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Internationale Doppelgänger

20.03.2009 | 19:04 Uhr
Internationale Doppelgänger

Wenn Schüler und Studierende den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen simulieren, ist das gewiss kein Kinderspiel. Wenn das Planspiel auch nicht die Welt verändert, so verbessert es doch die berufliche Perspektive.

Wenn man es ganz genau nimmt, verstößt Sven Holly vielleicht sogar ein wenig gegen die Statuten. Denn seine Vorfahren waren Engländer und jetzt ist er Vertreter Großbritanniens im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Und der tagt gerade in der Alfred-Krupp-Schule. Gut, es ist nicht der richtige Sicherheitsrat, es ist eine Simulation des Sicherheitsrates.

Doch da ist fast alles wie beim großen Original – mit einer entscheidenden Ausnahme: Niemand vertritt jemals seine eigene Nationalität. Doch der Lehramtsstudent sitzt im schwarzen Jackett, mit Schlips und weißem Hemd vor dem doppelbettlakengroßen Union Jack und vertritt Großbritanniens Position im Kampf gegen den weltweiten Drogenhandel.

Bevor er sich zu Wort meldet, hebt er kurz sein Stimmkärtchen, beginnt seinen exakt 30-sekündigen Redebeitrag mit einem „Sehr geehrtes Präsidium, verehrte Damen und Herren Botschafter”, und plädiert dann für die UN-Resolution 1865, die mit der Doppelstrategie der Aufbauhilfe für Afghanistan und der Erhöhung der militärischen Präsenz dort hofft, den Drogenanbau in den Griff zu bekommen. Susanne Nill, US-Botschafterin, muss er nicht weiter überzeugen, doch schon bei den Franzosen beißt Mister Holly mit seiner Forderung auf Granit. Von Burkina Faso, Libyen und Vietnam mal ganz zu schweigen.

Der Dress-Code, die Computer auf den Tischen und die Fahnen an den Wänden sowie die vielen bedruckten Papiere auf dem abgedeckten Flügel neben dem Präsidium vorn im Saal machen klar: Simulation – das ist mehr als ein Spiel. Hier wird Politik gemacht, fast wie im wahren Leben und wer die Sache richtig ernst nimmt, schafft es womöglich wirklich nach New York. Susanne Nill ist eine der beiden Studentinnen, die es geschafft hat, hinzu kommt Janine Neumann. Am 30. März geht es in die Staaten.

Und da haben die UN-Simulationsvertreter aus Deutschland durchaus Karriere gemacht.

Denn getragen wird das Engagement nicht nur vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Duisburg-Essen, sondern auch vom Verein „DueMun”, ebenfalls an der Uni angesiedelt. Die haben sich so ganz allmählich nach oben simuliert. Vereinssprecherin Lena Kamps war schon bei der UN-Simulation in New York, in diesem Jahr werden Susanne Nill und Janine Neumann vom 5. bis 9. April im echten Plenarsaal der Vereinten Nationen dabei sein.

Vor fünf Jahren durfte die Uni Duisburg-Essen die Vertreter von Eritrea spielen, im vergangenen Jahr waren die Ruhrgebietler als Angolaner dabei und in diesem Jahr sind sie die Botschafter Indiens. Daran, dass die simulierten Staaten an Bedeutung, politischem und wirtschaftlichem Gewicht zunehmen, zeigt sich: sie haben gut simuliert, die UN-Vertreter.

Für die Jugendlichen der Alfred-Krupp-Schule ist das Planspiel die Chance, ein wenig Uni-Luft vor der Zeit zu schnuppern. Für die Studierenden hingegen ist es die Chance, in ihren späteren Beruf hineinzufühlen. Egal, ob sie, wie Sven Holly, Lehrer werden wollen oder wie Präsidentin Lincy Paravanethu, vielleicht wirklich einmal in die hohe Politik und die Diplomatie einsteigen. Sie hat schon öfter eine so genannte „Schul-Mun” geleitet. „Mun” steht für „modeled United Nations” – Simulation der Vereinten Nationen also. Für Cem Erdogan, den Abiturienten der Alfred-Krupp-Schule ist die Motivation, als Präsident die Versammlung zu leiten, noch ein wenig naheliegender: „Es ist spannend – und es ist toll mit Lincy zusammenzuarbeiten.”

Politiklehrer Sebastian Schmidt von der Alfred-Krupp-Schule erklärt, worin – abgesehen von solchen Versuchen internationale Beziehungen zu etablieren – der Nutzen liegt: „Die Schüler und Studenten müssen sich in eine ander Position hineindenken, womöglich sogar Ansichten vertreten, die sie nicht unbedingt teilen.”

Und ganz nebenbei müssen sie sich noch mit der UN-Politik vertraut machen. Und sie lernen zum Beispiel, dass Resolutionen des UN-Sicherheitsrates immer nur aus einem Satz bestehen dürfen. Der aber kann durchaus eine ganze Schreibmaschinenseite füllen, wenn man ihn nur geschickt genug aufbaut. Die USA und Großbritannien haben es vorgemacht. Und Sven Holly hat auch gleich herausgefunden, wie man daraus Kapital schlägt. In dem man in seinem 30-Sekunden-Redebeitrag einfach auf die schriftliche Vorlage verweist.

STEPHAN HERMSEN

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