In Essen will jetzt eine Bürgerwehr auf die Straße gehen

Das Unperfekthaus gegenüber dem Einkaufszentrum Limbecker Platz ist als Kreativquartier ein Treffpunkt von Künstlern, Intellektuellen.
Das Unperfekthaus gegenüber dem Einkaufszentrum Limbecker Platz ist als Kreativquartier ein Treffpunkt von Künstlern, Intellektuellen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
  • Besorgte Bürger wollen für mehr Sicherheit in Essen sorgen
  • Viel Kritik an mutmaßlich rechtspopulistischen Mitgliedern
  • Kritik an Unperfekthaus-Gründer Wiesemann für seine Unterstützung

Essen.. Bürgerwehren schießen in diesen unruhigen Tagen wie Pilze aus dem Boden. Jetzt schließen sich besorgte Bürger auch in Essen zusammen. Der Freiwilligen-Verband will sich „Bürger (Wehr) Essen“ nennen. Das bestätigte ihr Sprecher Pierre Müller aus Kettwig dieser Zeitung. Weitaus erstaunlicher als die Gründung an sich ist der Ort, an dem sich diese besorgten Essener Bürger an diesem Freitag versammeln. Es handelt sich um das Unperfekthaus, eine Vorzeige-Adresse der regionalen Kreativszene.

Unperfekthaus Dessen Inhaber und Gründer Reinhard Wiesemann hat am Donnerstag demonstrativ eine Lanze für die Bürgerwehr-Leute gebrochen und eindringlich davor gewarnt, sie in die rechtsextreme oder gar neonazistische Ecke zu rücken. „Wir sollten einfach akzeptieren, dass sich Leute für die Sicherheit in dieser Stadt engagieren“, sagte Wiesemann dieser Zeitung.

Initiativen distanzieren sich

In einem ausführlichen, auch übers soziale Netzwerk Facebook verbreiteten Rundschreiben begründet der Unperfekthaus-Inhaber sein Engagement für diese private Sicherheits-Initiative. Er verweist auf positive Beispiele in den Vereinigten Staaten, auf so genannte „Neighborhood-Watch-Areas“ (auf Deutsch soviel wie „nachbarschaftliche Beobachtungsgebiete“) und Initiativen wie die „Guardian Angels“ („Schutzengel“).

Unterdessen distanzieren sich schon zahlreiche Essener: sowohl von der Bürgerwehr als auch vom Unperfekthaus. Max Adelmann, Sprecher der Initiative „Essen stellt sich quer“, sieht in den Sympathisanten der Essener Bürgerwehr nach einer ersten Sichtung ihrer Facebook-Profile vor allem rechtsextreme Hooligans sowie Unterstützer von Pegida und Dugida (Duisburger). Der Künstler Daniel Derg (Atelierhaus Essen) fühlt sich abgeschreckt durch den „rechtsextremen Stumpfsinn“ im Umfeld der Bürgerwehr. Und Facebook-Nutzer Jan S. ätzt so gegen das Unperfekthaus: „Ihr kuschelt grad mit dümmsten Faschotrotteln und feiert euch noch dafür.“

Unperfekthaus kritisiert "Shitstorm"

Am Donnerstagnachmittag verbreitete Bürgerwehr-Sprecher Pierre Müller das erste offizielle Statement dieser „unpolitischen“ Gruppe. „Wir sind kein Haufen von Schlägern oder Neonazis, wir sind besorgte Bürger“, heißt es darin, „wir werden durch Essens Straßen laufen, nur um da zu sein.“ Hetze und Gewaltverherrlichungen würden strikt abgelehnt. Ausdrücklich akzeptiert die Bürgerwehr das Gewaltmonopol des Staates. Man wolle „böse Buben“ von Straftaten abbringen und werde wichtige Beobachtungen an die Polizei weiterleiten. In Anspielung auf Notwehr-Situationen heißt es dann aber: „Bei akuten Handlungen, wo ein sofortiges Eingreifen nötig ist, werden wir dies zum Schutz zum Beispiel des Überfallenen tun.“

Das Unperfekthaus kritisiert den „Shitstorm“ und verteidigt das Bürgerwehr-Treffen am Freitag. „Wenn jetzt massenweise Leute das Unperfekthaus mit nur einem Stern bewerten und versuchen, unseren Ruf zu ruinieren, dann ist das eine sehr faule Reaktion.“

Bürgerwehr-Sprecher Pierre Müller weist auf die Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium hin. Die Polizei werde im Unperfekthaus „vor Ort sein, um uns aufzuklären, was wir dürfen, können, sollen und was nicht“.