Jetzt darf die Kuh alles geben

Jetzt müssen Kühe nicht mehr einhalten und können so viel Milch produzieren, wie ihre Euter hergeben. Doch so ganz positiv –  wie der Wegfall der Milchquote für die Verbraucher klingen mag –  ist es für die Essener Milchbauern nicht. Denn die befürchten einen höheren Druck und einen fallenden Preis.
Jetzt müssen Kühe nicht mehr einhalten und können so viel Milch produzieren, wie ihre Euter hergeben. Doch so ganz positiv – wie der Wegfall der Milchquote für die Verbraucher klingen mag – ist es für die Essener Milchbauern nicht. Denn die befürchten einen höheren Druck und einen fallenden Preis.
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Was wir bereits wissen
Nach 30 Jahren müssen sich die Landwirte ab dem 1. April an keine Produktionsgrenze mehr halten. Die drei Milchbauern in Essen sehen sich dadurch einem höheren Druck ausgesetzt

Essen.. Nur noch drei Milchbauern gibt es in Essen: Günter Maas, Ludger Lohmann und Josef Wippermann. Ab April werden die drei, wie sie selbst sagen, vor einer neuen Herausforderung stehen. Denn: Nach über 30 Jahren fällt die Milchquote weg.

Die Quote, die vom EG-Agrarministerrat eingeführt wurde, um der Überproduktion und den dadurch entstandenen Milchseen und Butterbergen entgegenzuwirken. Danach darf jeder Milchbauer nur eine bestimmte Menge produzieren. Wird es mehr, ist eine Strafe fällig. In gut sechs Wochen gilt diese Regel nicht mehr. Dann dürfen die Essener Milchbauern so viel produzieren, wie sie möchten. Klingt erst einmal positiv. Doch befürchten sie durch das Überangebot eine Preissenkung und noch mehr Druck.

Ludger Lohmann, ist genervt. „Immer dieses Hin und Her. Jahrelang ist man in die Milchquote gedrängt worden, und jetzt zieht sich der Staat wieder zurück“, wettert Lohmann. „Durch die Quote wurde man gezwungen, weniger zu produzieren und somit auch zu verdienen. Zur Belohnung durfte man noch Strafe zahlen, wenn man über dem Soll lag“, sagt der Milchbauer. Der Besitzer von 50 Kühen produziert 400.000 Liter Milch im Jahr. Klingt viel, aber: „Wenn jetzt alle mehr verkaufen können, dann wird es schwer mitzuhalten“, ahnt Lohmann. Um gut davon leben zu können, bräuchte er die doppelte Menge an Kühen und eine Produktion von 800.000 Litern Milch.

Gute und schlechte Phasen

Günter Maas sieht den Wegfall der Milchquote nicht so dramatisch. Im Gegenteil: „Ich bin froh, dass das endlich ein Ende hat. Jetzt herrscht faktisch wieder eine freie Marktwirtschaft. Das Ganze war schon mit viel Bürokratie verbunden“, erklärt der promovierte Biolandbauer. Das Problem bei der Produktion von Milch sei, dass es immer gute und schlechte Phasen gebe, weil der Preis immens schwanken könne. „Es ist ja erwiesen, dass die Milchquote dieses Problem nicht gelöst hat“, so Maas.

Der Biolandbauer gibt allerdings auch zu verstehen: „Im Gegensatz zu anderen bin ich zum Glück nicht nur allein von der Milchwirtschaft abhängig“, sagt Maas, der neben Legehennen noch auf Schweine, Kartoffeln und Gemüse bauen kann. Denn der Druck werde definitiv steigen, und er sei froh, dass er Verluste in einem Bereich fast immer durch die anderen Erzeugnisse ausgleichen könne.

Der Preis werde zwar erst einmal sinken, doch eine Flut an Milch werde es so schnell nicht geben. Das prophezeit zumindest der Vorsitzende der Kreisbauernschaft für Ruhrgebietsstädte, Christoph Ridder. „Trotz des Wegfalls der Quote sind ja nicht plötzlich mehr Kühe da. Es dauert drei Jahre, bis eine Kuh Milch gibt. So schnell können sich die Betriebe nicht vergrößern“, so Ridder.

Milchpreis schwankt sehr stark

Dennoch appelliert er an die Milchbauern, mit Augenmaß zu handeln, auch wenn er eine steigende Produktion besonders der größeren Betriebe, die in den vergangenen Jahren am Niederrhein entstanden sind, nachvollziehen kann. Denn nur weil mehr produziert wird, verdiene man nicht gleich mehr. Der aktuelle Milchpreis ist entscheidend und der schwanke sehr stark.

„Die Milchbauern mit weniger als 80 Tieren werden das Nachsehen haben. Heute braucht man mindestens 100 Kühe, um überhaupt überleben zu können“, weiß Ridder. Das läge auch an der Sensibilität der Kunden. „Lebensmittel werden nicht mehr wertgeschätzt. Die Menschen sind nicht bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen. Von einem aktuellen Milchpreis von 30 Cent kann niemand leben“, so der Vorsitzende der Kreisbauernschaft für Ruhrgebietsstädte.

Der dritte, der noch verbliebenen Milchbauern in Essen ist Josef Wippermann. Mit den sieben Kühen vermarktet der Hof rund 40.000 Liter Milch pro Jahr und ist im Gegensatz zu Bauer Maas und Bauer Lohmann ein eher beschaulicher Betrieb. Doch auch Wippermann konzentriert sich nicht nur auf die Milchwirtschaft. „Wir haben noch 100 Hühner und Getreidefelder.“

Nur noch 78.000 Milcherzeuger übrig

In der Zeit, in der die Milchquote besteht, haben 75 Prozent der Milchbauern ihren Betrieb geschlossen – bundesweit sind von einst 369.000 Milcherzeugern nur noch 78.000 übrig. Viele haben umgesattelt. Und das nahezu im wahrsten Sinne. Denn der Trend geht zum Pferd. Es werden Boxen und Reitstunden angeboten, zudem kümmern sich viele Landwirte um die Tiere, wenn deren Besitzer abwesend sind.

Josef Wippermann und auch Ludger Lohmann sehen davon aber ab, zu sehr hänge man an den Kühen. „Viele Bauern haben ihr Kontingent an den Staat verkauft, um ihren Betrieb nicht schließen zu müssen. Da hat man zwischen 0,30 Cent und 1 Euro pro Liter bekommen. Da können schon mal 200.000 Euro zusammen kommen – genug für einen Pferdestall“, rechnet Lohmann. Für den Milchbauern aus Heidhausen war das aber nie eine Option. „Ich werde das schon irgendwie durchstehen. Ich hoffe einfach, dass der Wegfall der Milchquote keine zu großen Ausmaße annimmt.“