In der Fastenzeit ist weniger mehr

42 Prozent der Bewohner in Werden, Fischlaken, Schuir und Heidhausen sind laut Angaben des Amtes für Statistik katholisch: Kein Wunder, dass hier nicht wenige in diesen Tagen die katholische Tradition des Fastens pflegen. Darunter verstehen viele nicht nur den Verzicht auf Alkohol und gutes Essen, wie eine Umfrage unter Werdener Persönlichkeiten gezeigt hat.

Verzicht sei ein ziemlich negatives Wort, findet Propst Jürgen Schmidt von der Pfarrei St. Ludgerus. „Für uns Christen bedeutet Fasten die Umkehr und die neue Hinwendung zu Gott.” Die Verstärkung des Gebets und das Achten der Werte der Nächstenliebe seien Aspekte des Fastens, die nichts mit Verzicht zu tun hätten. Folgerichtig gebe es auch kein Fastenbrechen im Christentum: Das sei eine muslimische Tradition. „Wir freuen uns in diesen Tagen aufs Osterfest, bei dem die Gläubigen eingeladen sind, sich Gott neu hinzuwenden, und feiern dies mit einem großen Fest.” Auch wenn zu diesem Anlass bei vielen Familien geschlemmt werde, stehe die Gemeinschaft im Vordergrund und nicht das Essen.

Als Protestant möchte Klaus Baltes lieber von „Passionszeit” sprechen, denn: „Die Reformation griff durch alle Traditionen hindurch unmittelbar auf die Bibel zurück: Dort findet sich kein Fastengebot.”

Eine Verpflichtung sieht der Pfarrer der Evangelische Gemeinde Heidhausen daher nicht.

Er habe dafür geworben und auch selbst versucht, über sieben Wochen hin jede Abwertung, die andere äußern, schlicht zu ignorieren und in dieser Zeit auch selbst niemanden abzuwerten: „Nicht den bummeligen Autofahrer vor mir, der nach zehn Sekunden Grün noch immer steht, nicht die Quasselige vor mir, die an der Kasse kurz den Schultag ihrer Tochter erzählt, statt zu zahlen, usw.” In solchen Situationen habe er versucht, einen Moment innezuhalten und herauszufinden, wieso er sich aufregt. „Sind die andern wertlos, oder bin ich vielleicht unausgeglichen?” Dadurch erfahre man viel über sich selbst. Deshalb habe er sich vorgenommen, auch nach Ende der Fastenzeit nicht damit aufzuhören.

Durch das Fasten erfahre manviel von sich selbst

Stefan Loos vom Essener Gitarrenduo sieht die Fastenzeit da traditioneller: Er versucht, den Konsum von Alkohol, Zigaretten und Fleisch einzuschränken – auch wenn er dabei nicht mehr so konsequent vorgeht wie in früheren Zeiten: „Vor Jahren hab ich ein paar Mal konsequent gefastet”, erinnert er sich. „Ich hätte nicht geglaubt, wie gut danach die einfachsten Dingen schmecken: das erste Brötchen, der erste Schluck Bier, selbst purer Reis!” Heute verzichtet er allerdings lieber auf dieses Erlebnis: „Ich unterzuckere sonst und kriege dann ziemlich schlechte Laune.”

Auch für einen Koch ist das Fasten nicht leicht, sagt Patrick Jabs von der Kochschule Lecker Werden. „Bei unseren Kursen muss ich natürlich auch den einen oder anderen Gang mitkosten.” Vom Kalender lasse er sich deshalb nicht die Fastenzeit vorschreiben.

Dennoch gebe es auch für ihn Zeiten des Verzichts. „Wenn ich zum Beispiel für einige Wochen keinen Alkohol trinke, mache ich das nicht aus religiösen Gründen, sondern für mich und meine Gesundheit”, betont der Fernsehkoch und schätzt: „Das geht wohl den meisten Menschen so.”

Das Fastenbrechen zur Osterzeit spielt für ihn dennoch eine Rolle – schon allein aus beruflichen Gründen: „Wir verwandeln am Gründonnerstag unsere Kochschule in ein temporäres Pop-Up-Restaurant – das machen wir mehrmals im Jahr vor besonderen Feiertagen”, so Jabs. Dieses kollektive Fastenbrechen ist offenbar beliebt: Alle Plätze für Gründonnerstag sind bereits ausgebucht.

Für die Kirchenmusikerin Sabine Hille spielt die Fastenzeit eine große Rolle. „Gerade nach der Weihnachtszeit, in der wir alle über Wochen mit vielen süßen und deftigen Leckereien geradezu überschüttet werden, ist es mir wichtig, dass es im Jahr auch eine Zeit gibt, in der wir einen bewussten Verzicht leben und für mich deutlich wird, wie gut es uns eigentlich geht”, sagt Hille. Da sie regelrecht süchtig nach Süßigkeiten sei, habe sie in diesen Tagen versucht, komplett darauf zu verzichten. „Inzwischen finde ich es gar nicht mehr so schlimm, der Anfang allerdings kostete schon einiges an Disziplin”, lächelt sie. Zum Fastenbrechen am Ostersonntag will sie sich beim gemeinsamen Familienessen einen leckeren Nachtisch gönnen. „Was genau es sein wird, steht noch nicht fest, aber ich freue mich schon sehr darauf!”