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Essener Notfallpraxen behandeln jährlich 51.000 Patienten

25.02.2015 | 19:14 Uhr
Essener Notfallpraxen behandeln jährlich 51.000 Patienten
Blick in den Wartebereich der Notfallpraxis Borbecker Ärzte. Allein am vergangenen Wochenende kamen 235 Patienten.Foto: Ulrich von Born / FUNKE Foto Services

Essen.  Zwei von vier Notfallpraxen sollen geschlossen werden. Krankenhausbetreiber warnen vor einer Abwälzung der Lasten auf die bereits ausgelasteten Notaufnahmen.

Silke Müller geht nicht oft zum Arzt. Meistens ruht sie sich kurz aus und wartet erst einmal ab. Aber als die Schmerzen im Arm immer schlimmer wurden, konnte und wollte die Sicherheitsmitarbeiterin nicht länger warten. Jetzt sitzt sie im Wartebereich der Notfallpraxis Borbeck, reibt sich das Handgelenk und malt damit Kreise in die Luft. Für die 36-Jährige ist die drohende Schließung der Notfallpraxis eine mittlere Katastrophe, denn die nächstgelegene Praxis ist für sie nur schwer zu erreichen.

„Ich habe kein Auto und das gilt sicher auch für viele ältere Menschen“, sagt sie mit hilfloser Stimme. Der behandelnde Arzt öffnet die Tür und ruft Silke Müller zu sich herein. „Das könnte eine Sehnenscheidenentzündung sein“, vermutet er nach kurzem Abtasten. „Ich schreibe Sie jetzt einen Tag krank und am Montag gehen sie zu ihrem Hausarzt“, so Norbert Doetsch, der am Wochenende regelmäßig Dienst in der Praxis am Philippusstift leistet.

"Seit 20 Jahren versorgen wir Patienten"

235 Patienten zählten die Borbecker Ärzte allein am vergangenen Wochenende. In der Karnevalszeit waren es sogar mehr als 150 Behandlungen an nur einem einzigen Tag. „Manchmal stehen die Leute bis zur Straße an“, berichtet Praxismanagerin Ursula Hengst, dann reicht sie eine Unterschriftenliste an die wartenden Patienten. „Wie sie ja alle wissen, soll die Praxis geschlossen werden. Bitte unterstützen sie uns, damit es nicht dazu kommt“, sagt sie kämpferisch. Alle im Flur unterschreiben. Jörg Schmeck, der ärztliche Leiter der Praxis, gibt sich optimistisch, was die Zukunft der Einrichtung an der Hülsmannstraße 17 angeht. Der Internist will „den Düsseldorfern“ beweisen, dass sich die Praxis rechnet. „Wir sind jetzt fast soweit, dass wir einen entsprechenden Antrag stellen können. Seit 20 Jahren versorgen wir Patienten, es hat sich auch noch nie ein Arzt darüber beschwert, dass er hier zu viel arbeiten müsste. Schließlich sind wir ein eingetragener Verein.“

Ehemals drei Krankenhäuser in Borbeck

Das mögliche Aus für die Notfallpraxis stellt das benachbarte Philippusstift vor erhebliche Probleme. Manfred Sunderhaus, Geschäftsführer des Katholischen Klinikums Essen, spricht gegenüber der NRZ von einer Katastrophe. „Wir haben eine ganz andere Ausrichtung und ein anderes Kostenvolumen. Es müssten ganz neue Parallelstrukturen aufgebaut werden, denn in den Notfallpraxen werden Fälle behandelt, die normalerweise von einem Hausarzt betreut werden.“ Sunderhaus rechnet vor: Die Notaufnahme des Philippusstifts behandelt jährlich etwa 15.000 Menschen. Dazu kommen 10.000 weitere Patienten, die mit der Notaufnahme in Berührung kommen, etwa durch Patientenverlegungen in andere Kliniken. In der angrenzenden Notfallpraxis schlagen jährlich nochmals 10.000 Personen auf. „Wenn man mal unterstellt, dass 50, 60, 70 Prozent davon künftig zu uns kommen, dann bedeutet das noch höhere Kosten und längere Wartezeiten“, betont Sunderhaus.

Vor 25 Jahren gab es noch drei Krankenhäuser im Stadtbezirk: Das Franziskushaus schloss 1990, das Bethesda-Krankenhaus folgte 2006. Geblieben ist nur das Philippusstift. „Die medizinische Versorgung ist sowieso schon komprimiert“, sagt Manfred Sunderhaus. „Und in unseren Kliniken sind wir auch so sehr ausgelastet.“ Den anderen Krankenhäusern in Essen geht es ähnlich. Der Kostendruck ist enorm, vor allem in den Notaufnahmen, in denen permanent teures Fachpersonal vorgehalten werden muss. Krankenhaus und Notfallpraxis bekämen zwar in etwa das gleiche Geld pro behandeltem Patient, so Sunderhaus. Aber der finanzielle Aufwand sei in der Fachklinik deutlich höher.

Zwei Praxen sind vermutlich zu wenig

Viel zu tun gibt es auch in der Notfallpraxis Altenessen. Die Mitarbeiter haben am Wochenende 227 Patienten betreut. „Das sind nur die Sitzpatienten“, erklärt Andrea Küchler, leitende Arzthelferin. „Dazu kommt noch der Fahrdienst, der die Altenheime versorgt. Das waren 76 zusätzliche Behandlungen.“ Zwischenzeitlich lag die Wartezeit in Altenessen bei drei Stunden.

Künftig könnten es noch mehr werden, denn die Einrichtung soll nach dem Willen der Kassenärztlichen Vereinigung auch die Patienten aus Borbeck und Rüttenscheid betreuen. Rechnet man jetzt die Patienten aus Borbeck und Altenessen zusammen, ergibt sich ein Gesamt-Wert für das Wochenende von 538 Behandlungen. Was heißt: Jeden Monat hätte man 2.152 Patienten zu versorgen. Diese Zahl müsste man in etwa verdoppeln, um einen Näherungswert für alle vier Notfallpraxen in Essen zu erhalten. Diese Zahl läge theoretisch irgendwo bei 4.300 Fällen. Das wären dann 51.000 Patienten pro Jahr. Genaue Angaben zu den Patientenzahlen waren weder von der Notfallpraxis am Lutherkrankenhaus in Steele noch von der Praxis am Alfried-Krupp-Krankenhaus in Erfahrung zu bringen.

Ärzte wie Jörg Schmeck glauben nicht, dass zwei verbleibende Notfallpraxen den enormen Zustrom an Patienten bewältigen können. Vielmehr sei zu erwarten, dass ein Teil der Patienten zuhause bleibt und die Erkrankung aussitzt, bis der Hausarzt wieder öffnet. Der andere Teil würde wohl zu den Notaufnahmen der Krankenhäuser gehen.

Felix Rentzsch

Kommentare
26.02.2015
11:44
Essener Notfallpraxen behandeln jährlich 51.000 Patienten
von KIJA | #2

Es völlig unverständlich warum ausgerechnet das Lutherhaus direkt an der Bochumer Stadtgrenze für den Essener Süden zuständig sein soll. Da ist das...
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http://www.derwesten.de/staedte/essen/hoehere-kosten-laengere-wartezeiten-id10395674.html
2015-02-25 19:14
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