehr Bürgerinitiativen, die gegen das LED-Licht protestieren.
Es gründen sich immer mehr Bürgerinitiativen, die gegen das LED-Licht protestieren.
Foto: Büdenbender/WR
LED-Strahler sind bekannterweise kostengünstig, weil sie wenig Strom verbrauchen. In Essen protestieren die Anwohner einer ganzen Straße gegen die neuen Laternen – und für den schönen Schein. In dem Streit stehen Pragmatiker gegen Ästhetiker. Effizienz gegen Emotion.

Essen.. Sie kennen sicher dieses Dicke-Auto-Licht. Praktisch, aber kalt und grell. Man darf unterstellen, dass selbst die Fahrer von dicken Autos genervt sind, wenn Xenon-Scheinwerfer im Rückspiegel aufholen. Jedenfalls würde kaum einer auf die Idee kommen, sich Dicke-Auto-Scheinwerfer in den Vorgarten zu hängen.

Und doch: Die neuen LED-Straßenlaternen, die allerorten erscheinen, mögen mit anderer Technik funktionieren – ihre Farbtemperatur entspricht mit rund 4500 Grad Kelvin recht exakt dem Xenonlicht. Und es stellt sich die Frage: Warum nur lassen wir uns im Namen des Fortschritts dieses totenfahle Licht andrehen?

Beleuchtung wie im Gefängnis?

„Das ist so, als würden wir jetzt in einem Gefängnis leben“, sagt ein älterer Herr am Brederscheid in Essen-Kettwig. In dem Straßenschwung hat die Stadt vor wenigen Wochen neue Laternen aufgestellt – nachdem sich Anwohner beschwert hatten, dass es dort zu düster sei. Darauf war es anderen Anwohnern zu hell. Ildikó Böhm empfindet es gar als Katastrophe: „Wir haben hier jetzt flutlichtartige Zustände in unseren Wohnräumen und in den Gärten. Wir sind traurig, fassungslos und wütend.“

Die Stadt und RWE Westnetz als ausführendes Unternehmen haben schnell auch auf diese Beschwerden reagiert, haben zuerst die Lichtkegel verändert und wollen nun sogar wieder Leuchten mit wärmerem Licht einbauen.

Denn Alternativen auch auf LED-Basis gibt es ja mittlerweile. Doch aus technischen Gründen sind die wärmeren LEDs geringfügig teurer. Darum wurde das kalte Licht zum Standard erhoben, und durch die Nachfrage in Masse, verstärkt sich noch einmal die Preisdiffernz.

LED-Umrüstung im Zeichen der Energiewende

„Wir sind im Zeitalter der Energiewende!“, sagt Westnetz-Sprecher Gerd Starkmann. Seit zwei Jahren setzt Westnetz die Standardlampen in allen Neubaugebieten in Essen und Mülheim ein. Dort strahlen mittlerweile rund 400 von 13.000 Laternen mit Standard-LEDs. In Essen sind es 300.

Doch auch hier geht „der Trend zur LED“, erklärt Stadtsprecher Stefan Schulze. Auch wo ganze Straßenzüge erneuert werden, kommt die Standardleuchte zum Einsatz. So war es am Brederscheid. Außer von dort wollen Stadt und Westnetz bisher keine negativen Rückmeldungen bekommen haben.

Die gab es allerdings am Schloss Oberhausen. Dort mussten Anfang 2013 nostalgische, gußeiserne Traditionslaternen schlichten LED-Strahlern weichen. Heller ist es geworden, zweifellos, aber so einige Leser haben sich damals beschwert: Zu grell, hässlich, stillos seien die neuen Leuchtmittel. Am Licht scheiden sich die Geister: Pragmatiker gegen Ästhetiker. Effizienz gegen Emotion.

Licht entfaltet sogar Kraft genug, um Bürgerinitiativen entstehen zu lassen. In Düsseldorf kämpfte etwa die Initiative „Pro Gaslicht“, dafür, die historischen Gaslaternen als Weltkulturerbe anzumelden – und gegen die kalten Strahler. „Machen Sie mal ein Foto unter Natrium-Dampflicht oder LED“, sagt Sprecher Rolf Hölterhoff. „Die Farben sind ganz verfälscht. Als Wohlfühllicht ist LED einfach nicht geeignet. Das ist, als hängten sie eine Neonleuchte ins Wohnzimmer.“

Die schwierige Klimabilanz

Hilft das blaue Licht wenigstens der Umwelt? Eine Umrüstung auf LED rechnet sich laut Stadt Essen finanziell in rund zehn Jahren – sofern nichts kaputtgeht. Der Klimaeffekt – die CO2-Bilanz – ist deutlich schwerer zu bestimmen.

Preisfrage: Wie lange müsste eine herkömmliche Leuchte brennen, um so viel Strom zu verbrauchen, dass damit eine ganze Laterne hergestellt werden könnte, vom Bergwerk bis zur Montage. Und dann rechnen Sie auf Ihre Schätzung 20 Prozent drauf, soviel verbraucht eine LED ja immer noch. Hölterhoff erklärt: Würde man statt in LEDs in Windkraft investieren, bekäme man ungefähr den achtfachen Effekt für sein Geld.

Goethe hätte heute wohl nicht nach „Mehr Licht!“, sondern nach besserem gerufen; er verstand ja was von Farben: „Das Blaue gibt uns ein Gefühl von Kälte.“ Aber auch Zeitgenossen wie der renommierte Licht-Designer Ingo Maurer plädieren für Kunstlicht, das natürlich wirkt: „Unsere emotionale Stabilität ist an die Glühbirne gebunden“, sagte er mal launig. „Der Mensch muss einsehen, dass sonst ein gleichgültiges Licht siegt.“

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