Das aktuelle Wetter Essen 14°C
Prozesse

Jugendgericht lässt bei Verkehrssündern „die Kirche im Dorf“

25.09.2012 | 18:30 Uhr
Jugendgericht lässt bei Verkehrssündern „die Kirche im Dorf“
Foto: Getty Images/iStockphoto Getty

Essen.   Die Taten sind ähnlich, das Verhalten vor Gericht auch. Aber unterschiedlicher können Angeklagte von der Herkunft kaum sein. Beobachtungen von zwei Verfahren am Dienstag vor den Jugendrichtern.

Um Straßenverkehrsgefährdung geht es in beiden Verfahren, doch bei Richterin Sabine Schriewer ist es ein wenig unruhiger. Vier Angeklagte, 16 bis 19 Jahre alt, darunter zwei Halbbrüder, und zwei Verteidiger sitzen vor ihr. Die Jungen hängen in ihrer vielen Freizeit meist in den Essener Stadtteilen Steele und Kray zusammen, kommen aus sozial schwachen Verhältnissen. Die meisten von ihnen haben die Sonderschule besucht, mal mit, mal ohne Abschluss.

Erziehung findet seit Jahren nicht statt

Erziehung findet seit Jahren nicht statt, klagt die Jugendgerichtshilfe. In den vier Anklagen geht es fast immer um das Fahren von Motorrollern oder Autos, ohne dass der jeweilige Fahrer einen Führerschein hat. Zum Unfall kommt es auch mal mit anschließender Flucht, bei der das Nummernschild hochgeklappt wird. „Was sollen wir mit euch machen“, fragt die Richterin angesichts ähnlich gelagerter Vorstrafen, „etwa ins Gefängnis sperren?“. Schuldbewusst, reuig, senken die Angeklagten die Augen.

Einige Säle weiter sitzt vor Jugendrichter Matthias Treppke eine Studentin aus Werden im Essener Süden, 21 Jahre alt. Schuldbewusst ist auch ihr Blick oft nach unten gerichtet. Behütet und versorgt werde sie heute noch von ihren Großeltern und der Mutter, sagt die Jugendgerichtshilfe. Einen Monat vor ihrem 21. Geburtstag fuhr sie nachts um vier Uhr in ihrem zweisitzigen Cabrio nach einem Discobesuch über die Rüttenscheider Straße. Drei Freundinnen fuhren mit. Ein leichter Fang für die Polizei: Die Studentin fuhr ohne Licht, in Schlangenlinien und zu schnell. Die Mitfahrerinnen saßen hoch aufgetürmt und schwankend. 0,77 Promille Alkohol hatte sie im Blut, außerdem, trotz ihres jungen Lebensalters, zehn Punkte in Flensburg.

400 Euro Strafe für die Angeklagte

Beide Richter warnen ihre Angeklagten vor den schlimmen möglichen Folgen von Verkehrssünden. Was alles passieren könne, zeigen sie den jungen Leuten auf. „Aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen“, meint Treppke. Seine Angeklagte zahlt 400 Euro und wird den Führerschein in neun Monaten neu beantragen müssen. Die vier Jungs aus Steele, die vielleicht irgendwann den Führerschein machen dürfen, kommen mit Arrest, Arbeitsstunden, Bewährung oder Geldbuße davon.

Stefan Wette



Kommentare
Aus dem Ressort
Essener EBE-Affäre: Tatort in der EDV-Abteilung
Ermittlungen
„Wir wollen keinen EBE-Krimi“, hatte die Gewerkschaft Verdi mit Blick auf private Ermittler bei den Entsorgungsbetrieben gefordert. Dabei gibt es den längst: Durch Versuche, heimlich PC-Daten zu löschen.
Orkan Ela - Die Beseitigung der Schäden dauert vier Jahre
Unwetter-Folgen
Umweltdezernentin Simone Raskob stellt die Politik auf einen noch härteren Sparkurs ein. Der Orkan Ela hat ein finanzielles Loch in die Stadtkasse geschlagen.
Madeleine sollte doch nur aufhören zu schimpfen
Gericht
Im Prozess um den gewaltsamen Tod der 23-jährigen Madeleine räumt der angeklagte Stiefvater Günther O. sexuellen Missbrauch in fünf Fällen ein – und auch, dass er ihr die tödlichen Verletzungen beigebracht hat. Aber ach, alles war nur ein beklagenswerter Unfall.
Boy George legt Samstag im Hotel Shanghai auf
Partys
Mit einem Knall meldet sich das Hotel Shanghai am Samstag, 6. September, aus der Sommerpause zurück: Dann ist Pop-Ikone Boy Geogre mit einem House-Set zu Gast – ehe er am 17. September bei einem Konzert in Manchester die lang angekündigte Reunion mit Culture Club feiert.
Streit zwischen Grünen und OB Paß eskaliert
Politik
Ein Streit zwischen Oberbürgermeister Reinhard Paß und den Essener Grünen eskaliert. Grünen-Fraktionschefin Hiltrud Schmutzler-Jäger wirft dem Stadtoberhaupt einen „Angriff auf die Meinungsfreiheit“ vor. Das nennt die Stadt „absurd“.
Umfrage
In Essen ist nach einer Bestandsaufnahme der Stadt jede zweite Straße beschädigt. Der Sanierungsstau ist gewaltig. Wie wichtig finden Sie die Sanierung?

In Essen ist nach einer Bestandsaufnahme der Stadt jede zweite Straße beschädigt. Der Sanierungsstau ist gewaltig. Wie wichtig finden Sie die Sanierung?

 
Fotos und Videos
Essens modernste Schule
Bildgalerie
Schul-Neubau
Rocknacht im PHG
Bildgalerie
"Keep on rockin`"
Mittelalterliches Fest
Bildgalerie
Steenkamp-Hof
TUSEM verkauft sich teuer
Video
Handball