Ist der Hochstapler auch ein Mörder?

Als Multimillionär gab er sich aus, hatte aber keinen Cent. Vor Gericht geht es um das Leben des Mannes, der in Frohnhausen eine Tantra-Masseurin ermordet haben soll.

Seit Angang Mai verhandelt das Schwurgericht gegen Boris S., prüft, ob der 35-Jährige eine 54 Jahre alte Frau heimtückisch ermordet hat. Aber erst in dieser Woche hören die Richter die Stimme des Kölners. Denn zum Mordvorwurf schweigt er, nimmt am siebten Tag nur zum Lebenslauf Stellung.

Eine angenehme Stimme. Sie passt zur Optik des seriös wirkenden, kräftigen Mannes. Schauspielerisches Talent und Überzeugungskraft bescheinigt ihm Gerichtspsychiater Norbert Leygraf, der ihn als voll schuldfähig einstuft, falls er den Mord begangen haben sollte.

Die 54-Jährige hatte in Rüttenscheid eine Tantra-Massagepraxis. Da geht es zwar um Sex, allerdings auf einer höheren, esoterisch anmutenden Ebene. Zu mindestens zwei ihrer Kunden unterhielt sie ein sexuelles Verhältnis: zu Boris S. und zu einem Schlossermeister aus dem münsterländischen Lüdinghausen, der weltweit erfolgreich war und als „Architekt“ bezeichnet wurde.

Von ihnen erhoffte sich die 54-Jährige die Verwirklichung eines Traumes. Im Münsterland wollte sie ein Tantra-Zentrum bauen. Planen sollte der Architekt, finanzieren der vermeintlich Millionen schwere Boris S.. Das Geld floss nie. Die Anklage behauptet, dass der Architekt die 54-Jährige aufklärte, wer Boris S. wirklich sei: ein Lügner und Betrüger. Als sie den Kölner zur Rede stellte, soll er sie am 14. November 2014 mit einem Hammer niedergeschlagen und mit 29 Stichen ermordet haben. Indizien belasten ihn.

Fest steht bislang nur, dass Boris S., der sich im Münsterland und in Essen als Ben Jancke ausgab, zehn Jahre lang ein Parallelleben führte. Seine 58-jährige Mutter erzählt, wie er als Kind und Jugendlicher normal lebte. Dann hätte er nicht mehr arbeiten wollen. Wo er lebte, was er tat? „Ich hätte gerne gewusst, was er tut. Aber ich weiß es nicht.“

Freunde, Geschäftspartner erzählen vor Gericht, wie überzeugend er auftrat. Wie sie für ihn Geld locker machten, das sie nie wiedersahen. Acht kleinere Vorstrafen weist sein Register auf. Er selbst sagt, dass er „parallel ein anderes Leben geführt hatte, das den Beginn meiner kriminellen Karriere“ darstellte. Bei Psychiater Leygraf sprach er vom „süßen Geschmack des süßen Lebens“.

Leygraf sieht den Widerspruch, dass „jemand, der nur wegen Hochstapelei auffiel, plötzlich zu einer solchen Gewalttat fähig ist“. Psychiatrisch erkrankt sei Boris S. nicht. Dass S. sich selbst als „ganz besonderen Menschen sieht“ und über schauspielerische Talente verfüge, sei bei Betrügern nicht ungewöhnlich: „Das ist ihr Handwerkszeug.“ Und Boris S. beherrschte es: „Er hat sich erstaunlich gut und erstaunlich lange als Betrüger gehalten.“

Falls die Anklage stimme, dann hätte er planvoll getötet, als seine Enttarnung drohte. Aber etwas wundert den Gerichtspsychiater an dieser Reaktion eines Betrügers auf die Vorwürfe der Frau: „Überraschend. Ich hätte erwartet, dass er eine neue Geschichte erfindet.“