Jenseits der Klischees

Wenn in Dresden scharenweise Menschen für die deutsche Leitkultur auf die Straße gehen, lässt mich eines nicht los: Was ist heute eigentlich noch typisch deutsch? Manch einer der emsigen Abendland-Retter durchleidet vielleicht gerade eine kleine Identitätskrise, weil er gar nicht mehr weiß, woran man uns noch zweifelsfrei identifizieren kann – dabei ist die Klischeekiste über uns Deutsche ja prall gefüllt: Im Urlaub fallen wir durch schrulliges Territorialverhalten auf, indem wir morgens um sechs am Pool die Liegen mit Handtüchern in Beschlag nehmen. Wir schneiden den Rasen mit der Nagelschere und wenn es ganz schlimm kommt, stellen wir darauf noch Gartenzwerge auf – des Spießbürgers gruseligste Insignien. Ganz zu schweigen von einer geradezu pathologischen Fixiertheit auf Regeln und Paragrafen.

Eine meiner Freundinnen hat einen polnischen Hintergrund – ihr gelingt es immer wieder, meine Fragen zum deutschen Wesen, an dem die Welt genesen (oder erst erkranken) soll, zu relativieren. Neulich schimpfte sie leidenschaftlich über einen Nachbarn, der im Mietshaus gerne die Fenster sperrangelweit offenstellt. „Wenn ich rauskriege, wer das ist, kriegt der was zu hören!“ Sicherlich gibt es eine entsprechende Regel in der Hausordnung. Sie ist manchmal deutscher als meine gesamte Familie zusammen. Genau das mag ich an ihr.