Hochschule : Reform ist keine Revolution
Essen. 1999 brachten Vertreter aus 29 europäischen Staaten den "Bologna-Prozess" in Gang, mit dem Ziel ein einheitliches und dynamisches Hochschulsystem zu schaffen. An der Universität Duisburg-Essen ist der Wandel zu spüren.
Der Wandel der Universitäten ist nicht mehr aufzuhalten. Neun Jahre ist es inzwischen her, dass 29 europäische Staaten in Bologna vereinbart haben, ihre Studiengänge auf Bachelor und Master umzustellen. Große Hoffnungen und Ziele waren damit verbunden: So sollten Studenten schon nach drei bis vier Jahren einen international vergleichbaren Abschluss erreichen können, ihre Mobilität zwischen den europäischen Hochschulen sollte sich erhöhen, Abbrecherquoten und Studiendauer sollten sinken. WAZ-Redakteurin Andrea Kleemann sprach mit Professor Dr. Hans Fischer, Prorektor für Lehre und Studium der Universität Duisburg-Essen, über den Stand der Reformen an der UDE.
Wie weit ist die Reform an der UDE vorangeschritten?
Fischer: Wir haben im Wintersemester 2000/01 begonnen, die Bachelor-Studiengänge aufzunehmen und bieten inzwischen 37 Bachelor- und 57 Master-Studiengänge an. Somit sind alle Studiengänge umgestellt, ausgenommen der Lehramtsstudiengänge. Das liegt aber nicht in unserer Verantwortung, da hier die rechtlichen Grundlagen fehlen. Auch das Fach Medizin ist noch nicht umgestellt. Das liegt daran, dass dieses Studium aufgrund der Approbationsordnung für Ärzte nach einer bundesweit einheitlichen Struktur organisiert ist.
Bildungspolitiker versprachen sich von der Reform wahre Wunder. Zeichnen sich diese schon ab?
Fischer: Die Reform ist keine Revolution. Dass, was man mit den Beschlüssen von Bologna erreichen wollte, beispielsweise den problemlosen Wechsel ins Ausland, ist nicht eingetreten. Alle Universitäten fahren bislang ihr eigenes Modell. Es gibt europaweit nur ein geringes Maß an Vereinheitlichung und Studenten haben große Probleme, Defizite auszugleichen. Es geht bislang nicht ohne Reibungsverluste.
Warum?
Fischer: Alle Universitäten und Fachbereiche setzen andere Schwerpunkte. Es gibt keine einheitlichen Lehrpläne.
Welche Lösungen gibt es?
Fischer: Bildung ist immer ein langfristiger Prozess. Änderungen wirken sich erst nach 20 bis 30 Jahren aus. Daher würde ich nicht sagen, dass die Reform gescheitert ist. Positiv ist, dass die Universitäten offener geworden sind und mehr schauen, was die anderen machen.
Kritiker sagen, dass die Lehrpläne durch die Umstrukturierung überfrachtet sind. Ist das so?
Fischer: Das Studium ist straffer als vorher, berücksichtigt aber eher den Auftrag gegenüber der Gesellschaft als die persönliche Freiheit des Studenten, sich beispielsweise aus Interesse und Spaß zusätzliche Vorlesungen anzuhören. Eine gesicherte Aussage, ob Studenten durch das straffere Studium überfordert sind, gibt es nicht.
Hat sich die Studiendauer durch die Reform verringert?
Fischer: Allgemein kann man sagen ja. Für einen Bachelor-Abschluss benötigten die Studenten von 2003 bis 2007 etwa 6,1 Semester, für alle Master-Studiengänge im Durchschnitt 5,5 Semester bei einer Regelstudienzeit von vier Semestern.
Sind die Abbrecher-Quoten gesunken?
Fischer: An der UDE machen jeweils etwa 70 Prozent der Anfänger im Bachelor und Master einen Abschluss. Insgesamt eine gute Bilanz. Zur Zeit erforschen wir die Gründe für den Abbruch, um geeignete Maßnahmen ergreifen zu können.
Was tun Sie bereits?
Fischer: Wir verstärken die Beratungen, um unangemessene Erwartungen an das Studium gerade zu rücken. Wir bieten Brückenkurse und Tutorien als Hilfen durchs Studium. Die Möglichkeiten haben sich durch die Einführung der Studiengebühren verbessert.
Ein Blick in die Zukunft…
Fischer: Die Reform ist eine Chance für das neue Selbstverständnis der Uni, nicht mehr nur für den eigenen Nachwuchs auszubilden. Es gibt zudem Chancen für kreative Profilbildungen der Fachbereiche. Andererseits ist die Industrie gefordert, neue Berufsprofile auf der Grundlage der neuen Abschlüsse zu entwickeln. Der Wandel der Universitäten ist nicht mehr aufzuhalten. Neun Jahre ist es inzwischen her, dass 29 europäische Staaten in Bologna vereinbart haben, ihre Studiengänge auf Bachelor und Master umzustellen. Große Hoffnungen und Ziele waren damit verbunden: So sollten Studenten schon nach drei bis vier Jahren einen international vergleichbaren Abschluss erreichen können, ihre Mobilität zwischen den europäischen Hochschulen sollte sich erhöhen, Abbrecherquoten und Studiendauer sollten sinken.
Bologna
Im Juni 1999 einigten sich die Vertreter von 29 europäischen Staaten, das Hochschulwesen in Europa vergleichbar zu machen. Inzwischen haben sich 46 europäische Staaten diesem rechtlich unverbindlichen Bologna-Prozess angeschlossen, der den gemeinsamen europäischen Hochschulraum bis 2010 verwirklichen will. Kernstück ist ein gestuftes Studiensystem von Bachelor und Master mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen.









