Ihr Eheglück begann am Kanonenofen

Bochold..  „Mal sehen, ob sie das zulässt“, sagt Franz Bülles (96) mit einem verschmitztem Lächeln im Gesicht und legt seinen Arm zärtlich um die Schulter seiner Frau Herta (90). Dass er dies zum ersten Mal gemacht hat, ist schon lange her. Das Ehepaar feierte am Mittwoch Eiserne Hochzeit, geht seit 65 Jahren gemeinsam durchs Leben.

Als sie 1950 heiraten, haben sie wie viele Menschen in dieser Zeit entbehrungsreiche Jahre hinter sich. Herta Bülles, auf einem Bauernhof in Skottau in der Nähe des ostpreußischen Neidenburg aufgewachsen, kam aus einem Vertriebenenlager jenseits des Urals nach Essen. Franz Bülles, in Dellwig geboren, kehrte aus russischer Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt zurück. Kennen gelernt haben sie sich über Herta Bülles Schwester. „Ich war erstaunt, was ich da vorfand, und habe mich gleich verliebt. Ich habe dat Mädchen gesehen und gleich festgehalten“, erzählt der 96-Jährige von der ersten Begegnung. An eine gemeinsame Wohnung war nicht zu denken. Ehepaare kamen schneller an ein Dach über dem Kopf. „Da haben wir geheiratet, aber nicht nur wegen der Wohnung“, betont Franz Bülles. Wohnung wäre nach heutigen Maßstäben maßlos übertrieben. Ein Zimmer am Bergheimer Steig in Dellwig mit einem Kanonenofen drin. „Aber wir waren für alles dankbar“, sagt Herta Bülles. Und man habe sich das Zimmer gemütlich gemacht, fügt ihr Mann hinzu. Nach einiger Zeit zogen die Bülles in eine größere Wohnung – drei Zimmer in der Nachbarschaft. Franz Bülles, der gelernte Maler, machte seinen Meister („Da habe ich einen Vogel gekriegt“), gründete einen eigenen Betrieb. Seine Frau arbeitete bis zum Rentenalter bei Karstadt in der Haushaltswarenabteilung.

Anfang der 1970er Jahre erfüllte sich der schon immer gehegte Wunsch nach einem Eigenheim. Bevor es dort allerdings so gemütlich wurde, wie es heute ist, mussten beide kräftig anpacken. „Jeden Abend nach der Arbeit haben wir im und am Haus und im Garten herumgewerkelt“, sagt Franz Bülles nicht ohne Stolz. Arbeit waren beide von Kindesbeinen an gewohnt. „Auf unserem Bauernhof habe ich als kleines Mädchen die Kühe gehütet oder bin hinter den Pferden beim Dreschen hergegangen und habe ihnen, wenn nötig einen Klaps gegeben, wenn es schneller gehen musste“, erinnert sich Herta Bülles.

Der Garten ist der ganze Stolz

Ein Erfolgsrezept für eine lange, glückliche Ehe haben sie nicht parat. Oder vielleicht doch? „Dass wir das alles zusammen durchgemacht haben“, sagt die 90-Jährige. Es sei schön, dass ihnen eine so lange gemeinsame Zeit vergönnt sei. „Dass heißt nicht, dass jeder nicht seine eigene Meinung hat und auch mal geschimpft wird“, erzählt Herta Bülles – und lächelt. Auch das gehöre dazu. Lange böse sein, so ist der Eindruck, können sie sich wohl nicht.

Wünsche haben sie nicht. „Wir haben doch alles, was wir brauchen“, sagt Herta Bülles und ihr Mann nickt. Dass es mit dem Sehen nicht mehr so gut klappt und auch das Hören mit den Jahren immer schwieriger wird, ist dem Alter geschuldet. Solange es geht, werden sie gemeinsam Spaziergänge machen und auch gelegentlich in die Borbecker Innenstadt gehen. Motorisiert sind sie nicht mehr. „Ich habe 1936 den Führerschein gemacht und bin bis vor zwei Jahren noch gefahren – und zwar immer unfallfrei“, erzählt Franz Bülles.

Der Garten hinter dem Haus mit den vielen farbenprächtigen Blumen ist der ganze Stolz des Ehepaars Bülles, das Sohn und Tochter sowie zwei Enkelkinder hat. Was das die Jubilare noch selbst in den Blumenbeeten machen können, machen sie auch. „Und wenn es in Arbeit ausartet, machen wir eine Pause“, sagt Franz Bülles.

Und da ist es wieder, das verschmitzte Lächeln in seinem Gesicht.