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„Ich bin mit den Nerven am Ende“

03.08.2010 | 15:04 Uhr
„Ich bin mit den Nerven am Ende“
Telefonaktion zum Thema "Schmerzen" in der Lokalredaktion der WAZ in Essen am 2. August 2010. vlnr. Dr. Rainer Kundt, Dr. Gunther Riest, Dr. Thomas Rampp, und Dr. Günther Fritsche. Klaus Micke / WAZ FotoPool

Essen.Nahezu pausenlos bimmelten die Telefone und zahlreiche Menschen mit langen Leidensgeschichten klagten den vier Experten am kurzen Draht ihr Leid.

Für die Telefonaktion rund ums Thema Schmerzen stellten sich Amtsarzt Dr. Rainer Kundt, der Allgemeinmediziner und Schmerztherapeut Dr. Gunther Riest, der Psychologe Dr. Günther Fritsche vom Westdeutschen Kopfschmerzzentrum am Uniklinikum und Dr. Thomas Rampp, Leiter des Instituts für Traditionelle Chinesische Medizin an den Kliniken Essen-Mitte, den Fragen der Anrufer.

Rückenschmerzen

Hintergrund
Akute Schmerzen sind ein Warnsignal

Jeder kennt das Gefühl des Schmerzes. Wenn’s nur gelegentlich zwackt oder drückt, so nimmt man’s hin. Aber wenn Schmerzen zur Dauerqual werden, können sie die Lebensqualität sehr einschränken. Insofern ist der akute Schmerz als Warnsignal für eine Ursache - beispielsweise eine Verletzung - die behandelt werden muss, vom chronischen Schmerz zu unterscheiden. „Mitunter kann man die Ursachen dann überhaupt nicht mehr erkennen“, erklärt Psychologe Dr. Günther Fritsche. „Der Schmerz verselbstständigt sich und stellt dann eine eigene Krankheit dar.“

Da chronischer Schmerz ein Zusammenspiel aus körperlichen und psychischen Faktoren ist, muss auch die Behandlung sehr differenziert erfolgen. „Bei der Medikation ist der Mediziner oft in einer Zwickmühle, denn es gilt auch Abhängigkeiten vorzubeugen“, erläutert Schmerztherapeut Dr. Gunther Riest. „Daher muss das Ziel sein, die Therapie möglichst breit aufzustellen und neben Medikamenten beispielsweise auch autogenes Training, Muskelentspannung oder Akupunktur einzubeziehen.“

„Rund 90 Prozent aller Menschen haben irgendwann in ihrem Leben mal Rückenschmerzen“, stellt Dr. Gunther Riest fest. Und auch zahlreiche Anrufer der Telefonaktion klagen ihr Leid „übers Kreuz“. So berichtet ein Mann über quälenden Rückenschmerz. „Ich hab’ das seit ein paar Tagen. Der Schmerz verstärkt sich bei Husten und ist so heftig, dass er mitunter sogar zu Kribbeln und Taubheitsgefühl in den Beinen führt.“ Dr. Riest rät dringend einen Hausarzt oder Orthopäden aufzusuchen. „Denn das hört sich sehr nach Bandscheibenvorfall an, eventuell ist auch ein Krankenhausaufenthalt notwendig.“

Ein anderer Mann klagt über Rückenschmerzen, die ihn seit Jahren quälen. „Selbst hohe Morphiumdosen helfen nicht.“ Linderung brächten seit kurzem Xylocain-Infusionen. Riest rät, die gewonnene Schmerzlinderung für Bewegung zu nutzen. „Zudem wäre eine andere Arznei-Kombination ratsam, um sich aus der Morphin-Medikation herauszuschleichen, denn es besteht die Gefahr von Abhängigkeit und Verstopfung“, so Riest.

„Nachts kommen die Schmerzen“, sagt eine weitere Anruferin. Eine Weile haben die Medikamente des Hausarztes geholfen, doch dann wurde es schlimmer. Inzwischen plagen sie andauernde Schmerzen im Rücken. „Mehr als ein paar Schritte kann ich gar nicht mehr laufen“, sagt sie. Akupunktur habe sie schon probiert, „hat aber nicht viel gebracht“. Dr. Rampp rät: „Ambulant können wir klären, ob Ihnen mit Physio- oder Elektrotherapie zu helfen ist.“

Kopfschmerzen

Seit etwa sechs Monaten plagt so genannter Spannungskopfschmerz eine 42-Jährige Frau. „Ich hatte nie zuvor Kopfschmerzen, und es belastet mich nun sehr.“ Gunther Riest sieht gute Chancen für eine Therapie. „Möglich wären Akupunktur, Muskelentspannungstraining, Biofeedback und spezielle Schmerztherapie.“

Spezielle Schmerztherapie

Seit zwölf Jahren plagt sich eine über 70-Jährige mit ihrer schweren Gicht. „Die Schmerzen sind so groß, ich kann’s kaum aushalten.“ Amtsarzt Dr. Kundt rät einen Rheumatologen aufzusuchen. „Und wenn Sie die Grunderkrankung im Griff haben, wäre eine Schmerztherapie sinnvoll.“

Nach zunächst erfolgreicher Kortisonbehandlung leidet ein 77-Jähriger nun wieder unter heftigen Schmerzen im Bein. „Das wird langsam lästig!“ Kundt rät zu Gefäßuntersuchung und Behandlung durch einen Schmerztherapeuten. Im Stadtgebiet gibt es verschiedene Möglichkeiten der Schmerztherapie sowohl im niedergelassenen wie klinischen Bereich.

Osteoporose

Über „wahnsinnige Schmerzen“ klagt eine Frau, die seit Jahren unter Osteoporose leidet und bereits zig Brüche erlitten hat. „Ich nehme so viele starke Schmerztabletten, aber sie helfen nicht, und mein Magen ist schon ganz kaputt.“ Dr. Riest: „Osteoporose lässt sich inzwischen gut behandeln. Vielleicht kann ein reines Morphinpräparat sowie eine Schmerztherapie helfen. Einen Versuch wäre es wert.“

Eine weitere Osteoporose-Patientin klagt, dass sie unter ständigem Medikamenteneinfluss lebe, „aber die Schmerzen gehen nicht weg – ich bin mit den Nerven am Ende“. Dr. Günther Fritsche verweist an einen Osteoporose-Fachmann und empfiehlt zugleich den Besuch eines Schmerztherapeuten, der als zentrale Instanz entscheidet, wie die Medikation der Patientin aussehen soll.

Eine 80-jährige Anruferin berichtet, sie habe seit ihrer Osteoporose-Erkrankung „brennende Schmerzen“ im Bereich des Gesäßknochens. „Ich hab teilweise schon vor Schmerzen geweint.“ Das Einzige, was ihr helfe, sei das Auflegen einer Wärmflasche. „Akupunktur könnte bei Ihnen einen Versuch wert sein“, sagt Dr. Thomas Rampp und betont zugleich die Bedeutung von Krankengymnastik. „Es ist sehr wichtig, den Bewegungsapparat fit zu halten, das hilft zusätzlich bei der Vorbeugung von Stürzen.“

Phantomschmerz

Eine Anruferin berichtet, dass ihr vor Jahren bei einer Operation das rechte Bein von der Hüfte abwärts amputiert wurde. Seitdem quälen sie Phantomschmerzen. Seit 15 Jahren bekomme sie hochpotente Schmerzmittel. „So lange sollte niemand so starke Medikamente nehmen, zudem verlieren viele Schmerzmittel schon nach drei Monaten ihre Wirkung, weil der Körper sich daran gewöhnt“, sagt Dr. Günther Fritsche Die Medikation müsse also dringend neu aufgestellt werden. Zudem könne auch die „Spiegeltherapie“ helfen. Dabei wird dem Gehirn unter Zuhilfenahme von Spiegeln vorgegaukelt, die fehlende Extremität sei noch vorhanden. „Bei Phantomschmerzen tut einem das fehlende Bein weh. Es sendet keine Signale mehr ans Gehirn, deshalb versucht das Gehirn durch Schmerz eine Reaktion hervorzurufen, die aber natürlich ausbleibt“, erklärt Dr. Fritsche das Phänomen.

Arthrose

Eine 82-jährige Anruferin beklagt, dass sie stark in ihrer Mobilität eingeschränkt sei: „Ich kann kaum 100 Meter laufen.“ Arthrose in allen Gelenken sorge für unerträgliche Schmerzen. Unglücklicherweise verträgt die Anruferin die Medikamente, die ihr Arzt ihr verschrieben hat, nur schlecht. Dr. Thomas Rampp rät zu einer Blutegel-Therapie. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass bei Ihnen eine Blutegel-Behandlung hilfreich sein könnte“, sagt Rampp, „denn Blutegel helfen oft bei von Arthrose betroffenen Gelenken.“

Betreuung

„Ich habe am ganzen Körper ständig schwere Schmerzen, obwohl ich viele Medikamente nehme“, sagt der 86-Jährige Anrufer. An machen Tagen sei er inzwischen kaum noch in der Lage, sich zu bewegen, dennoch lebe er allein. „Aber meine Tochter kommt, wenn ich sie brauche“, sagt der Anrufer. „Sie brauchen aber mehr als eine Ab-und-zu-Betreuung“, stellt Fritsche fest, „selbst aus der Ferne kann ich erkennen, dass Sie alles andere als optimal versorgt sind. Das müssen wir ändern!“ Und somit lädt er den Anrufer ein, in der Schmerzambulanz des Uniklinikums vorstellig zu werden. Zudem könnte man dort gemeinsam überlegen, ob für ihn ein Angebot des „Betreuten Wohnens“ in Frage käme, oder ob er einer Sportgruppe beitreten könne. Fritsche: „Denn Bewegung ist auch im Alter ungemein wichtig.“

Andrea Kleemann, Tobias Appelt

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