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Alte Synagoge

"Jude ist immer noch ein weit verbreitetes Schimpfwort"

07.02.2012 | 15:00 Uhr
"Jude ist immer noch ein weit verbreitetes Schimpfwort"
Die Alte Synagoge wird wie viele jüdische Einrichtungen in Deutschland ständig von der Polizei bewacht.Foto: Dennis Strassmeier

Essen.  Der aktuelle Antisemitismusbericht der Bundesregierung ist beunruhigend. Dr. Uri Robert Kaufmann, Leiter der alten Synagoge in Essen, bedauert im Interview, dass "Jude" noch immer ein weit verbreitetes Schimpfwort ist. Gleichzeitig kritisiert er, türkische und arabische Medien würden sehr offen und unverhohlen die Judenfeindschaft predigen.

Der jüngste Antisemitismusbericht der Bundesregierung ist beunruhigend, und in Essen dürfte das Problem ebenfalls existieren – oder?

Uri Kaufmann: Es gibt auch in Essen Gegenden, in denen man sich lieber nicht als Jude zu erkennen geben sollte. Ich würde Ihnen zum Beispiel nicht raten, mit der Kippa auf dem Kopf über die Viehofer Straße zu spazieren. Mir sind auch Fälle bekannt, da sind fälschlicherweise sogar Nicht-Juden in der Innenstadt auf offener Straße als Juden beschimpft und angepöbelt worden. „Du Jude“ ist leider immer noch ein weit verbreitetes Schimpfwort . Sogar bei jungen Menschen auf dem Fußballplatz. Das finde ich schon sehr bedauerlich.

Dann beruhigt Sie die Statistik der Essener Polizei also nicht, nach der es im vergangen Jahr drei antisemitisch motivierte Straftaten gab?

Kaufmann: Hier sollte man in der Tat den Blick nicht nur auf Essen richten. Die Angriffe auf Rabbiner in Frankfurt und Berlin sind doch ausreichend dokumentiert. Und ich frage mich, was sind das für Jugendliche, die teilweise weit abgelegene jüdische Friedhöfe aufsuchen, um Hakenkreuze auf die Grabsteine zu schmieren? Das braucht doch eine starke Motivation. Um Dumme-Buben-Streiche, wie die Polizei solche Taten früher gerne wegerklärte, handelt es sich eindeutig nicht. Da steckt eine manifeste Absicht dahinter. Und zwar die Absicht zu schaden.

Warum darf es uns nicht egal sein, wenn sich antisemitische Vorurteile so hartnäckig halten?

Kaufmann: Weil aus dem Ressentiment meist der Wunsch nach einer Aktion entsteht. Stereotype können irgendwann zu der Einschätzung führen, dass diese Minderheit gefährlich sei. Der Schritt zur Gewalt ist sehr klein. Übergriffe auf jüdische Gemeinden sind ja nichts Unbekanntes in unserem Land.

Auch Ihr Haus, die Alte Synagoge , war in der Vergangenheit Ziel antisemitischer Angriffe...

Kaufmann: ...und es gibt innerjüdisch eine heftige Debatte darüber, inwieweit man sich schützen lassen möchte, schützen lassen muss.

Neulich erzählte mir eine Bekannte nach ihrer Rückkehr aus dem Nahen Osten: „Stell dir vor, in Israel gibt es jüdische Busfahrer.“ Können Sie solche Klischees noch überraschen?

Kaufmann: Nicht unbedingt. Das Klischee vom reichen Juden ist eines der ältesten überhaupt. Reiche Katholiken oder Protestanten waren in der christlichen Mehrheitsgesellschaft nie verdächtig oder gar suspekt, reiche Juden hingegen schon. Und über die Lebenswirklichkeit in Israel ist ohnehin in Deutschland sehr wenig bekannt. Der Konflikt mit den Palästinensern überlagert alles andere in den Nachrichten. Hinzu kommt: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist sehr klein, mit bundesweit 105 000 eingetragenen Gemeindemitgliedern verteilt auf eine 84-Millionen-Gesamtbevölkerung.

Der Bericht spricht davon, dass judenfeindliche Einstellungen in „erheblichem Umfang“ in der deutschen Gesellschaft verankert sind.

Kaufmann: Aber das ist nichts wirklich Neues. Man muss leider davon ausgehen, dass zwischen 15 und 20 Prozent der Deutschen judenfeindliche Einstellungen haben. Ich glaube aber schon, dass man ein Teil dieses Publikums von solchen Einstellungen wieder abbringen kann, wenn man es geschickt macht.

Wie kämpfen Sie mit Ihrem Haus gegen Ressentiments?

Kaufmann: Nun, wir versuchen hier in der Alten Synagoge auf eine kreative und freundliche Art und Weise eine Beschäftigung mit Elementen jüdischer Kultur und Religion anzubieten. Aber wir besuchen auch Schulklassen, wenn Lehrer das wollen. Wir bieten das bereits für Grundschulklassen an. Wir glauben nämlich, dass der Boden für Ressentiments sehr früh bereitet wird, dem gilt es durch Aufklärung präventiv entgegenzuwirken, etwa in unserem „Lehrhaus für Kinder“.

Wir reden hier aber nicht über pure Wissensvermittlung?

Kaufmann: Auf keinen Fall. Das wäre für die Kleinen, die mit viel Einfühlungsvermögen dabei sind, auch viel zu abstrakt. Es geht darum, einen ersten, spielerischen Zugang zu der jüdischen Tradition zu schaffen. Da wird gebastelt und getanzt, na klar. Das ist meiner Ansicht nach ein geschickter Weg. Bei den Kindern sind die Vorurteile noch nicht so fest verankert, hier kann man noch am ehesten Einfluss nehmen. Bei 17-, 18-Jährigen wird das schon schwieriger. Da ist die Weltanschauung nahezu vollständig ausgebildet.

Wie kommen bereits junge Schüler mit Antisemitismus in Berührung?

Kaufmann: Es gibt zum Beispiel Eltern, gerade aus dem muslimisch geprägten Milieu, die etwa ihren Kindern verbieten, eine Synagoge zu betreten. Da wird eine Synagoge gedanklich mit Israel in Beziehung gesetzt und Israel mit der hiesigen Politik. Dass man einem Kind gar nicht erst ermöglichen will, etwas über das Judentum zu erfahren, kann ich nicht nachvollziehen. Aber dieses Phänomen begegnet uns auch hier in Essen, leider. Das will ich aber nicht hinnehmen.

Sondern?

Kaufmann: Ich habe mich mit Mitgliedern der Kommission Islam und Moscheen in Essen getroffen und über dieses Thema gesprochen. Aber ich möchte da auch nicht falsch verstanden werden. Antisemitismus ist nicht nur ein Problem bei muslimischen Jugendlichen. Das ist mein Eindruck, das sagt auch der Bericht der Bundesregierung. Leider wird aber in türkischen und arabischen Medien sehr offen und unverhohlen die Judenfeindschaft gepredigt. Jugendliche, die diese Medien konsumieren, sind dem schutzlos ausgeliefert.

Sie stimmen also mit der Einschätzung aus dem Antisemitismusbericht überein, dass die Judenfeindlichkeit nicht nur auf tief verwurzelten Klischees, sondern auch auf „schlichtem Unwissen” basiert?

Kaufmann: Natürlich. Es gibt doch enge Zusammenhänge etwa zwischen dem Judentum und dem Islam. Es gibt da mehr Gemeinsamkeiten als man gemeinhin denkt. Viele Dinge aus dem Islam entstammen doch der jüdischen Tradition, wie Speisegesetze, Ruhetag, Fastengebot, Wallfahrt, Spenden sammeln und so weiter. Meine Hoffnung ist, dass, wer das weiß, auch nicht mehr so vehement Juden hassen kann. Dann wäre er ja feindlich gegenüber seiner eigenen Tradition gesonnen.

Spötter könnten Ihnen jetzt entgegnen, Joseph Goebbels kannte sich auch im Judentum aus – und hasste trotzdem die Juden.

Kaufmann: Ja gut, er hat sein Wissen auf bösartige Art und Weise genutzt. Ich will aber auf etwas anderes hinaus: Das Wissen übereinander kann Grund zu einem respektvollen Umgang miteinander sein. Auch mit dem Hinweis: Schau auf deine eigene Tradition und die Dinge darin, die aus der jüdischen Religion stammen. Da sehe ich schon einen Ansatz, den man weiter entwickeln sollte.

Nikolaos Georgakis

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2012-02-07 15:00
Alte Synagoge, Antisemitismus, Juden, Uri Kaufmann, Essen, Religion
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