Das aktuelle Wetter Essen 12°C
Bildung

Jung, alleinerziehend und erfolgreich

01.12.2011 | 14:00 Uhr
Jung, alleinerziehend und erfolgreich
Simone Kliche aus Essen hat nach mehreren abgebrochenen Ausbildungen ihren Schulabschluss an der Volkshochschule nachgeholt. Mittlerweile absolviert die alleinerziehende Mutter eine Ausbildung zur Fachkraft fuer Berufsfoerdrung bei Arbeitsamt in Essen.Foto: Sebastian Konopka

Essen.  Simone Kliche (26) brach die Schule und eine Ausbildung ab. Als sie Mutter wurde, kam die Wende: Sie machte den Schulabschluss bei der Volkshochschule nach und begann eine Ausbildung.

Als Simone Kliche 16 Jahre alt war, wollte sie nicht mehr zur Schule gehen – wie viele Jugendliche. Zehn Jahre und einige Wendungen später hat sie eine fünfjährige Tochter und einen Ausbildungsplatz – wie nur wenige junge alleinerziehende Mütter.

„Damals war das Dummheit“, sagt die 26-Jährige über ihren Entschluss, die Gesamtschule nach der 9. Klasse zu verlassen. Um nach Hamburg zu gehen, zu ihrem Bruder, „mal wegzukommen aus Essen“. Wegzukommen auch aus nicht so glücklichen Umständen zu Hause. Die Mutter war nicht begeistert, die Klassenlehrerin versuchte, sie umzustimmen. Simone ging.

In Hamburg besuchte sie ein Jahr lang die Realschule, ging wieder ab und zurück nach Essen, hangelte sich mit Praktika und Jobs in Klamottenläden durchs Leben. Wollte Raumausstatterin werden, rutschte in eine Ausbildung zur Modeschneiderin. „Die hab ich auch abgebrochen.“ Ihr Ehrgeiz damals bestand darin, „etwas Geld in der Tasche zu haben“ – und die Zeit zu überbrücken, bis zu einem festen Job. Den sie nicht bekam.

"Mit der Kleinen hatte ich eine andere Verantwortung"

Dass das schwierig sein würde ohne Schulabschluss, war ihr schon klar. „Ich war nicht stolz auf meinen Lebenslauf und hab oft nicht gesagt, was ich alles abgebrochen hab.“ Mit 21 bekam sie ein Kind, ungeplant; mit dem Vater lebte sie nach der Geburt nur noch ein Jahr zusammen. „Aber da war Jolina längst mein ein und alles“ – und ein großer Ansporn. „Mit der Kleinen hatte ich eine andere Verantwortung.“

Sie suchte im Internet nach Möglichkeiten, einen Schulabschluss nachzumachen und stieß auf die Volkshochschule (VHS) und Heike Hurlin, die den Fachbereich schulische Weiterbildung leitet. Mit der Überzeugung, dass die Menschen, die zu ihr kommen, keine Problemfälle sind, sondern „eine Schatzgrube“. Wer Brüche in der Biografie habe, sei oft besser geeignet, berufliche Herausforderungen zu meistern, als diejenigen, bei denen immer alles glatt gelaufen sei.

Info
Fernseh-Dokumentation

Der TV-Journalist Jürgen Kura hat Simone Kliche von März bis Oktober 2011 auf ihrem Weg in den Job begleitet. Daraus ist der Film „Simone will es schaffen“ entstanden, der am kommenden Samstag, 3. Dezember, um 9.30 im WDR-Fernsehen zu sehen ist.

Simone Kliche sei ein typisches Beispiel für jemanden, der den zweiten Bildungsweg gehe. „Viele sind nie gefragt worden, was sie machen wollen. Die hat man in eine ungeliebte Ausbildung geschubst. Wir geben den Leuten die Chance zur Entwicklung.“ Eine Chance, die Simone Kliche ergriff: In zweieinhalb Jahren machte sie erst den Hauptschul-, dann den Realschulabschluss – mit einem Notenschnitt von 1,3.

Junge Mütter sind Turbo-Leistungsträgerinnen

„Die jungen Mütter sind oft unsere Turbo-Leistungsträgerinnen, die heben das Niveau der ganzen Klasse“, schwärmt Heike Hurlin. Dabei habe sie sich nicht einmal übermäßig anstrengen müssen, sagt Simone Kliche dazu. Der Unterricht laufe täglich von neun bis maximal 14 Uhr, das sei mit Tagesmutter und Kita-Zeiten gut zu vereinbaren gewesen. „Ich bin halt auch nicht der Typ, der drei Jahre zu Hause sitzt, ich brauchte die Abwechslung.“ Auch ihre Tochter, die erst anderthalb war, als die Ausbildung begann, sei ein zufriedenes Kind. „Und ich kann ihr nun ein Vorbild sein.“

Ihre eigene Mutter sei inzwischen leider verstorben. „Aber mein Vater war stolz wie Oskar auf meinen Abschuss.“ Auch sie hat ein Selbstvertrauen entwickelt, das sie die vielen Absagen wegstecken ließ, die sie trotz der guten Note bekam. Kauffrau für Bürokommunikation hatte sie werden wollen; „aber vielleicht hat manchen Arbeitgeber gestört, dass ich alleinerziehend bin“.

"Die Zeit bei der VHS hat mich gepusht"

Die Agentur für Arbeit, bei der sie sich nach ihrem Abschluss im Januar beworben hatte, störte das nicht. Zwar bekam Simone Kliche erst nach Monaten eine Einladung, doch dann durchlief sie rasch das Bewerbungsverfahren, machte ein Vorpraktikum und begann im September die Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsförderung, in Teilzeit von 30 Stunden.

Wenn Simone Kliche heute alte Bekannte trifft, die sich erkundigen, was sie macht, gibt sie gern Auskunft. „Agentur für Arbeit – Du?“, fragen die anerkennend. Nun hofft sie, dass sie nach der Ausbildung bleiben kann. Wenn nicht, finde sie etwas anderes, sagt sie selbstbewusst: „Die Zeit bei der VHS hat mich gepusht.“

Christina Wandt



Kommentare
01.12.2011
16:37
Jung, alleinerziehend und erfolgreich
von rolli007 | #3

Ich habe den Film schon am Sonntag, 27. Nov.11 im WDR gesehen (Tag 7). Es war mehr zufällig, das ich den Film mitbekommen habe, er hat mich dann aber nicht mehr losgelassen. Und zwischendurch habe ich immer gedacht, warum bekommt sie keine Chance. Ich hätte sie sofort eingestellt. Als es dann bei der Agentur für Arbeit geklappt hat, habe ich vor Freude mit Frau Kliche geweint. Frau Kliche, Sie sind eine großartige Person, Sie werden ihren Weg machen, davon bin ich überzeugt. Ich drücke die Daumen und wünsche Ihnen viel Erfolg. Klasse!!!!!!!!!!!!

01.12.2011
16:28
Jung, alleinerziehend und erfolgreich
von foxtrott | #2

"Fachkraft fuer Berufsfoerdrung bei Arbeitsamt in Essen" - vielleicht sollte die Schreiberin auch nochmal in den Deutsch - Förderkurs gehen...

01.12.2011
15:06
Jung, alleinerziehend und erfolgreich
von sweety75 | #1

Ein wirklich riesen Kompliment und Lob an Frau Kliche!!! Hut ab!

Menschen mit so einer Einstellung und Tatkraft, davon brauchen wir noch ein paar mehr in diesem Land. Denn wenn ich etwas wirklich will, schaffe ich es auch. Ich kann diese Äußerung von mir geben, denn ich habe einen ähnlichen Werdegang hinter mir. Habe heute einen super Job und einen ganz tollen (jugendlichen) Sohn.

Also, weiter so Frau Kliche, nicht demotivieren lassen :-)

Aus dem Ressort
Stadt Essen will die Grundsteuer erhöhen
Finanzen
Wegen des Haushaltsdefizits sieht die Stadtverwaltung keine andere Möglichkeit mehr als eine Steuererhöhung. Ziel sind Mehreinnahmen zwischen 12 und 15 Millionen Euro pro Jahr.
Entsorgungsbetriebe Essen fordern von ihrem Ex-Chef eine Million
EBE-Skandal
Klaus Kunze, langjähriger Geschäftsführer der Entsorgungsbetriebe Essen, soll Schadensersatz zahlen. Die EBE hat den 70-Jährigen auf eine Million Euro verklagt. Die internen Ermittlungen bei der EBE sorgen derweil weiter für Aufsehen. Dabei fiel ein bekannter Name.
Essener EBE-Affäre: Tatort in der EDV-Abteilung
Ermittlungen
„Wir wollen keinen EBE-Krimi“, hatte die Gewerkschaft Verdi mit Blick auf private Ermittler bei den Entsorgungsbetrieben gefordert. Dabei gibt es den längst: Durch Versuche, heimlich PC-Daten zu löschen.
Orkan Ela - Die Beseitigung der Schäden dauert vier Jahre
Unwetter-Folgen
Umweltdezernentin Simone Raskob stellt die Politik auf einen noch härteren Sparkurs ein. Der Orkan Ela hat ein finanzielles Loch in die Stadtkasse geschlagen.
Madeleine sollte doch nur aufhören zu schimpfen
Gericht
Im Prozess um den gewaltsamen Tod der 23-jährigen Madeleine räumt der angeklagte Stiefvater Günther O. sexuellen Missbrauch in fünf Fällen ein – und auch, dass er ihr die tödlichen Verletzungen beigebracht hat. Aber ach, alles war nur ein beklagenswerter Unfall.
Umfrage
In Essen ist nach einer Bestandsaufnahme der Stadt jede zweite Straße beschädigt. Der Sanierungsstau ist gewaltig. Wie wichtig finden Sie die Sanierung?

In Essen ist nach einer Bestandsaufnahme der Stadt jede zweite Straße beschädigt. Der Sanierungsstau ist gewaltig. Wie wichtig finden Sie die Sanierung?

 
Fotos und Videos
Essens modernste Schule
Bildgalerie
Schul-Neubau
Rocknacht im PHG
Bildgalerie
"Keep on rockin`"
Mittelalterliches Fest
Bildgalerie
Steenkamp-Hof
TUSEM verkauft sich teuer
Video
Handball