In einer stillen Welt

Bernd Lindemann zeigt das Wort für „Oma“. Dabei symbolisiert der Kurslehrer einen für ältere Damen typischen Dutt.
Bernd Lindemann zeigt das Wort für „Oma“. Dabei symbolisiert der Kurslehrer einen für ältere Damen typischen Dutt.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
An der Volkshochschule Essen kann die Gebärdensprache bei drei Dozenten erlernt werden. Die Intentionen der Teilnehmer ist völlig unterschiedlich. Einige lernen sie für den Beruf, andere, weil sie es müssen

Essen.. Ganz aufgeregt wischen, zeigen und greifen dreizehn Studenten mit ihren Fingern in die Luft. So unterschiedlich die Bewegungen teilweise noch aussehen, sie alle verfolgen das gleiche Ziel: Die von VHS-Kursleiter Bernd Lindemann an die Tafel geschriebenen Zahlen in Gebärdensprache wiederzugeben. „Das ist gar nicht so einfach“, bemerkt Jasmin Oerters. Und dennoch schafft es die 42-Jährige ihrem Lehrer eine 842 darzustellen – acht Finger mit einem Ruck nach unten, dann Daumen- und Zeigefinger für die zwei hochhalten und für die Vierzig vier Finger so bewegen, als würden sie von unten etwas greifen.

Doch wieso erlernen hörende Menschen überhaupt die Gebärdensprache? Die Beweggründe der Teilnehmer, einen der acht pro Semester angebotenen Kurse an der Volkshochschule zu besuchen, könnten kaum unterschiedlicher sein. Während eine Studentin den Kurs besucht, um selbst einmal als Dolmetscherin zu arbeiten, so möchte eine ehemalige Lehrerin rein aus Interesse nach der Blindenschrift die Gebärdensprache erlernen. Ärztin Agathe Alexander nutzt die Zeit des Mutterschutzes: „In meinem Beruf könnte die Sprache sicher helfen. Ich habe mit so unterschiedlichen Menschen zu tun“, sagt die junge Mutter, „außerdem ist es eine wirklich schöne Sprache.“

„Hörende sind meist unsicher“

Und dann geht es weiter. „Die Familie“ steht auf dem Plan. Bernd Lindemann, von allen nur Beli genannt, macht vor wie es geht. Dabei behilft er sich einer Liste mit Vokabeln, die er von oben nach unten durchgeht. So ist gewährleistet, dass jeder weiß, über was gerade gebärdet wird. Agathe und die dreizehn anderen Teilnehmer schreiben aufgeregt mit.

„Die Finger an den Mund und den Schnäuzer nachziehen“, murmelt Jasmin Oerters vor sich hin, während sie das Wort „Opa“ beschreibt. Sie arbeitet seit sechs Monaten in einem Behindertenheim und hat sich das Ziel gesetzt, mit den gehörlosen Bewohnern fließend in ihrer Sprache zu kommunizieren. „Das Schöne ist, dass die meisten Zeichen ein Bild ergeben“, sagt Oerters. So werden zum Beispiel bei „Baby“ die Arme von links nach rechts gewogen, bei „verheiratet“ ein imaginärer Ring an den Finger gesteckt und bei „Mama“ mit zwei Fingern über die Wange gestrichen.

Kursteilnehmerin Sabine Weidenfeller hatte nicht das Glück sich aussuchen zu können, ob sie die Gebärdensprache erlernen möchte oder nicht. Die 38 Jahre alte Frau hat vor zwei Jahren ihr Gehör verloren – bei der Schwangerschaft ist sie ins Koma gefallen und taub wieder erwacht. „Ich kann zwar nicht mehr hören, aber wenigstens sprechen“, sagt Weidenfeller, die sich, wie es scheint, gut mit der Situation arrangiert hat. So hat sie sich darauf spezialisiert von den Lippen abzulesen und gleichzeitig in Laut- sowie Gebärdensprache zu antworten.

Lautloses Sprechen

Genau wie Bernd Lindemann. Deswegen achtet er darauf, dass die Kursteilnehmer während der Gebärde lautlos sprechen. „Es gibt viele unterschiedliche Typen“, wie Lindemann schreibt – die Beantwortung der Fragen erfolgt schriftlich. Beli ist nicht von Geburt an taub, sondern hat durch eine Gehirnhautentzündung mit zweieinhalb Jahren sein Gehör verloren. Da seine Eltern nicht gebärden können, musste er sprechen und vom Mund ablesen.

Den Kursteilnehmern kommt es zugute, wenn Lindemann Wörter und Sätze spricht – das macht er allerdings nur, wenn es nicht anders geht. „Demnach ist auch die Bezeichnung taubstumm falsch. Selbst von Geburt an gehörlose Menschen geben unterstützende Laute von sich“, erklärt Sabine Weidenfeller. Kommunikationsprobleme gibt es zwischen den Studenten und Lehrer wider Erwarten kaum. „Wir können uns immer mit Mimik und Gestik und notfalls schriftlich verständigen“, so Lindemann. Viel mehr Probleme gäbe es auf der Straße. Der seit 1994 an der Volkshochschule lehrende Mülheimer hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Er vermutet, dass Hörende meist aus Unsicherheit abweisend reagieren und, weil sie kaum etwas über Gebärdesprache wüssten.

Agathe Alexander, Jasmin Oertes und die anderen Kursteilnehmer haben diese Unsicherheit nicht. Wenn die Handbewegungen etwas flüssiger laufen und sie über ein größeres Repertoire an Vokabeln verfügen, werden sie bewusst den Kontakt zu Gehörlosen suchen, um mehr über deren stille Welt zu erfahren.