Im Extremfall droht die Kündigung

Einer der Hauptgründe für die häufigen Krankheitsausfälle bei der Essener Verkehrsgesellschaft sind die immer älter werdenden Mitarbeiter. Nur 28 Prozent sind jünger als 40 Jahre. Den größten Anteil machen mit 38 Prozent die 50- bis 65-Jährigen aus, dicht gefolgt von den 40- bis 50 Jährigen (34 Prozent). „Mit zunehmendem Alter steigen die Fehlzeiten stark an. Und wir haben einen riesigen Altersbuckel“, gibt Personalleiter Hausmann zu bedenken. „Hier müssen wir ansetzen.“

Die Evag wollte mit Sport-, Entspannungs- und Stressbewältigungskursen für mehr Fitness beim Personal sorgen. Die aber sind jetzt gestrichen. „Wir haben kein Geld dafür. Obwohl wir wissen, dass uns die Fehlzeiten um die Ohren fliegen“, bedauert Hausmann.

Auf die Prävention will er aber nicht verzichten. Möglichkeiten bietet der Tarifvertrag Demografie, wonach ein Prozent der Bruttolohnsumme für Projekte für ältere Mitarbeiter ausgegeben werden sollen. Beim Essener Verkehrsbetrieb wären das rund 650.000 Euro im Jahr. Die sollen vor allem dafür verwendet werden, Fahrer möglichst zu entlasten. So sollen vor allem Jüngere Linien übernehmen, die besonders lang oder wegen hoher Verkehrsdichte besonders starke Nerven erfordern. Auch könnten Dienstpläne so geändert werden, dass ältere Fahrer zwischen zwei Fahrten mehr Zeit haben und nicht mehr bis spät in die Nacht fahren müssen.

Das Konzept ist noch in Arbeit und wird gerade Punkt für Punkt mit dem Betriebsrat besprochen. „Vielleicht haben wir bis zum Sommer eine Einigung“, hofft Hausmann. Die soll dann gleich auch für drei Jahre gelten. „Dann wissen wir, ob sich das nachhaltig positiv ausgewirkt hat.“

Der Personalchef setzt noch auf eine andere Strategie. „Wir müssen die Fahrer aus der Anonymität der Krankheit herausholen.“ Auch um ihre Motivation wieder zu stärken. Um ihnen deutlich zu machen, dass sie wichtig sind, dass sie gebraucht werden. „Damit nicht der Eindruck entsteht, dass es nicht auffällt, wenn man krank ist“, so Hausmann. Denn viele Fahrer, die wieder ihren Dienst antreten, sehen ihren Chef gar nicht. Sie sind gleich wieder einer Linie zugeteilt. Mancher kommt sich da wie eine Nummer vor.

Das soll anders werden, „Da sind wir seit Anfang des Jahres dran“, berichtet Mario Wunsch, zuständig für das betriebliche Gesundheitsmanagement. Jeder Fahrer, der wieder gesund ist, „soll persönlich vom Fahrmeister begrüßt werden, bevor er wieder auf den Bock steigt“, so Hausmann. Einfach auch, um seinen Kollegen zu sagen: „Schön, dass Du wieder da bist.“

Diese Rückkehrer-Gespräche sollen obligatorisch eingeführt werden, ebenso jährliche Fürsorge-Gespräche mit dem Vorgesetzten, bei dem auf die persönliche Situation des Einzelnen und seine Wünsche eingegangen werden soll.

Loben und fördern – das soll die eine Seite sein. Die andere: der mahnende Zeigefinger. Für Mitarbeiter, die wegen ihres hohen Krankenstandes besonders auffallen und sich keine Verhaltensänderung abzeichnet, soll es sogenannte „Fehlzeiten-Gespräche“ geben. Hausmann: „Das wäre der letzte Warnschuss.“ Auch hier geht es um eine gemeinsame Lösungssuche. Dem Betroffenen soll aber auch klar gemacht werden, was ihm andernfalls droht: die krankheitsbedingte Kündigung.