Historischer Katzenroman und ein Krimi mit Lokalkolorit

Sein Lieblingsplatz zum Schreiben ist ein alter Ledersessel des Großvaters. Dort arbeitet der Essener Autor Joachim Stengel  an seinen Krimis.
Sein Lieblingsplatz zum Schreiben ist ein alter Ledersessel des Großvaters. Dort arbeitet der Essener Autor Joachim Stengel an seinen Krimis.
Foto: Socrates Tassos/FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Neue Bücher von Essener Autoren: Bernd Hagenbusch und sein Roman „Die  Gabe des  Orlando  Fuchs“. Joachim Stengel macht’s spannend in „Tod vor der Tür“.

Essen.. Die literarischen Artgenossen heißen Killmousky, Hortense oder Felidae und sie haben prominente Schöpfer. Aber wenn man Bernd Hagenbusch nach einem Vorbild fragt, dann nennt er keinen dieser erfolgreichen Katzenromane, sondern den Klassiker schlechthin, Herman Melvilles „Moby Dick“. Ein Buch, wuchtig wie eine Ozeanwelle, prall wie ein Walfischbauch, „etymologisch, kunsthistorisch, sozialkritisch, philosophisch“, alles drin. Bernd Hagenbusch hat es seit Jahrzehnten im Bücherschrank.

Und er hat es auch noch geliebt, als er beruflich in einer Branche gearbeitet hat, die es lieber knapp und präzise hält statt ausschweifend. Der Heisinger hat drei Jahrzehnte sehr erfolgreich in der Werbebranche gearbeitet, bevor er beschlossen hat, von der Kurz- auf die literarische Langstrecke zu wechseln. „Natürlich kann ich Melville nicht das Salzwasser reichen“, lacht Hagenbusch. Aber inzwischen ist der eigene Roman da. „Die Gabe des Orlando Fuchs“: umfassende 476 Seiten lang, literarisch anspielungsreich und faktensatt, fantasievoll und fundiert, eine weit über das rein enzyklopädische Wissen hinaus gedachte Geschichte vom Verhältnis zwischen Mensch und Tier, Katzen im speziellen.

Frauen, die Katzen lieben

Ein Katzenroman? Nicht nur. Ein historischer Roman, ein Reiseroman, ein Entwicklungsroman und – auch das hat Hagenbusch nicht außer Acht gelassen – ein Frauenroman. 80 Prozent der heutigen Leser, so sein Argument, seien weiblich. Und die überwiegende Zahl der mehr als zwölf Millionen Katzen in Deutschland würden von Frauen geliebt. Eine große Zielgruppe, und trotzdem hatten die Verlage so ihre Probleme mit diesem vielseitigen „Orlando Fuchs“. In welches Regal soll man so ein Buch denn nun einsortieren?

Am Ende hat Hagenbusch das Werk in einer Book-on-Demand-Edition herausgebracht. Mit all den literarischen Lieblingsstellen und kleinen Ausschweifungen, mit den faktenreichen Details und dem historischen Wissen, das er sich für dieses Buch über Jahre angeeignet hat. Vom kenntnisreichen Abstecher ins British Museum bis zur detaillierten Schilderung eines Ozean-Dampfers um die Jahrhundertwende. Auf dem schippert Orlando Fuchs Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika. Der Romanheld, der als Kind nicht Feuerwehrmann oder Astronaut, sondern Katze werden will. Er erkundet die Welt, trifft große Persönlichkeiten wie Florence Nightingale und wird selbst zum gefragten Katzenpapst.

Dabei hat der 67-Jährige selber lange nichts mit dem Samtpfoten anfangen können. Bis seine Frau im Urlaub ein strubbelig-rosiges Exemplar buchstäblich aus dem Müll gezogen hat, das nicht nur auf dem lavendelfarbenen Buchcover Modell gestanden hat. Seither hat sich sein Verhältnis zu Katzen geändert. „Das Faszinierende ist, dass sie auch als Haustier noch wild bleiben. Man kann einen Löwen so dressieren, dass er auf Anweisung durch einen Reifen springt. Eine Katze macht es vielleicht auch, aber wann sie will“, lächelt Hagenbusch.

Der Essener, der im Netz schon Zuspruch für seinen Erstling bekommen hat, sitzt inzwischen an nächsten Buch. „Kein Katzenroman“, betont er. Hagenbusch will neue Herausforderungen suchen. Vielleicht hätte er ein paar Jahre früher mit dem Schreiben loslegen sollen, überlegt er kurz: „Aber der alte Job war doch auch großartig.“

Mörderisches Heimatgefühl: „Tod vor der Tür“

Tatort Ruhrgebiet. Das Land von Kohle und Stahl ist längst auch Hochburg des literarischen Verbrechens. Der Mord vor der Haustür hat zumindest auf dem Papier Konjunktur und deshalb musste der Essener Joachim Stengel auch gar nicht lange überlegen, wo seinem Privatdetektiv Robert Erich Tarne die nächste Leiche buchstäblich vor die Füße fällt: Mitten im Pott, zwischen Bochumer Ruhr-Uni und Biergarten am Uhlenkrug muss Tarne ermitteln, nachdem direkt vor seinem Büro in Essen-Kray ein Mann erschossen wurde. Der „Tod vor der Tür“ wird zum Trip durch den mörderischen Betrugs- und Korruptions-Sumpf.

Eine CD mit den Daten von Steuersündern kommt ins Spiel, der Geheimdienst schaltet sich ein und am Ende hat sogar die Kanzlerin ein Wort mitzureden. Joachim Stengel hat das dazugehörige Bild aus den Nachrichten noch gut in Erinnerung. Überhaupt lässt er sich gerne von Nachrichten, bestimmten Orten und Begegnungen inspirieren, die er in seinen Krimis dann zu spannenden Plots und vielschichtigen Personen formt.

Psychologische Praxis in Duisburg

Joachim Stengel weiß viel über Menschen und Lebens-Motive. Nicht erst, seit er Psychologie studierte und seit Ende der 1990er Jahre eine Praxis in Duisburg führt. Zwischen 1976 und 1993 hat er schon verschiedene Szenekneipen in Essen geleitet, unter anderem das legendäre „Domino“ in Rüttenscheid. „Da hab ich viel mitgekriegt.“ Als leidenschaftlicher Krimi-Leser war es außerdem irgendwann an der Zeit, Nachschub zu beschaffen. „Ich habe einfach nichts mehr gefunden, was mich interessiert hat“, sagt der Fan von Raymond Chandler bis Henning Mankell. Zu viel Blut, zu viel Folter, zu viel Brutalität. Da besann sich Joachim Stengel auf eine Leidenschaft, die er schon während der Studienzeit gepflegt hat – das Schreiben. Damals war ihm sogar ein Autorenvertrag angeboten worden, „aber ich habe nicht weitergemacht“,, bedauert der 63-Jährige heute. „Tod vor der Tür“ erschien inzwischen als Paperback bei Books on Demand (ISBN 9 783-738 643329, 10,65€) ) die nächsten drei Werke sind schon in Arbeit. Lokaler Wiedererkennungswert nicht ausgeschlossen.

„Seit ich schreibe, merke ich erst, wie verwurzelt ich mit dem Ruhrgebiet bin“, sagt Stengel, der 1952 in Stralsund geboren wurde und 1960 ins Ruhrgebiet kam. Das mörderische Heimatgefühl holt ihn seither regelmäßig ein. Im Sessel seines Großvaters, der bis ins hohe Alter Bildungsabenteuer suchte.