Ist der erfolgreiche Hochstapler auch ein Mörder?

Dass er jahrelang mit nicht ganz legalen Methoden Geld verdiente, räumt Boris S. ein. Zum Mordvorwurf schweigt der 35-Jährige, hier neben seiner Verteidigerin Christine Schwan, vor dem Essener Schwurgericht aber weiterhin.
Dass er jahrelang mit nicht ganz legalen Methoden Geld verdiente, räumt Boris S. ein. Zum Mordvorwurf schweigt der 35-Jährige, hier neben seiner Verteidigerin Christine Schwan, vor dem Essener Schwurgericht aber weiterhin.
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Was wir bereits wissen
Als Multimillionär gab er sich aus, hatte aber keinen Cent. Vor Gericht geht es um das Leben des Mannes, der eine Tantra-Masseurin ermordet haben soll.

Essen.. Seit Angang Mai verhandelt das Essener Schwurgericht gegen Boris S., prüft, ob der 35-Jährige wirklich eine 54 Jahre alte Tantra-Masseurin aus Frohnhausen heimtückisch ermordet hat. Aber erst gestern hören die Richter zum ersten Male die Stimme des angeklagten Kölners. Denn zum Mordvorwurf schweigt er beharrlich, nimmt am Donnerstag lediglich zu seinem Lebenslauf Stellung.

Eine angenehme Stimme. Sie passt zur Optik des seriös wirkenden, kräftigen Mannes. Schauspielerisches Talent und Überzeugungskraft bescheinigt ihm Gerichtspsychiater Norbert Leygraf, der ihn als voll schuldfähig einstuft, falls er den Mord begangen haben sollte.

Die 54-Jährige hatte in Rüttenscheid eine Tantra-Massagepraxis betrieben. Da geht es zwar um Sex, allerdings auf einer höheren, esoterisch anmutenden Ebene. Zu mindestens zwei ihre Kundinnen unterhielt sie auch ein sexuelles Verhältnis: zu Boris S. und zu einem Schlossermeister aus dem münsterländischen Lüdinghausen, der in der Vergangenheit wirtschaftlich weltweit erfolgreich war und meist als „Architekt“ bezeichnet wurde.

Tantra-Zentrum am Dülmener See

Von den beiden Männern erhoffte sich die 54-Jährige die Verwirklichung eines Traumes. Am Rande des Münsterlandes wollte sie ein Tantra-Zentrum am Dülmener See bauen. Planen und bauen sollte der Architekt, finanzieren der vermeintlich Millionen schwere Boris S.. Doch das Geld floss nie, der Architekt investierte selbst, verschuldete sich. Die Anklage behauptet, dass der Architekt die 54-Jährige in einem Telefonat aufklärte, wer Boris S. wirklich sei: ein Lügner und Betrüger. Als sie den Kölner daraufhin in ihrer Wohnung zur Rede stellte und vermutlich mit der Polizei drohte, soll er sie in der Nacht zum 14. November 2014 in ihrer Wohnung in der Sybelstraße in Frohnhausen mit einem Hammer niedergeschlagen und mit 29 Messerstichen ermordet haben. Indizien belasten ihn.

Fest steht bislang nur, dass Boris S., der sich im Münsterland und in Essen als Ben Jahnke ausgab, fast zehn Jahre lang ein Parallelleben geführt hat. Seine 58 Jahre alte Mutter erzählt am Donnerstag, wie er ein normales Leben als Kind und Jugendlicher geführt und einen Beruf erlernt hatte. Dann hätte er nicht mehr arbeiten wollen, sei ihrem Mann und ihr entglitten. Wo er lebte, was er tat? „Ich hätte gerne gewusst, was er tut. Aber ich weiß es nicht.“

Überzeugendes Auftreten

Freunde, Geschäftspartner erzählen vor Gericht, wie überzeugend er auftrat. Wie sie für ihn Geld locker machten, das sie nie wiedersahen. Auch das spätere Mord-Opfer, die 54-jährige Masseurin, hatte ihm 8000 Euro geliehen, weil der angebliche Multimillionär gerade nicht an sein Geld kam. So hatte er es ihr zumindest erklärt.

Acht kleinere Vorstrafen weist das Register des Kölners auf. Er selbst sprach am Donnerstag davon, dass er „parallel ein anderes Leben geführt hatte, das den Beginn meiner kriminellen Karriere“ darstellte. Bei Psychiater Leygraf nannte er als Grund für sein illegales Leben den „süßen Geschmack des süßen Lebens“.

Leygraf sieht den Widerspruch, dass „jemand, der nur wegen Hochstapelei auffiel, plötzlich zu einer solchen Gewalttat fähig ist“. Psychiatrisch gestört sei Boris S. nicht. Dass S. sich selbst als „ganz besonderen Menschen sieht“ und über schauspielerische Talente verfüge, sei bei Betrügern nicht ungewöhnlich, sagt Leygraf: „Das ist ihr Handwerkszeug.“ Und Boris S. habe sein Handwerk gut beherrscht: „Er hat sich erstaunlich gut und erstaunlich lange als Betrüger gehalten.“

Planvolles Vorgehen

Falls die Anklage stimme, dann sei er beim Mord planvoll vorgegangen, als seine Enttarnung durch die Masseurin drohte. Aber etwas wundert den Gerichtspsychiater diese vermeintliche Reaktion eines Betrügers auf die Vorwürfe der Frau doch: „Es ist überraschend. Ich hätte erwartet, dass er erst eine neue Geschichte erfindet.“

Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt. Dann will das Gericht einen Mann vernehmen, der im Münsterland schon mal zusammen mit Boris S. als schwerreicher Investor auftrat. Es dürfte sich dabei um einen Mann handeln, der früher in einer Villa mit Porsche vor der Tür in Münster lebte. Weil er als „ehrenwerter Konsul“ und „Geldverwalter von Saddam Hussein“ andere Menschen um Millionen brachte, hatte das Landgericht Münster ihn zuletzt zu neun Jahren Haft wegen Betrugs verurteilt.