"Jeden kann man irgendwo ersetzen"
10.10.2007 | 19:27 Uhr 2007-10-10T19:27:46+0200Essen. Prof. Gerald Holtmann, Ärztlicher Direktor, über die vorläufige Suspendierung von Prof. Dr. Broelsch und die Folgen.
NRZ: Herr Professor Gerald Holtmann, rechnen Sie damit, dass Professor Christoph Broelsch hier noch einmal am OP-Tisch stehen wird?
Prof. Gerald Holtmann: Grundsätzlich muss jeder als unschuldig gelten, der nicht verurteilt ist. Aber der Rektor muss natürlich auch andere juristische Aspekte berücksichtigen. Die strengen Regeln des Beamtenverhältnisses und ein Ermittlungsverfahren in diesem Stadium waren nicht mehr vereinbar. Offensichtlich haben dem Richter Ergebnisse vorgelegen, die ihn haben sagen lassen: Das ist so, dass man den Eingriff in die persönliche Sphäre anordnen darf.
Insofern hat der Rektor richtigerweise gesagt: Jetzt müssen wir anders handeln. Es kann immer noch sein, dass der Beschuldigte irgendwann später als völlig unschuldig raus ist.
Aber das kommt ja für uns nicht überraschend. Wir haben schon vor vier Wochen im Dekanat und im Vorstand eine Entscheidung getroffen, die richtungsweisend war und - wie sich jetzt zeigt - auch notwendig ist. Wir haben erstens ein Viszeralzentrum (Zentrum für die Behandlung der Bauchorgane, Anm. der Redaktion) gegründet, das die Internisten und Chirurgen zusammenbringt. Und das Zweite: Wir werden eine neue Professur einrichten für Krebs- und Transplantationschirurgie.
Uns war klar: Entweder es löst sich in Wohlgefallen auf oder es kommt zu mehr. Meine Aufgabe und die Aufgabe aller, die hier tätig sind, ist: a) was passiert mit den Patienten? b) was ist mit den Mitarbeitern und c) was ist mit der Forschung, die wir auf dem Gebiet hier machen?
NRZ: Anfang Juni hieß es noch: Professor Broelsch ist für uns so unverzichtbar, dass wir ihn nicht entbinden können. Ist er inzwischen verzichtbar?
Holtmann: Jeden kann man irgendwo ersetzen. Es gibt aber herausragende Persönlichkeiten und die sind wichtig. Der Dienstvorgesetzte Rektor Zechlin hat sich von juristischen Aspekten leiten lassen. Das Ermittlungsverfahren hat Prof. Broelsch - erstens - bisher nicht reingewaschen. Zweitens: die Vorwürfe sind konkretisiert worden. Deswegen hat der Rektor reagiert. Wir haben beraten und durchaus kontroverse Positionen vertreten. Aber alle tragen jetzt die Position des Rektors. Wir sind jetzt in einer Position, in der wir das auch tragen können, in der wir die Patientenversorgung sicherstellen können. Essen ist international eine Spitzeninstitution in der Transplantation. Prof. Dr. Broelsch hat dazu beigetragen, aber Broelsch ist nur ein Leistungsträger. Es gibt hier viele Leistungsträger, die nicht alle stark in der Öffentlichkeit stehen. Das ist jetzt eine unangenehme Situation, der wir ausgesetzt sind und ich muss sehen, dass klare Signale gesetzt werden. Wir haben einen kommissarischen Leiter eingesetzt, wir haben die Patientenversorgung gesichert, die wissenschaftliche Seite wird parallel dazu angegangen.
NRZ: Auch auf dem bisherigen Niveau?
Holtmann: Also: Professor Broelsch geht ja auch dem Pensionierungsalter entgegen und es ist nicht seine Rolle, 16 Stunden am Tag im OP zu stehen. Seine Erfahrungen und Kontakte sind wichtig und die hat er in die Abteilung hineingebracht und die Mitarbeiter werden jetzt zeigen, was sie gelernt haben. Wir haben Chirurgen hier, die werden auch ins Ausland berufen. Unsere Mitarbeiter haben einen hohen Marktwert, weil sie Know-How haben. Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass diese Qualität unseren Patienten zugute kommt.
NRZ: Neben Prof. Broelsch wird noch gegen eine weitere Mitarbeiterin ermittelt. Gehen Sie davon aus, dass es bei diesen beiden Personen bleibt?
Holtmann: Ich hoffe und vertraue darauf, dass keine weiteren Dinge auftauchen. Aber der jetzige kommissarische Leiter ist nach allem, was wir wissen, absolut integer. Deswegen vertraue ich darauf, dass da keine Risiken mehr schlummern, von denen wir überrascht werden.
NRZ: Wie groß ist denn der Schaden, der dem Uni-Klinikum entstanden ist - weniger finanziell als was das Image angeht?
Holtmann: Wenn jemand 2000 oder 5000 Euro spendet, ist das ja ein Kassenpatient, der sich die privatärztliche Behandlung nicht hätte leisten können. Insofern gehe ich davon aus, dass wir kaum Geld verloren haben. Die Staatsanwaltschaft bewertet das juristisch - ich bin Mediziner und Wissenschaftler. Kann man Imageverlust quantifizieren? Unsere Patienten wissen, was hier geleistet worden ist und was auch in Zukunft geleistet wird. Ich habe heute morgen schon Anrufe bekommen von Patienten und Angehörigen, die sehr erbost waren, dass Professor Broelsch suspendiert wurde. Ich kann immer nur versichern, dass die Versorgung gesichert ist. Wenn Prof. Broelsch am Ende unbeschadet daraus hervorgeht - dann ist er wieder in unserer Mitte und kann uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber wenn jemand 62, 63 ist, macht sich eine Fakultät Gedanken, wie es weitergeht. Und für das reine operative Messerführen haben wir gleichwertige Leute. Was das visionäre, grenzüberschreitende angeht, da ist Broelsch international herausragend - es gibt weltweit niemanden, der so richtungsweisend ist. Aber beim Operativen ist er leicht zu ersetzen. Und sein Know-How der letzten Jahre einzusetzen - da sehe ich keine Probleme.
NRZ: Rechnen Sie denn damit, dass es einen Rückgang der Patientenzahlen gibt?
Holtmann: Wir sind breit aufgestellt. Trotz der Krise haben wir mehr Nierentransplantationen. Es gibt bei den Lebern einen leichten Rückgang, weil es weniger Organe gibt. Wir machen klar: Das Klinikum hat nichts zu verbergen, aber viel zu bieten.
NRZ: Sie hatten auch eine interne Untersuchung. Was hat die ergeben?
Holtmann: Wir haben den Bericht auf dem Tisch und er kommt zum Ergebnis: Es ist nichts zu beanstanden. Wir haben nichts finden können, was Verstöße gegen die Regeln bei den Organtransplantationen belegen würde. Es gab keine Unregelmäßigkeiten, was die Organe von Eurotransplant und die Leberlebendspende angeht. Wir haben geschaut: Welche Patienten sind transplantiert worden? Wo kamen die Organe her? Wir konnten nichts nachweisen. Wir haben aber keine Akten beschlagnahmt und Computer untersucht. Die Staatsanwaltschaft hat da ein ganz anderes Instrumentarium.
Seit 1. August ist Prof. Gerald Hoffmann Ärztlicher Direktor des Uni-Klinikums. Der gebürtige Essener sammelte u.a. Erfahrungen an der renommierten Mayo Clinic in den USA und arbeitete seit Juni 2004 im australischen Adelaide. Zuvor war er Oberarzt in der Klinik für Magen-, Darm- und Leberpatienten am Uni-Klinikum. "Ich saß zehn Jahre lang auf einer Bombe", sagt er schmunzelnd mit Blick auf den Sprengstoff-Fund in der Baugrube fürs Zentrum für Konservative Medizin im Juni 2006. "Die Zustände waren unzumutbar, aber wir hatten eine Auslastung von 95 Prozent, weil die Patienten wussten: Hier gibt es Spitzenqualität. Künftig geht es darum, effiziente Strukturen für diese Qualität zu schaffen." Das will er durch Allianzen mit anderen Kliniken erreichen, zudem möchte er das Klinikum als Non-Profit-Unternehmen führen. "Heißt: Wir können unternehmerisch ahndeln, aber Gewinne dienen dem Unternehmensziel und das heißt: Heilen, forschen und Kranke versorgen", so der dreifache Familienvater.
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