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In der Welt der Waschmaschinen

23.01.2015 | 00:11 Uhr

Essen. Jannik Engel ist anders als seine Altersgenossen. Der 17-Jährige ist fasziniert von Waschmaschinen. Statt Fußball zu spielen oder ins Kino zu gehen, beschäftigt er sich stundenlang mit Elektro-Großgeräten. Er kennt jedes Teil und seine Funktion, hört kleinste Abweichungen beim Betriebsgeräusch, liest Fehlercodes aus – und behebt den Schaden. „Die ist kaputt“ – dieser Satz existiert für Jannik nicht. Er tüftelt so lange, bis das Gerät wieder ordnungsgemäß das macht, wofür es gebaut wurde: waschen.Seine Affinität zu Waschmaschinen ist eine Inselbegabung. Denn Jannik ist Autist, hat das Asperger-Syndrom, eine angeborene Störung, die sich auf sein Kontakt- und Kommunikationsverhalten auswirkt – und die eben mit einer besonderen Fähigkeit gekoppelt ist.

Angst vor vielen Menschen

Vor großen Menschenansammlungen hat Jannik Angst, die er nur mit viel Mühe in den Griff bekommt. Busfahren zur Hauptverkehrszeit war bis vor kurzem unmöglich. „Zu viele Eindrücke. Janniks Gehirn kann nicht filtern. Er hört und sieht Dinge, die andere gar nicht wahrnehmen“, erklärt seine Mutter Iris Engel (52).

Der Holsterhauser fürchtet sich vor allem, was neu ist. Ereignisse, die für andere eine Lappalie sind, bringen Jannik aus dem seelischen Gleichgewicht. „Als er noch in Essen zur Schule gegangen ist, habe ich ihn mit dem Auto abgeholt. Wenn ich mich nur ein paar Minuten verspätet habe, war Jannik schon in Panik“, erinnert sich Iris Engel. Jannik nahm sicherheitshalber immer ein Navi mit in die Schule, „falls ich tatsächlich einmal allein nach Hause finden muss“, sagt der Schüler, der seit ein paar Tagen ein Förderschul-Berufskolleg in Wetter-Volmarstein besucht.

Janniks ganz spezielle Vorliebe zeigte sich bereits im Kindergartenalter. Er saß stundenlang vor der laufenden Waschmaschine und war total fasziniert. Im Kindergarten beschäftigte er sich fast ausschließlich damit, aus Kartons Waschmaschinenmodelle zu bauen. Als Janniks Oma zum Spaß angekündigte, ihm eine Lkw-Ladung mit Kartons zu Weihnachten zu schenken, war die Vorfreude groß. Und die Enttäuschung ebenfalls, als die Oma statt der Kartons doch etwas „Richtiges“ schenkte, erinnert sich die Mutter.

Die Einschulung war ein Fiasko. Jannik wollte partout nicht in die Schule, klagte über Kopf- und Bauchschmerzen, schwänzte später immer wieder den Unterricht. Die Mutter lief mit Jannik von Arzt zu Arzt, suchte Psychologen auf. Von Autismus war damals nie die Rede. „Jannik wurde lange mit Medikamenten wegen einer möglichen Aufmerksamkeitsstörung behandelt. Ohne Erfolg. Davon hat er nur noch Schlafstörungen bekommen“, sagt Iris Engel, die sich irgendwann entschied, ihm die Pillen einfach nicht mehr zu geben, sich langsam auszuschleichen. Dass es sich nicht um ADHS handelt, vermutete die Mutter schon lange. „Eine meiner älteren Töchter ist davon betroffen. Und bei ihr hat es sich ganz anders geäußert.“

Einzelgänger

Vor fünf Jahren war dann endlich klar: Jannik hat das Asperger-Syndrom. Noch immer ist der Holsterhauser in psychologischer Behandlung, hat schon viele Fortschritte gemacht. „Ich fahre inzwischen allein mit dem Bus, wenn auch ungern zu den Hauptverkehrszeiten, wenn er total überfüllt ist“, sagt Jannik. Bis heute ist der 17-Jährige Einzelgänger, Freunde hat er nicht. Das sei einerseits schade, findet Jannik. Andererseits möchte er auch nicht auf Leute angewiesen sein, die dann vielleicht nicht zuverlässig sind. Das sei ihm schon diverse Male passiert.

Fast jede freie Minute beschäftigt er sich mit defekten Waschmaschinen, die er entweder im Sperrmüll am Straßenrand entdeckt oder im Internet für wenig Geld kauft oder ersteigert. Rund 30 Maschinen hat er in den vergangenen Jahren bereits repariert und wieder verkauft. „Das Geld stecke ich in weitere defekte Maschinen und in Ersatzteile“, erklärt der Schüler, der auch gern liest. „Allerdings keine Romane oder so etwas. Jannik liest in seiner Freizeit oft stundenlang die Fehleranalysen von Waschmaschinen“, weiß die Mutter, die mit den Eigenheiten ihres Sohnes inzwischen gut umgehen kann.

Janniks Berufswunsch steht fest – und ist wenig überraschend: Hausgerätetechniker. „Eigentlich müssten sich die Elektrofirmen um Jannik reißen, aber als Förderschüler bekommt er nicht einmal ein Praktikum“, ärgert sich die Mutter. Jannik hofft nach diversen Schulwechseln nun, zumindest den Hauptschulabschluss, besser noch das Abi zu schaffen. Und vielleicht interessiert sich ja doch eine Firma für Jannik und sein besonderes Verhältnis zu Waschmaschinen.

Elli Schulz

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In der Welt der Waschmaschinen
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2015-01-23 00:11
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