„Jeki“-Nachfolgeprogramm steht in der Kritik

Ein Bild aus 2010, als die erste „Jeki“-Generation pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr fertig war: Praktiker loben, dass Kinder durchaus etwas gelernt hätten. Doch das neue Konzept steht in der Kritik.
Ein Bild aus 2010, als die erste „Jeki“-Generation pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr fertig war: Praktiker loben, dass Kinder durchaus etwas gelernt hätten. Doch das neue Konzept steht in der Kritik.
Foto: WAZ FotoPool
„Jedem Kind ein Instrument“ - das Grundschulprogramm wird verändert. Das ruft Skeptiker auf den Plan, denn künftig dauert es nur zwei statt vier Jahre

Essen.. „Jedem Kind ein Instrument“ (Jeki) heißt und hieß das große Musik-Förderprogramm für alle Grundschulkinder, das rechtzeitig vor dem Kulturhauptstadtjahr aufgelegt wurde: Seit 2007 hat im Ruhrgebiet jeder Grundschüler die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen. In Essen sind nach Angaben der Bochumer „Jeki“-Zentrale 77 Grundschulen beteiligt, also fast alle im Stadtgebiet. Doch seit Monaten wird hinter den Kulissen heftig gerungen: Denn aus „Jeki“ wird „Jekits“, das „t“ steht künftig für „Tanz“, das „s“ für Singen. Die Veränderungen bringen erhebliche Umbrüche mit sich, die derzeit intensiv diskutiert werden. Es gibt, vor allem hinter vorgehaltener Hand, viel Kritik: „Das Programm wird flächenmäßig vergrößert, darf aber nicht mehr kosten“, heißt es.

„Jekits findet künftig nicht mehr nur im Ruhrgebiet, sondern im ganzen Land statt“, erklärt eine Sprecherin der „Jeki“-Zentrale.

Eins der Haupt-Probleme: Statt der vier Jahre, die „Jeki“ einen Grundschüler die gesamte Zeit über begleitet hat, gibt es „Jekits“ künftig nur noch zwei Jahre lang. „Das ist zu kurz, das ist ‘rausgeschmissenes Geld“, kritisiert die Leiterin einer Essener Grundschule. Mit dieser Meinung steht sie nicht allein.

„Die Kinder brauchen eben eine Weile“

„Jeki“ funktionierte so: Im ersten Grundschuljahr bekommen die Kinder verschiedene Instrumente vorgeführt, vermittelt werden außerdem Grundlagen der musikalischen Erziehung. Die Kinder können Instrumente leihen und ausprobieren, und erst im zweiten Jahr startet der Instrumentalunterricht, der dann bis Klasse vier andauert. „Da sind Kinder an Instrumente herangeführt worden, die durch die Eltern allein nie möglich gewesen wären“, lobt ein Schulleiter im Essener Norden. Nach acht Jahren „Jeki“ sagt eine Schulleiterin im Essener Westen: „Jetzt, nach so langer Zeit, haben wir nun ein Orchester aufbauen können. Die Kinder brauchen eben eine Weile.“

Kritik erfuhr „Jeki“ viele Jahre auch von anderer Seite: Musikalisch ambitionierte Eltern hielten die Übungsgruppen für zu groß, die Lehrer nicht immer für passend. In Essen sind rund 100 Musikpädagogen für „Jeki“-Schüler im Einsatz; etwas mehr als die Hälfte ist an der Folkwang Musikschule beschäftigt, die andere an privaten Musikschulen in den Stadtteilen.

Einige Schulen verlassen das „Jeki“-Programm

Ob „Jeki“ übrigens dauerhaft mehr Kinder als früher an ein Instrument bringt, sei dahingestellt: „Was die Nachhaltigkeit von Jeki angeht, gibt es gute und schlechte Erfahrungen“, berichtet Christian de Witt, der Leiter der Folkwang-Musikschule. „Wir können noch nicht endgültig feststellen, ob durch Jeki dauerhaft mehr Kinder für einen Instrumentalunterricht gewonnen worden sind.“

Einige wenige Grundschulen haben sich jetzt mit der Umstrukturierung des gesamten Programms von „Jeki“ bzw. „Jekits“ verabschiedet. Die Mehrheit bleibt jedoch dabei. Nur die wenigsten Schulen haben sich dafür entschieden, vom Instrument wegzugehen hin zum Thema Gesang oder Tanz – das mussten die Schulen vorher festlegen.

Der künftige Ablauf von „Jekits“ bereitet de Witt Bauchschmerzen: Nach dem ersten Einführungsjahr sollen die Kinder künftig im zweiten Jahr Instrumentalunterricht erhalten, gleichzeitig sollen schon Ensembles – also Orchester – gebildet werden. Im dritten Jahr, so der Plan, sollen die Kinder dann an den Musikschulen weiter unterrichtet werden. Die Gruppen werden größer, Instrumental- und Ensemblearbeit entsprechend zeitgleich stattfinden. „Dafür“, betont de Witt, „benötigt man neue, tragfähige pädagogische Konzepte.“ Auch wenn es niemand derzeit offen aussprechen will, weil noch alles in Bewegung ist: Der Schluss liegt nahe, dass vier Monate vor dem Start des neuen Schuljahrs genau diese pädagogischen Konzepte noch fehlen.