Im Wein liegt Wahrheit

Was wir bereits wissen
Wolfgang Kintscher, Leiter der NRZ-Stadtredaktion Essen, schreibt über die städtische Grundstücksverwaltung GVE.

Essen..  Als Reinhard Paß am Donnerstagabend von seiner Dienstreise nach Berlin heimkam, da gönnte sich der Oberbürgermeister, wie wir seinem Facebook-Eintrag entnehmen können, erstmal ein gutes Glas Wein. Auf dem Etikett stand „Ohne viel Worte!“, und der OB fand, „diese Flasche passt irgendwie zu mir“.

Sagen wir mal so: Es hätte dem Stadtoberhaupt in der Tat gut angestanden, sich ein paar jener Worte zu verkneifen, die er tags zuvor zur Finanzaffäre um die städtische Grundstücksverwaltung GVE verlor. Denn dass ausgerechnet Paß den GVE-Aufsehern kaum verhohlen persönliche Konsequenzen nahelegte, wo er doch selbst als Aufsichtsratschef der Entsorgungsbetriebe vom jahrelangen fragwürdigen EBE-Treiben so gar nichts mitbekommen haben will – das spricht dafür, dass hier jemand auf die Schnelle politisches Kapital aus einer Schieflage schlagen will.

Paß ist da augenscheinlich nicht der einzige, die üblichen Verdächtigen zeigen die üblichen politischen Reflexe. Man kann wohl nicht anders, obwohl noch unklar bleibt, wer sich da was wo hat zu Schulden kommen lassen, und wer davon was wann wusste. Es fällt nur auf, dass der sicher etwas zu sorglos agierende GVE-Geschäftsführer Andreas Hillebrand, der das klebrige und mit immer neuen Kostenfrachten belastete Stadionprojekt managte und der noch vor 15 Monaten gut genug war, Feuerwehrmann bei der EBE zu spielen, derart in Ungnade gefallen ist, dass nicht zuletzt der OB ihn fallen lässt wie eine heiße Kartoffel. Das war, wir erinnern uns, bei EBE-Chef Klaus Kunze noch ganz anders.

Offenbar sind alle Beteiligten affärentechnisch etwas abgestumpft, oder warum erträgt die SPD so stoisch, wie der eigene OB nun, da es ihm in den Kram passt, auch die Sozis im Aufsichtsrat am Nasenring durch die Manege führt? Daneben sucht er den politischen Streit für einen Mitarbeiter im eigenen Büro, während er zeitgleich der Baudezernentin einen Tritt verpasst. Seltsam.

Und dürfen wir daran erinnern, welchen Anfeindungen sich die NRZ ausgesetzt sah, als sie im Februar 2012 (!) über die in Wahrheit viel höheren Stadionkosten schrieb? Damals wurde eilends eine Ratsvorlage gezimmert und der Schlachtruf „Transparenz ist nachholbar“ geboren. Dieser ist jetzt aktueller denn je: Her mit der Transparenz, wir wollen reinen Wein eingeschenkt bekommen. „Ohne viele Worte“, die machen einen nur besoffen.