Höhere Elternbeiträge für Ganztag tragen nicht zur Qualität bei

Die Stadt feiert die Ganztagsbetreuung an Schulen stets als ein Erfolgsmodell. Tatsächlich ist die Nachfrage ungebrochen. Doch ob die Rahmenbedingungen wirklich stimmen, ist fraglich.
Die Stadt feiert die Ganztagsbetreuung an Schulen stets als ein Erfolgsmodell. Tatsächlich ist die Nachfrage ungebrochen. Doch ob die Rahmenbedingungen wirklich stimmen, ist fraglich.
Foto: WR
Die Stadt Essen plant höhere Elternbeiträge für den Ganztag an Grundschulen. Das ist richtig, wird aber nichts zur Qualitätsentwicklung beitragen.

Essen.. Aus der „Offenen Ganztagsbetreuung“ an den Grundschulen in Essen gab es in den letzten Wochen zwei Nachrichten, deren Zusammenhang sich erst bei näherer Betrachtung erschließt.

Erste Nachricht: Die Stadt beschließt Ende Januar, rund 130 Erzieher, die im „Offenen Ganztag“ arbeiten, in die städtische Tochter „Jugendhilfe gGmbH“ auszugliedern. Zweite Nachricht: Die Elternbeiträge werden erhöht. Das soll der Rat Ende März beschließen.

Viel zu billig

Die Wahrheit ist aber: Der „Ganztag“ an der Grundschulen ist und bleibt viel zu billig, daran ändern auch Elternbeiträge nichts, egal, in welche astronomische Höhe sie noch wachsen mögen. Das liegt am Konzept – einem Konzept, das die Stadt Essen stets als „Erfolgsmodell“ verkauft. Denn man fing im Jahr 2003 mit 400 betreuten Kindern an, heute sind es knapp 9000.

Diese sagenhafte Nachfrage hat einen Preis, der in keiner Gebührensatztabelle auftaucht: Ihn bezahlt vor allem das pädagogische Personal – trotz aller Angebotsvielfalt, trotz aller Vorzeigeprojekte, trotz allen großartigen Engagements, das täglich in den Einrichtungen geleistet wird.

Wenig Hoffnung

Politik und Verwaltung begründen die geplante Preiserhöhung so: Sie sei nötig, weil die Ganztagsbetreuung „quantitativ und qualitativ weiterentwickelt“ werden müsse. Das ist absurd. Niemand muss glauben, dass von den höheren Elternbeiträgen, die jetzt anstehen, auch nur ein Cent in eine bessere Ausstattung für den Ganztag fließt – vor allem, was Personal und Räume angeht.

Es ist gutes Recht der Stadt, künftig den höchsten Gebührensatz zu fordern, den man fordern darf. Dem Vernehmen nach hat Stadtkämmerer Klieve ein entscheidendes Wort bei der neuen Gebührenordnung mitgeredet – auch das ist sein gutes Recht. Doch es mindert die Hoffnung, dass das Geld, das Eltern jetzt und künftig bezahlen, auch wirklich im Ganztag ankommt. Eher steht zu vermuten: Die Pleite-Kommune Essen stopft mit Elternbeiträgen ihre Schuldenlöcher, und in den Schulen bleiben die Verhältnisse, wie sie sind.

Die Gewerkschaft Verdi, der man stets unterstellen kann, mit grundlegender Kritik am System vor allem die eigenen Interessen zu wahren, hat ausnahmsweise uneingeschränkt Recht, wenn sie dem Ganztag an Essener Grundschulen attestiert: „Viel zu wenige ausgebildete Erzieher sind für viel zu viele Schulkinder zuständig, Räume zu klein und zu laut.“

Manche Kinder zahlen einen Preis

Sage und schreibe eine (!) Ganztagsstelle pro Standort ist seit 2011 von der Stadt vorgesehen; und das an Schulen, an denen gut und gerne mehr als 100 Kinder bis 16 Uhr betreut werden; hinzu kommt jeweils eine Teilzeit-Stelle pro Gruppe. Alle mühen sich nach Kräften, das Bestmögliche zu leisten, doch die Erfüllung eines Bildungsauftrags, den man ernst nimmt, sieht anders aus. Verwahrung statt Betreuung, von echter Förderung mal ganz abgesehen. So gesehen: Auch manche Kinder zahlen einen Preis.

Stattdessen soll weiter gespart werden, anders ist die Verlagerung von den letzten Erziehern weg von der Stadt hin zur „Jugendhilfe gGmbH“ nicht zu erklären, auch wenn niemand derzeit erkennen kann, warum das Einsparungen bringen soll. Sowohl Stadt als auch Jugendhilfe zahlen nach Tarif; auch bei der Stadt sind die Einstiegsgehälter in den letzten Jahren eher gesunken als gestiegen, und selbst Menschen, die sich sehr gut in der Materie auskennen, können diesen Organisationsschritt nicht nachvollziehen, der im Übrigen mit politisch fragwürdigen Methoden, an allen Ausschüssen und Gremien vorbei, im Hauruckverfahren durchgepeitscht wurde. Die Folge: Breite Verunsicherung bei den Erziehern. Zur Motivation, die auch in diesem Beruf ganz entscheidend ist, trägt das nicht bei.

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