In Kettwig droht der Abrissbagger

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Auf das Essener Bauordnungsamt kommt jetzt eine Mammut-Aufgabe zu: In den Sommerferien müssen mehr als 100 mutmaßliche Schwarzbauten in einer beschaulichen Siedlung am Rand von Kettwig überprüft werden. Am Ende müssen Anwohner womöglich ihre Carports, Wintergärten, Terrassen und Pools beseitigen, weil sie im Landschaftsschutzgebiet nie hätten gebaut werden dürfen.

Schon fragen Spötter, ob die städtischen Prüfer jahrelang weggeschaut haben. „Wir haben nicht gepennt“, widerspricht der Leiter des Bauordnungsamtes, Ronald Graf. Mancher habe falsche Vorstellungen von der Ausstattung seines Amtes: „Weder können wird das Straßenverzeichnis abarbeiten noch die rund 90 000 Gebäude in Essen per Luftbild überprüfen. Wir klettern auch nicht in Gärten und gucken nachher in der Akte, ob ein Schuppen genehmigt ist.“

Für die Stadt mit einer Gesamtfläche von 210 Quadratkilometern seien vier Baukontrolleure zuständig – offiziell. „Die besten Baukontrolleure sind die Nachbarn.“ Graf möchte das ausdrücklich als Erfahrungswert verstanden wissen – nicht als Aufforderung zum Denunziantentum. Aber wenn jemand melde, in Nachbars Garten werde Ungenehmigtes gebaut, „gehen wir dem in jedem Fall nach“.

Im aktuellen Kettwiger Fall kam der Stein noch ein wenig anders ins Rollen. Da hatte ein Anwohner des Höseler Wegs, der idyllisch am Waldrand liegt, die Überdachung einer Terrasse geplant und einen Architekten beauftragt, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Die Stadt habe sich erst monatelang nicht gemeldet und den Antrag dann abgewiesen, berichtet Dierk Lamm, der Anwalt des verhinderten Bauherren: „Dabei war die Terrasse selbst seit 1980 genehmigt.“

Sein Mandant habe auch deswegen nicht klein beigeben wollen, weil es in seiner und den umliegenden Straßen zig ähnliche Dächer, Veranden und Wintergärten gebe. Davon konnte sich ein Richter des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen, bei dem die Angelegenheit schließlich landete, beim Ortstermin im Mai 2014 ein Bild machen. „In den Nachbargärten sah er etliche Nebenbauten, obwohl das Gebiet als Wald ausgewiesen ist“, sagt Lamm. Darum habe der Richter seinem Mandanten auch keine Hoffnung auf eine Genehmigung der Überdachung machen können.

Dieser Tage zog der Mann seine Klage zurück; zuvor aber hatte er dem Gericht eine Liste mit 114 vermutlich ungenehmigten Anbauten am Höseler Weg, am Sommers- berg, an der Charlottenhofstraße, am Sengenholzer und am Klipper Weg in Kettwig überreicht. Und zwar nicht, weil er erreichen wolle, dass auch zig Nachbarn ihre teils kostspieligen Anbauten beseitigen. „Wir sagen vielmehr, dass die vielen vergleichbaren Fälle dokumentieren, dass die Stadt stillschweigend auf die Einhaltung der Bestimmungen verzichtet hat“, sagt Lamm.

Von wegen, erwidert Amtsleiter Graf: Es werde nun sorgfältig geprüft, was illegal ist und wo man nur versäumt hat, einen Bauantrag zu stellen. Auch sehe man sich an, wie weit die betroffenen Gärten ins Landschaftsschutzgebiet ragen. „Am Ende kann eine Beseitigung einiger der Bauten stehen. Die Sorge kann ich den Anwohnern nicht nehmen.“ Viele von ihnen nehmen das Thema bislang gelassen: „Gartenhäuschen – haben wir doch alle“, sagt eine schulterzuckend. Eine Nachbarin hielte viel davon, wenn die Stadt genauer hinsieht: „Gegen einen Schuppen für den Rasenmäher hat ja niemand was. Aber hier gibt’s Leute, die bauen Terrassen im Riesenformat, mauern die über Nacht zu und freuen sich über ein großes Wohnzimmer – während die ehrlichen Nachbarn im Mini-Raum sitzen.“

Weil das Thema Zündstoff birgt, ist auch die Politik aufgeschreckt: Heute soll die Bauaufsicht dem Planungsausschuss erklären, wie illegale Carports oder Pools so lange unentdeckt bleiben konnten. „Und“, verspricht der Vize-Ausschussvorsitzende Guntmar Kipp-hardt: „Wir suchen eine Lösung, die die Interessen aller wahrt.“