Hilfe aus Essen tröstet die Flüchtlinge in Charkow

Eine der vier Ausgabestellen im ukrainischen Charkow, wo Flüchtlinge aus den umkämpften Gebieten mit dem Nötigsten versorgt werden.
Eine der vier Ausgabestellen im ukrainischen Charkow, wo Flüchtlinge aus den umkämpften Gebieten mit dem Nötigsten versorgt werden.
Was wir bereits wissen
Ein Hilfstransport, den Essener mit Spenden bestückt haben, ist im ukrainischen Charkow eingetroffen. Die Dankbarkeit der Menschen dort war überwältigend.

Essen.. Er hat eine Hilfsbrücke in diese Stadt gebaut, hat gerade einen Hilfstransport nach Charkow gebracht. Er hat die Dankbarkeit der Menschen in der zweitgrößten Stadt der Ukraine erlebt, kaum zehn Tage ist das her: „Nun ist die Angst in Charkow angekommen“, sagt Thomas Schiemann. Denn am Sonntag kamen dort bei einem Bombenanschlag drei Menschen ums Leben.

Bislang gilt die ostukrainische Stadt mit ihren 1,5 Millionen Einwohnern als Zufluchtsort für alljene, die aus den Regionen Donezk und Lugansk fliehen, wo sich ukrainische Regierungstruppen und prorussische Separatisten bekämpfen. „Tausende sind am Bahnhof von Charkow gestrandet, verängstigt und oft nur mit dem, was sie auf der Haut tragen.“ Schiemann hat das selbst erlebt, als er im Oktober 2014 mit seiner ukrainischen Frau Liudmyla nach Charkow reiste. Was als Verwandtenbesuch geplant war, wurde zur Begegnung mit menschlichen Schicksalen, die den Essener Geschäftsmann nicht losließen. „Nichts ist mir je so nahegegangen.“

Die Helfer packten 265 Kisten

Und so hat er – ohne die Infrastruktur einer Hilfsorganisation – eine bemerkenswerte Aktion ins Leben gerufen: Hat Spender und Unterstützer gewonnen, mit denen er im Advent 265 Kisten mit Winterkleidung und Kindersachen packte und akribisch für den Zoll beschriftete. Mit auf die Reise gingen gestiftete Matratzen sowie Windeln und Zahnbürsten, die von den Geldspenden gekauft wurden. „Ich hatte auf ein Weihnachtswunder gehofft, aber das sollte sich nicht erfüllen.“ Obwohl das orthodoxe Weihnachtsfest erst Anfang Januar gefeiert wird.

Doch die ukrainischen Behörden hielten den Transporter fest, jede Kiste wurde offenbar genau kontrolliert. Erst Anfang Februar flogen die Schiemanns nach Charkow, weil die Hilfsgüter endlich freigegeben wurden. Wieder erlebte Schiemann Szenen, die ihn nicht loslassen: „Am Bahnhof sah ich einen über 80-Jährigen, erschöpft, zu Boden schauend – und bei Eiseskälte mit Pantoffeln an den Füßen.“ Er kaufte dem alten Mann Winterschuhe, um ihn zu wärmen und zu trösten. Die Anteilnahme, das Gefühl, nicht vergessen zu sein, sei für die Flüchtlinge so wichtig wie eine warme Jacke oder eine Decke. „Viele erzählen mit Tränen in den Augen, dass sie nicht verstehen, dass ihre russischen Brüder sie angreifen – fast jeder hat doch russische Verwandte.“

Helfer wurden von den Menschen umarmt

Mindestens 100.000 Flüchtlinge haben die Bewohner von Charkow schon aufgenommen – oft in ihren kleinen Wohnungen – und täglich kämen 100 weitere Flüchtlinge am Bahnhof an, sagt Schiemann. „Sie klagen nicht, fordern nichts, warten stundenlang an einer der Ausgabestellen, bis sie an der Reihe sind.“

Diese vier Stellen werden wie die Auffangstation am Bahnhof von Ehrenamtlichen betreut; diese stellen auch sicher, dass die Spenden aus Essen bei den Flüchtlingen ankommen. Die Helfer haben mit den Schiemanns vor Ort 130 Kinderbetten sowie Babynahrung gekauft und dafür gesorgt, dass die Hilfsbrücke aus Essen in Zeitungen und Fernsehen gewürdigt wurde. Dieses Echo auf eine private Aktion freut Schiemann. „Aber das berührendste war die große Dankbarkeit der Menschen, die uns spontan umarmten.“

Deren Not will Schiemann weiter lindern helfen; und weil der Hilfstransport so lang unterwegs war, will er nun bis Ostern Geldspenden sammeln, nach Charkow fliegen und dort kaufen, was benötigt wird. Bis dahin werden er und seine Frau bang die Nachrichten aus der Ukraine verfolgen: Die Angst, dass der wacklige Waffenstillstand vollends bricht, ist auch ihre Angst.