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Hitler-Plakate

Hitler als plakativer Kronzeuge beim Straßenstreit in Essen

17.01.2013 | 20:00 Uhr
Hitler als plakativer Kronzeuge beim Straßenstreit in Essen
Im Streit um die Umbenennung zweier Straßen in Essen-Rüttenscheid griff die Anwohner-Initiative „Irmgard und Ortrud“ zu umstrittenen Mitteln.Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool

Essen.   Tabubruch oder Faktenvorlage? Im Rüttenscheider Straßenstreit in Essen wird provokativ nachgelegt. Die Anwohner-Initiative "Irmgard und Ortrud" hat nun Hitler-Plakate im Bezirk aufgehängt. Für Günter Hinken von der Initiative ist die Aktion "keine Polemisierung", sondern "eine pointierte Art und Weise historische Fakten" wiederzugeben.

Sie haben selbst „stundenlang darüber diskutiert, ob wir das nun machen oder nicht“. Was wohl nichts anderes heißt, als: Ja, man kann trefflich darüber streiten, ob es angezeigt ist, die Stimmung vor dem Bürgerentscheid um zwei Rüttenscheider Straßennamen mit einem Plakat anzuheizen, dass Adolf Hitler 1936 mit einem der beiden Straßennamen-Paten zeigt .

Am Ende haben sich jene, die die Umbenennung der Von-Einem- und der Von-Seeckt-Straße verteidigen, dafür entschieden, das Motiv abzusegnen. Weil es, wie Günter Hinken von der Anwohner-Initiative „Irmgard und Ortrud“ betonte, nicht um einen Tabubruch um des Tabubruchs willen ging, sondern darum, die Menschen „zum Nachdenken anzuregen“. Darüber, dass die Männer, die da im November 1937 aufs Straßenschild gehoben wurden „Hitler buchstäblich nahestanden“: „Für uns ist das keine Polemisierung“, so Hinken, „sondern ein Plakat, das auf pointierte Art und Weise historische Fakten wiedergibt“.

Befürworter sehen in ihrem Plakat zweifellos einen Coup

Geliefert hat sie der Von-Seeckt-Biograf Friedrich von Rabenau, von dem nicht nur das Von-Seeckt-Zitat von 1923 über Hitler stammt („Im Ziele waren wir uns einig, nur der Weg war verschieden“), sondern der auch das 1936 bei einem Herbstmanöver im osthessischen Illnhausen entstandene Foto druckte: Das Zusammentreffen mit dem „Führer“ sei für von Seeckt „eine der letzten großen Freuden seines Lebens“ gewesen, schreibt er da.

Foto: Alexandra Roth

Die Umbenennungs-Befürworter sehen in ihrem Plakat, das in 250-facher Auflage in Rüttenscheid hängt, zweifellos einen Coup, wollen aber auch Missverständnisse von vornherein vermeiden: Hitler-nah seien nur die Generäle gewesen, nicht etwa jene, die heute die 1937 eingeführten Straßennamen zu Ehren von Einems und von Seeckts verteidigen, hieß es vorbeugend. Diese Unterscheidung sei man auch den Vertretern des Bürgerbegehrens schuldig, die vorab über das Plakat informiert wurden. „Das war uns sehr wichtig.“

Öffentliche Infoveranstaltung am 22. Januar

Dass man in der Debatte an tatsächlichen oder vermeintlichen Tabubrüchen kaum vorbeikommt, finden die Umbenennungs-Befürworter schon mit Blick auf die jüngste Straßennamen-Debatte in Münster bestätigt: Dort hatte man ein Plakat zur Umbenennung des Hindenburgplatzes in Schlossplatz mit der berühmten Hitlerverbeugung für den Reichspräsidenten bebildert: „Nein zu Hindenburg“, hieß es da.

Und dass sie es ernst meinen mit der ernsthaften Faktensuche, wollen die Gegner der alten Straßennamen auch mit einer öffentlichen Infoveranstaltung am Dienstag, 22. Januar, um 19 Uhr in der Aula des Maria-Wächtler-Gymnasiums an der Rosastraße 75 unter Beweis stellen: Ein wenig Geschichtswissenschaftliches zu den beiden Straßenpaten wird es dort geben, dazu Stehtischgespräche mit Schülern, dem SPD-Landtagsabgeordneten Peter Weckmann und Nazi-Verfolgten aus den beiden Straßen.

„Wenn wir schon in die Debatte einsteigen“, sagt Günter Hinken, „dann wollen wir auch die ganze Geschichte erzählen.“

Wolfgang Kintscher


Kommentare
01.02.2013
11:45
Hitler als plakativer Kronzeuge beim Straßenstreit in Essen
von reminder | #87

Die Generäle gehören zur deutschen Geschichte. Das kann man nicht wegdiskutieren und sollte es auch nicht. Das große Vergessen noch zu befördern, indem man "unpassendes" aussortiert und die Erinnerungen austilgt, hat auch keine andere Qualität als Bücherverbrennung und Zensur. Nur eben von der anderen politischen Seite aus gesehen. Aber die Methodik ist die gleiche. Deshalb kann es auch nicht darum gehen, sich an den biographischen Details der beiden Generäle festzubeissen. Beide waren nach heutigem Verständnis sicher keine Demokraten, sondern in einer Welt verhaftet, die es heute nicht mehr gibt, die aber noch vor der Zeit des NS-Staates lag und ein wichtiges Bindeglied hierzu war.
Die Erinnerungen daran zu tilgen, heisst Geschichte auszulöschen, sie quasi neu zu schreiben und nur das betrachten zu wollen, was in die eigene Welt passt.
So aber funktioniert wirkliches Geschichtsbewußtsein nicht !

20.01.2013
01:25
Was macht eigentlich rkant?
von StadtmanndeNiro | #86

Wer kannn helfen? Postet rkant jetzt unter anderem Namen? oder ist er jetzt hier ganz gesperrt worden, ich bitte um Aufklärung!

20.01.2013
00:28
Hitler als plakativer Kronzeuge beim Straßenstreit in Essen
von buerger99 | #85

Dann müsste sich auch die Stadt Marl umbennen. Denn sie hat die Stadtrechte auch in der Nazizeit bekommen.
Warum haben sie sich nicht erkundigt, als sie in diese Straße gezogen sind oder dort ein Haus gebaut haben.
Diese Profilneurotiker die der Meinung sind so lange suchen zu müssen bis sie irgend etwas finden was in diesen 12 Jahren passiert ist, die der Meinung sind alle deutschen müssen auf ewig Abbitte leisten und immer in Demut sich alles gefallen zu lassen, sollten endlich mal die Augen aufmachen.
Es gibt auch heute noch genug Ecken auf der Welt in der diese Leute sich austoben können und zeigen das sie VERHINDERN das Minderheiten unterdrückt werden.
Aber sich aktiv mit der Jetztsituation zu beschäftigen und aktiv zu werden ist schwerer als in der Vergangenheit den Moralapostel zu spielen und anderen ihren Willen aufzuzwingen.
Ich hoffe diese "BesserBürger" fahren keinen BMW. Da könnte sie ja auch mal forschen, viel Spaß ;-)


19.01.2013
10:08
Hitler als plakativer Kronzeuge beim Straßenstreit in Essen
von nocheindirk | #84

Also ich wohne auch in einer Strasse die nach irgendjemanden benannt wurde. Hat mich bis jetzt nicht interessiert, und wird auch weiterhin nicht interessieren. Mich würde jetzt mal interessieren wer von den Bewohnern dieser Strassen wusst um was für Leute es sich bei den Namen handelte. Und es wäre doch mal interessant zu wissen wer von den befürwortung der Umbenennung dann wegziehen würde wenn die Strassen nicht umbenannt werden. Denn anscheinend gibt es ja einige von denen die es nicht mit Ihrem Gewissen vereinbaren können in einer "Nazi"-Strasse zu wohnen. Oder ist das bei vielen nur Profilierungssucht?

19.01.2013
08:56
Der Kleingärtner
von Ani-Metaber | #83

würde ja zu Namen, wie
"Zur dicken Knolle", oder
"Des Runkels Rübe"
raten.

Solche Namen können sich zeitlos sehen lassen.

19.01.2013
02:47
Hitler als plakativer Kronzeuge beim Straßenstreit in Essen
von schRuessler | #82

ALle Achtung!

81 Kommentare zum Thema Straßennamenänderung in Rüttenscheid!

Man packt sich annen Kopp.

19.01.2013
02:39
Hitler als plakativer Kronzeuge beim Straßenstreit in Essen
von fuchsflur | #81

In Zeit wo wir Sparen müssen und Kindergärten und andere Dinge wegen fehlender Gelder aufgeben müssen. Kommt nun diese unsinnige Dikussion zu den Straßennamen hoch. Alle die Kosten das alles zu ändern sollten Grund genug sein alles so zu belassen wie es ist. Die meisten wissen eh nicht mehr wirklich was hinter den Namen mal stand und am Ende bringt die Rückbennung nur besagte Kosten. Würde die Stadt Geld wie Heu haben, könnte ich das noch verstehen und ich selber kenne auch nur die Straßen mit den heutigen Name, aber ohne besagten Hintergund und man ist selber auch nicht politisch nach rechts deswegen geruscht.

19.01.2013
00:30
Wie wäre es denn
von lospolloshermanos | #80

mal "Berlin" näher zu beleuchten? Kann mich nicht erinnern, daß die Ruhrbürger mal einen Krieg angefangen haben (außer dem Hermann, der mit dem Denkmal). Kam und kommt irgendwie immer aus Berlin, der ganze Ärger.

19.01.2013
00:16
"Hitler als plakativer Kronzeuge" mal satirisch:
von eimerweise | #79

Die Kronzeugenregelung nach deutschem Recht:
"Nach Übernahme der Regierung durch eine Koalition aus SPD und Grünen unter Gerhard Schröder lief sie zum 31. Dezember 1999 aus." (Wikipedia)

-Irgendwie war Hitler schon früher ein Auslaufmodell :-)

Auch schön:
"Auf Grund der wichtigen Bedeutung eines Kronzeugen (...) wird heute insbesondere in der deutschen Sprache unter einem Kronzeugen ein vorbelasteter Zeuge verstanden, dessen Bestellung eine (letzte) Hilfsmaßnahme der Staatsanwaltschaft ist, wenn diese zwar von der Schuld des Angeklagten überzeugt ist, aber die anderen vorhandenen Beweismittel nicht ausreichen, um diese Schuld zweifelsfrei nachweisen zu können." (Wikipedia)

-Da müssen wir nur noch herausfinden: wer ist die Staatsanwaltschaft, wer ist der Angeklagte, was sind die Bewismittel, und wer trägt die Schuld? :-)

18.01.2013
23:51
Man sollte die Schilder hängen lassen.
von lospolloshermanos | #78

Nur weil wir in (Kern-)Europa es geschafft haben, mal ein paar Jahrzehnte keinen Krieg gegeneinander zu führen, sollte man eben durch die Reflektion von Geschichte lernen können, warum Krieg auch anderswo schlecht ist.

Oder ist es einfach besser die Wirklichkeit beiseite zu schieben. Für das persönliche Befinden oder noch schlimmer: eine falsche Erziehung?

Wir leben in kriegerischen Zeiten. Raushalten können wir uns nicht - ob wir es wollen oder nicht. Dann aber mit Hintergrund!

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