Im Hörsterfeld wollte man damals alles anders machen

Viele Eigentümerfirmen teilen sich die Blöcke der Hochhaussiedlungen am Ostrand der Stadt – entsprechend unterschiedlich sind die Zustände der Bauten. Manche sind sehr gepflegt, und die Leute wohnen gerne dort, andere machen einen verwahrlosten Eindruck.
Viele Eigentümerfirmen teilen sich die Blöcke der Hochhaussiedlungen am Ostrand der Stadt – entsprechend unterschiedlich sind die Zustände der Bauten. Manche sind sehr gepflegt, und die Leute wohnen gerne dort, andere machen einen verwahrlosten Eindruck.
Foto: WAZ FotoPool
Die Hochhaussiedlungen am Ostrand der Stadt stehen für eine Zeit des Aufbruchs - politisch und stadtplanerisch. Doch die Quartiere verkamen in Teilen zu sozialen Brennpunkten. Trotzdem wohnen immer noch viele Menschen gerne hier.

Essen.. „Hier entsteht ein neues Zukunftsland, das mit bisherigen Maßstäben nicht gemessen werden kann. Hier wird Wirklichkeit, was in einem Jahrhundert versäumt worden ist: Menschenwürdige Wohngelegenheiten in freier landschaftlich reizvoller Umgebung, verkehrsgerechte Straßen und Plätze ohne düstere Häuserzeilen mit unfreundlichen Hinterhöfen.“

Die WAZ über die neue Siedlung Bergmannsfeld, 14. Juni 1969.

Warum sind Hochhaussiedlungen am Stadtrand ein „besonderer Ort“? Weil es ja schon mit den Straßennamen anfängt. Geschwister Scholl. Von Ossietzky. Mierendorff. Im Hörsterfeld sind die Straßen nach linken Widerstandskämpfern im „Dritten Reich“ benannt. Bauen und Planen von neuen Wohnvierteln wurde damals, in den Sechzigern, im Land von Willy Brandt, als politischer Auftrag verstanden.

Entstehen sollte das moderne, das bessere Deutschland; es ist nicht nur die in Beton gegossene Utopie, dass alle in gleichen Verhältnissen leben sollten. Es war vermutlich auch schlicht der Wunsch nach trockenen, hellen Häusern, in denen das Klo nicht auf halber Treppe liegt, und in der man nicht zum Kohleholen in den Keller muss. Nachtspeicherheizung! War mal modern und galt als sauber, günstig.

Und jetzt? Leiden Trabantenstädte wie Hörster- oder Bergmannsfeld unter ihrem schlechten Ruf. Es gibt immer noch Blöcke mit Nachtspeicherheizungen und Alu-Fenstern. Die Kombination ist, energietechnisch gesehen, so ziemlich das Ungünstigste, was man sich vorstellen kann. „Einige Hauseigentümer haben einen ziemlichen Sanierungsstau aufkommen lassen, dort liegt die Leerstandsquote bei über 50 Prozent“, sagt Martin Breetzke-Stahlhut, der seit mehr als 20 Jahren als evangelischer Pfarrer im Hörsterfeld arbeitet. Zuletzt seien auch viele Altbewohner genau deshalb weggezogen; jene, die bis zuletzt ihrem Viertel die Treue hielten.

Denn so schlecht wie das Image der Betonburgen der Oststadt auch ist: Viele Leute leben gern hier. Bis zur Ruhr sind es nur wenige Minuten, die Luft ist gut wegen der Höhenlage, es gibt viel Grün mittendrin und drumherum. Die Bewohner fühlten sich „insgesamt erstaunlich wohl“, konstatierte Historiker Christoph Wilmer in einem Aufsatz über das Bergmannsfeld für das „Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur“.

Essen entdecken Fehler wurden in den Achtzigerjahren in der Belegungspolitik gemacht: Die Stadt schickte ihre Sozialfälle und Spätaussiedler im großen Stil in die freien Wohnungen; regelrechte Ghettos entstanden, das Volk sprach spöttisch von „Mau-Mau-Siedlung“, so verkam der Ruf. Und nach und nach auch die Bau-Substanz, zumindest teilweise, zumindest dort, wo die Eigentümerfirmen weit weg sind. Es heißt: Firmen wie die städtische Allbau kümmerten sich bis heute vorbildlich; Unternehmen wie die amerikanische „General Electric“, denen auch ein paar Blöcke gehören, nicht so sehr. Stimmt: Das sind die mit den Alu-Fenstern.

Man übersieht leicht, dass in den hohen Häusern auch Eigentumswohnungen sind, die von ihren Besitzern gut in Schuss gehalten werden, dass es Flure und Blöcke gibt, die nicht unwirtlich, sondern einladend wirken, und doch: Die Ladenstraße im Hörsterfeld steht fast ganz leer, ein trauriger Ort. Und doch: Von ganz oben, vom 13. Stock, hat man einen atemberaubenden Blick, magisch ist das hier.

Anschauungen, Absichten, Aufbruchstimmung, guter Wille und am Ende auch Resignation, zumindest hier und da – die Siedlungen der Oststadt sind Stein gewordenes Denkmal für sehr vieles. Sie sind sehr ungewöhnliche Orte.